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Ernte des Sturms

Nach dem Luftangriff der saudischen Koalition auf al-Hudaida, einer Großstadt am Roten Meer im Westen des Jemen.

Nach dem Luftangriff der saudischen Koalition auf al-Hudaida, einer Großstadt am Roten Meer im Westen des Jemen.

Im Jemen tobt seit sechs Jahren unter dem Mitwirken mehrerer internationaler Akteure ein Krieg, der das Land weitgehend zerstört. Vierter Teil der revue-Serie über den „Arabischen Frühling“.

Aden, 11. Januar 2017: Nadim Sakkaf wollte nur seinen Schwiegervater zum Flughafen bringen. Dieser hatte vor, von der Stadt im Süden des Jemen nach Dubai zu fliegen – unter anderem um sich ärztlich behandeln zu lassen. Der damals 75 Jahre alte Mann litt an einer seltenen Form des Bluthochdrucks und an einem Bandscheibenvorfall. Plötzlich näherte sich ein Flughafenangestellter den beiden und drängte sie dazu, in ein Büro zu gehen. Die zwei Männer kamen in Haft und wurden erst acht Monatespäter, nachdem die Hilfsorganisation Amnesty International ihr Verschwinden gemeldet hatte, wieder freigelassen.

Es war nicht das erste Mal, dass Nadim verhaftet worden war. Bereits zwei Mal hatte man den Jemeniten festgenommen. „Einmal für ein paar Tage, ein anderes Mal für vier Monate“, sagt der heute 47-Jährige. „Auch mein Bruder wurde eingesperrt, und sogar meine Frau kam in ein Sicherheitsgefängnis. Sie durfte nach kurzer Zeit wieder raus. Wegen der Kinder. Daraufhin wurde sie unter Hausarrest gestellt“, erzählt Nadim, dem zusammen mit seiner Familie und mit Hilfe von Amnesty und der luxemburgischen Regierung im September 2017 die Ausreise aus dem Jemen gelang.

„Wir hatten gute Kontakte zu Am-nesty“, erklärt Nadim, der seither mit seiner Frau und den beiden Söhnen, 17 und 13 Jahre alt, im Großherzogtum lebt. Im Jemen hatte der Menschenrechtsaktivist und studierte Physiker einst eine Friedensorganisation gegründet. „In den Zeiten des Krieges für den Frieden einzutreten, statt die Jugend dazu zu verführen, in den Kampf zu ziehen, wurde mir zum Vorwurf gemacht“, sagt er. Ins Gefängnis geworfen wurde er aber nicht zuletzt wegen seines Glaubens: Als Baha’i war er wie die anderen Anhänger dieser modernen und einheitsfördernden Religion in dem arabischen Land der Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt (siehe Kasten unten).

Die Situation der Baha’i hatte sich mit dem Ausbruch des Krieges im Jemen 2015 deutlich verschlechtert. Für die Weltöffentlichkeit hingegen hat der Konflikt kaum eine Rolle gespielt. Er gilt als „der vergessene Krieg“, wie der deutsch-jemenitische Staatswissenschaftler Said AlDailami in seinem gleichnamigen Buch schreibt. Dabei tobt er bereits seit sechs Jahren unter der Beteiligung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Der Krieg hat das Land im Süden der arabischen Halbinsel territorial, sozial, ethnisch und konfessionell fragmentiert und die Infrastruktur zerstört. Im Krieg seien alle Regeln und Normen des Völkerrechts mit Füßen getreten worden, weiß AlDalami. Er spricht von der „schlimmsten Katastrophe des 21. Jahrhunderts“. Wenn die Saudis und Emirate einmal ihre regionalen Machtansprüche verwirklicht haben und der Krieg zu Ende ist, werden nach seiner Einschätzung drei Teile entstehen: ein von Saudi-Arabien kontrolliertes Territorium im Osten und Südosten des Landes, ein von den VAE gelenktes im Süden und Südwesten, sowie ein von den Huthi kontrolliertes Gebiet im Norden und Nordwesten. Als größter Verbündeter der Letztgenannten gilt der Iran. Diese Aufteilung wäre, so AlDailami, der „Humus für weitere Kriege“. Denn nachfolgende Generationen von Jemeniten würden sich kaum damit zufriedengeben.

Für die Weltöffentlichkeit hingegen hat der Konflikt kaum eine Rolle gespielt. Er gilt als „der vergessene Krieg“.

Als im Februar 2011 der Funke der sogenannten Arabellion von Tunesien, Ägypten und anderen Ländern übersprang, strömten Menschen aus allen Teilen des Jemens in die Hauptstadt Sanaa. Das Ziel der Proteste war zum einen der Rücktritt des seit drei Jahrzehnten herrschenden Präsidenten Ali Abdullah Saleh. Darüber hinaus forderten die Demonstranten soziale Gerechtigkeit und ein Ende von Korruption und Vetternwirtschaft. „Das Ziel war eine bürgerliche und säkulare Gesellschaft“, sagt Nadim Sakkaf. Die Demonstrationen blieben weitgehend friedlich, obwohl das jemenitische Volk schon zu diesem Zeitpunkt bis an die Zähne bewaffnet war, wie Said AlDalami betont: 60 Millionen Waffen und Waffenteile befanden sich schon vor Ausbruch des Krieges im Jemen.

Im Jahr darauf kam es zur Einigung auf eine friedliche Machtübergabe an Salehs bisherigen Stellvertreter Abe Rabbo Mansur Hadi. In den beiden Folgejahren sollte es unter dessen Führung eine neue Verfassung geben und danach freie demokratische Wahlen abgehalten werden. Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen nahm eine „Nationale Dialogkonferenz“, die alle Gruppierungen des Landes einschloss, ihre Arbeit auf. Nach mehreren Monaten wurden Empfehlungen für eine neue Verfassung ausgesprochen. Aber die wirtschaftliche Situation hatte sich inzwischen dramatisch verschlechtert. So waren die Preise für Lebensmittel und Öl wie auch für Gas enorm angestiegen. Unterdessen nahmen die Spannungen zwischen den einzelnen Gruppierungen zu. Der Streit entzündete sich unter anderem an der Empfehlung der Dialogkonferenz, das Land in sechs Regionen aufzuteilen.

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Nadim Sakkaf

An diesem föderalen Staatsgebilde störten sich der „Allgemeine Volkskongress“, die Partei des Ex-Präsidenten Saleh, und vor allem die Huthis, eine politisch-militärische Bewegung der Zaiditen*, die ihre separatistischen Bestrebungen im Nordjemen bereits im Juni 2004 mit einem Aufstand verfolgt hatten. Gemeinsam putschten sie im September 2014 gegen Hadi. Die Huthis und die Saleh-treuen Militärs jagten den Übergangspräsidenten nach kurzer Zeit aus dem Amt. Doch das Zweckbündnis hielt nicht lange – es endete mit der Ermordung Salehs durch die Huthis im Dezember 2017, weil dieser zum Aufstand gegen sie aufgerufen hatte. Schließlich erklärten Saudi-Arabien und die VAE der Huthi-Saleh-Koalition den Krieg. Ihre Allianz, der sich weitere arabische und auch afrikanische Staaten anschlossen und deren militärisches Vorgehen durch eine UN-Resolution legitimiert wurde, bombardierte den Jemen und versuchte, mit Söldnertruppen am Boden die Hauptstadt zurückzuerobern. Die USA und andere westliche Staaten unterstützen das Vorgehen – mit der Begründung, die aus Sanaa verjagte Regierung des sich im Exil in Riad befindenden Präsidenten Hadi wieder einsetzen zu wollen.

Ursprünglich wollten die Saudis ihre Militäroffensive unter dem Namen „Decisive Storm“ nach wenigen Wochen beenden. Die Rechnung der Angreifer schien zunächst aufzugehen und die Anfang 2015 bereits bis nach Aden vorgedrungenen Huthi-Milizen konnten binnen weniger Wochen wieder aus den südlichen Gebieten verdrängt werden: Durch die Luft- und Seehoheit der Militärallianz und die damit verbundene Blockade zogen sie sich wieder in den Norden des Landes zurück. Allerdings blieb Sanaa weiter in den Händen der Huthis. Aus dem vermeintlichen Blitzkrieg „Decisive Storm“ wurde ein zerstörerischer Zermürbungs- und Vernichtungskrieg an mehreren Fronten, bei dem modernste Waffen zum Einsatz kommen. „Die westliche Waffenindustrie“, schreibt Said AlDailami übrigens, „kommt kaum hinterher, die Bestellungen der Golfstaaten zeitgerecht auszuliefern.“

Der vermeintliche „entscheidende Sturm“ hatte keine Entscheidung gebracht, aber schreckliche Früchte getragen. Allein am Boden hat der Krieg bisher mehrere zehntausend Menschenleben gekostet. Hinzu kommen Bombardements aus der Luft auf militärische und zivile Ziele. Die Militärallianz schaffte es weder, die Huthis zu vertreiben, noch Hadis Exilregierung wieder ins Land zu holen. Letztere hat kaum noch Rückhalt innerhalb der jemenitischen Bevölkerung. Dagegen bilden die schiitischen Huthis und der Iran weiter eine stabile Achse. Die persischen Machthaber haben ihre Rolle als Machtfaktor im Laufe des Konflikts ausgebaut, während es Mohamed Bin Zayed, dem Bruder des Präsidenten der VAE, und Kronprinz Mohamed Bin Salman von Saudi-Arabien nicht weniger um die Vorherrschaft in der Region geht.

Das Bildungssystem ist kollabiert, und das zusammengebrochene Gesundheitswesen war der Cholera und der Corona-Pandemie hilflos ausgeliefert.

Nach sechs Jahren Krieg ist die Infrastruktur des Landes zerstört. In Jemen herrschen anarchische Zustände. Die Warlords im Landesinnern haben bewusst eine Hungersnot ausgelöst, aber auch die Saudis und Emirate haben eine Politik des Aushungerns betrieben. So wurden Hilfslieferungen aus dem Ausland durch eine Land-, Luft- und Seeblockade bewusst unterbunden. Das Bildungssystem ist kollabiert, seit 2016 werden die Gehälter der Beamten nicht mehr bezahlt. Das zusammengebrochene Gesundheitswesen war der Corona-Pandemie hilflos ausgeliefert. Außerdem brach 2017 im Jemen die
laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) weltweit schlimmste Cholera-Epidemie aus, die je dokumentiert wurde.

Hinzu kamen Naturkatastrophen wie die verheerenden Regenfälle im April und August vergangenen Jahres, und die unzähligen Landminen auf jemenitischem Territorium. Die Bilanz des Krieges – nach Angaben von Said AlDailami – lautet nach sechs Jahren: mehr als 100.000 Tote aus unmittelbaren Kriegshandlungen und mindestens 130.000 indirekte Todesfälle, 3,65 Millionen Vertriebene, 20 Millionen Menschen, die teils in bitterer Armut leben, mehr als 14 Millionen sind von Hunger bedroht. Alle zehn Minuten stirbt ein Kind infolge von Mangelernährung und fehlender medizinischer Versorgung. Die Emirate haben zwar fast ihre gesamten Truppen aus dem Jemen abgezogen, unterstützen aber nach wie vor ihre Verbündeten finanziell und mit Material. Und Saudi-Arabien führt wohl hin und wieder direkte Gespräche mit den Huthis – konkrete Vereinbarungen blieben jedoch aus.

Für die Nichtregierungsorganisationen ist die Arbeit zunehmend schwierig geworden. „Viele NGOs haben das Land verlassen“, weiß Nadim Sakkaf. „Zu unsicher war die Lage.“ Das gilt nicht zuletzt für seine von den Baha`i-Gedanken verpflichtete Organisation. Die vom Iran gesteuerten Huthis haben den Baha`i ein ums andere Mal gedroht. „Wir machen euch fertig“, hieß es. „Sie drohten uns umzubringen. Wir wurden als Spione verdächtigt, für Israel und andere, dieses Mal war es der Vorwurf, für den Frieden einzutreten.“ Als die Verfolgung zunahm, musste er mit seiner Familie mehrmals den Wohnsitz wechseln. Er wurde zum Gejagten – und zum Gefangenen. „Ein luxemburgisches Gefängnis dürfte ein Fünf-Sterne-Hotel dagegen sein. Wir hatten kaum Platz zum Stehen. Wir waren 42 Männer in einer Zelle, jeder mit kaum 50 Zentimeter Platz“, beschreibt er die Haftbedingungen. Ziel sei es gewesen, „uns zu zerbrechen“, sagt Nadim. „Unter den Gefangenen waren auch Terroristen von Al-Qaida. Eine besonders grausame Strafe war es, mit ihnen zusammen in einer Zelle gesperrt zu sein. Sie drohten, uns zu töten.“ Einen Anwalt habe er nicht gehabt, und erst nach Monaten gab es die Möglichkeit zu telefonieren.

„Wir hatten Glück freizukommen – und Menschen, die uns geholfen haben“, weiß er, „und das Land verlassen zu dürfen.“ In Luxemburg hat Nadim zusammen mit seiner Frau Ruhiyeh Thabet und dem luxemburgischen Paar Nicolas Tesch und Manon Eicher die „Excellence Foundation for Integration and Development“ (EFID) gegründet. „Unser Ziel ist es, den Immigranten bei der Integration zu helfen. Wir arbeiten zusammen mit Afghanen, Eritreern, Arabern, Iranern und einer wachsenden Gruppe von Somaliern und haben ein Projekt mit dem Office national de l´accueil (ONA) gestartet. Mit der Integrationsarbeit will Nadim ein Stück weit das zurückgeben, was er erhalten hat und Menschen helfen, die in ihrer Heimat in eine ähnliche Situation geraten sind wie einst auch er. Der Jemen, einst „Arabia Felix“ (glückliches bzw. fruchtbares Arabien) genannt, mit seiner großen kulturellen Geschichte, liegt am Boden. Aden im südlichen Sicherheitsgürtel des Landes ist temporäre Hauptstadt eines Landes, das nach dem „Fragile State Index“ 2020 an der Spitze der am wenigsten stabilen Staaten der Welt steht. Der „vergessene Krieg“ hat, nachdem alle Friedensbemühungen gescheitert sind, einen „failed state“ geschaffen.

Text: Stefan Kunzmann // Fotos: Phillippe Reuter, Dietrich Klose / flickr

*eine vor allem im Jemen verwurzelte Ausrichtung der Schiiten, der nach den Sunniten zweitgrößten islamischen Strömung.

Lotus_Temple_in_New_Delhi_03-2016-KopieBaha’i
Die Verfolgung der Baha’i in ihrem Ursprungsland Iran hat mit den Anfängen der Religion als spirituelle Bewegung im 19. Jahrhundert begonnen. Sie gelten aus der Sicht des Islam als von der Religion abgefallen und sind im Gegensatz zu Christen, Juden und Zoroastriern nicht als geschützte religiöse Minderheit anerkannt. Ihr Gründer Baha’ullah (1817-1892) war bis zu seinem Tod ein Verbannter. Nach der Islamischen Revolution im Iran 1979 hat sich ihre Lage dort verschlechtert. Sie wurden Opfer von Pogromen und zahlreichen anderen Menschenrechtsverbrechen. Das Baha’itum basiert auf dem Prinzip der Einheit und der Gleichwertigkeit aller Menschen und richtet sich gegen Vorurteile und Trennendes aller Art. Dogmen sind den Baha’i unbekannt. Ein Baha`i betrachtet sich als Mitglied einer Weltgemeinschaft, appelliert an die Vernunft und Eigenverantwortlichkeit des Menschen. Ein Zitat aus den Baha’i-Schriften: „Ich heiße euch alle und jeden von euch, alles, was ihr im Herzen habt, auf Liebe und Einigkeit zu richten. Wenn ein Kriegsgedanke kommt, so widersteht ihm mit einem stärkeren Gedanken des Friedens. Ein Hassgedanke muss durch einen mächtigeren Gedanken der Liebe vernichtet werden. Kriegsgedanken zerstören alle Eintracht, Wohlfahrt, Ruhe und Freude. Gedanken der Liebe schaffen Kameradschaftlichkeit, Frieden, Freundschaft und Glückseligkeit.”

Author: Philippe Reuter

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