Home » Home » Erfolgsformel

Erfolgsformel

Die Formel 1 gehört zu den größten Sportevents der Welt. Einige Zeit hatte sie Probleme, auch jüngere Zuschauer zu begeistern.
Das hat sich jetzt geändert.

Worum geht es in der Formel 1? Schöne Autos? Hohe Geschwindigkeit? Oder vielleicht spektakuläre Rennszenen? Die Formel 1 ist über Jahre hinweg ein überaus erfolgreicher Sport gewesen. Legenden wie Niki Lauda, Ayrton Senna oder Michael Schumacher sind das Resultat, aber auch der Grund für die weltweite Begeisterung für diesen Motorsport. Doch schien die Formel 1 in den vergangenen Jahren immer mehr den Bezug zur Zukunft, zur Jugend zu verlieren. Eine Vermarktungsoffensive und ein paar überragende Charaktere später ist die Jugend wieder am Ball, oder besser gesagt: im Cockpit.
Raphael Hardt wohnt in Bissen an der Attert. Der 22-jährige BTS-Absolvent ist in seinem Freundeskreis für so einiges bekannt: seine ansteckende positive Art, das unglaublich leckere indische Essen seiner Mutter und seine Leidenschaft für den Sport. Letzteres bringt ihn immer wieder in Kontakt mit neuen Sportarten. Seine erste Begegnung mit der Formel 1 datiert allerdings bereits aus den frühen Jahren seines Daseins.

FIA_F1_Austria_2019_Nr

„Früher habe ich die Formel 1 eher passiv verfolgt“, sagt er. „Das war meistens zusammen mit meinem Vater auf Familienfeiern.“ Das sei die Schumi-Ära gewesen, doch während die lebende Fahrerlegende für viele Fans den Reiz der Formel 1 ausmachte, war er für Raphael eine Art Stimmungskiller: „Ich habe mich damals eigentlich nur gelangweilt, weil Schumacher immer gewonnen hat.“

Daraufhin verloren sich Raphael und der Sport der dröhnenden Motoren etwas aus den Augen. Eine gedrosselte Renaissance erlebten die beiden in seiner Gymnasiums-Zeit im LCD in Diekirch. „Das war das erste Mal, dass ich die Namen aller Fahrer kannte“, erinnert sich der sympathische Luxemburger mit indisch-portugiesischen Wurzeln. Der Grund für diese kleine Wiedergeburt war das 2011 erschienene Video-Spiel „F1 2012“. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass die Formel 1 Raphael mit einer guten Vermarktung zurück in ihren Bann zog. Vorerst lief der Fußball der Formel 1 allerdings wieder den Rang ab.

Fast schon romantisch und durchgehend mit einem Lächeln auf den Lippen setzt Raphael zur nächsten Episode in der Saga um die Formel 1 an: „Meine jetzige Begeisterung für die Formel 1 kommt einfach daher, dass wirklich alles gepasst hat.“ Der Moment sei einfach perfekt gewesen. „Wegen Corona gab es über Monate keinen Sport mehr. Das F1-Rennen in Österreich war das erste große Sportevent seit langem“, so Raphael, „dementsprechend hungrig habe ich mich darauf gestürzt.“ Der erste Schritt war gemacht, doch brauchte es noch etwas mehr, um Raphaels Herz gänzlich zu gewinnen. „McLaren war schon immer mein Lieblings-Stall“, gesteht er. „Zu sehen, dass sie endlich wieder wettbewerbsfähig sind, hat den Bock dann schlussendlich umgestoßen.“
Endlich den Bund der anhaltenden Leidenschaft eingegangen, sah sich Raphael allerdings wieder mit dem initialen Problem konfrontiert. Zwar heißt die dominierende Instanz nicht mehr Schumacher, sondern Lewis Hamilton. Seine Vorherrschaft ist nicht minderbedeutend. „Ich habe angefangen, mich weniger auf den Gewinner als auf das Mittelfeld zu konzentrieren. Das ist wohl der ausschlaggebende Punkt.“ Das Mittelfeld bot Raphael den Faktor, welchen er an der Spitze des Feldes vergebens suchte: Spannung. „Ein weiterer großer Faktor war, dass nur noch eine Woche zwischen den Rennen war. Dadurch blieb die Formel 1 immer frisch.“

47-Formel-1-Kopie

Aber die Leidenschaft alleine mit dem Zusammenspiel aus Corona-Verzweiflung und mäßigen McLaren-Erfolg zu erklären wäre falsch. Denn Raphael ist, wie viele andere junge Menschen auch, das Ziel einer Vermarktungsoffensive der Formel 1 gewesen. „In den sozialen Medien hat die Formel 1 richtig Gas gegeben“, weiß er. „Vor allem auf YouTube findet man Clips, die zeigen, wie lustig und sympathisch die Fahrer sind.“ Diese Charme-Offensive kommt nicht zuletzt bei der jungen Generation richtig gut an. „Trotz des Wissens, dass es alles superreiche Promis sind, illustriert das alles eine gewisse Bodenständigkeit. Man hat das Gefühl, die Fahrer seien erreichbar.“ Darin sieht Raphael, vor allem im Vergleich zum Fußball und Spielern wie Neymar, einen großen Vorteil der Formel 1.

Nur der Formel 1 auf die Schulter zu klopfen, wäre aber ein Fehler. Raphael nennt sie herzlich passend die „Twitch-Gang“, für die Formel 1 sind sie eine waschechte Goldgrube. Mit dem jungen Briten Lando Norris als Zugpferd sind vier aktuelle Fahrer nämlich auch neben der Rennstrecke rasant unterwegs. Twitch ist eine Plattform, auf der sogenannte „Streamer“ sich selbst beim Zocken filmen und das ihren Zuschauern zur Verfügung stellen. Eben genannter Lando Norris, Ferrari-Hoffnung Charles Leclerc, George Russel und Alex Albon vertreiben sich auf dieser Plattform gerne ihre Zeit. „Es zeigt die Piloten von ihrer menschlichen Seite“, erklärt Raphael. „Das kommt richtig gut bei den Jugendlichen an. Dass die drei dann auch noch so verdammt lustig sind, ist einfach nochmal ein Bonus.“

Alles in allem bieten die neuen Medien der Formel 1 und ihren Piloten die große Möglichkeit, sich besser darzustellen. Diese Chance haben sie genutzt: „Ich kenne die Fahrer dadurch viel besser. Und dann fiebert man in den Rennen automatisch etwas mehr mit ihnen mit.“ Seine neu geborene Liebe zur Formel 1 sieht man Raphael an. Darüber reden, könnte er wohl ohne Unterbrechung. Aber auch Raphael weiß: Liebe ist am besten, wenn man sie teilt. Genau deswegen erwischt er sich immer wieder dabei, andere von der Formel 1 überzeugen zu wollen.

„Stand heute sollte man sich nicht zu sehr auf die ersten Plätze einschießen“, erklärt Raphael lachend. Dann droht das gleiche Schicksal wie ihm bei seiner ersten Begegnung mit der Formel 1: Langeweile. „Junge Leute, die noch nicht so wirklich drin sind, sollten sich also zuerst mit den jungen Piloten auseinandersetzen. Wenn dort erstmal eine Identifikation entsteht, dann wird das ganze Konstrukt Formel 1 direkt viel interessanter.“ Und Raphael hat Recht. Auf seinen Rat hin, habe auch ich mich genauer mit den Piloten der Formel 1
auseinandergesetzt. Wenn jetzt der Brite Lando Norris mit seinem unverkennbaren Lachen und seinem fast kindlichen Humor das nächste Mal in sein Auto steigt, weiß ich: Ich werde mitfiebern.

Text: Daniel Baltes / Fotos: Morio, Lukas Raich/Wiki Commons, privat

Author: Dario Herold

Login