Home » Home » Es bleibt, wie es ist

Es bleibt, wie es ist

Aus medizinischer Sicht ist die Ausgangsbeschränkung bei einer Arbeitsunfähigkeit fragwürdig. Bei vielen Erkrankungen sind sportliche Aktivitäten und soziale Kontakte Teil der Therapie. Ändern will die CNS ihre Regelungen trotzdem nicht.

Wer krank ist, gehört ins Bett. Dieser Grundsatz besaß lange Zeit Gültigkeit. Man sollte sich auskurieren, nicht überlasten und in Ruhe wieder gesund werden. So die Idee dahinter. Für einige Erkrankungen ist sie noch immer sinnvoll. Wer Fieber hat oder infektiös ist, sollte das Haus nicht verlassen, wieder zu Kräften kommen und aufpassen, niemanden anzustecken. Doch was für Grippe, Corona oder Windpocken gilt, gilt nicht zwangsläufig auch für Bänderrisse oder Knochenbrüche. Oder ist auch da Ruhe angebracht?

In Luxemburg lautet die Antwort: ja. Denn die Regeln der Nationalen Gesundheitskasse CNS sind eindeutig: In den ersten fünf Tagen der Krankschreibung ist jeglicher Ausgang untersagt, ab dem sechsten Tag darf das Haus für sechs Stunden verlassen werden, aber nur in den Zeiten zwischen 10 und 12 Uhr sowie zwischen 14 und 18 Uhr. Die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten ist, außer auf ärztliche Empfehlung, verboten, genauso wie der Aufenthalt in gastronomischen Betrieben, es sei denn, man nimmt dort eine Mahlzeit ein und beantragt es zuvor über ein spezielles Formular bei der CNS.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der therapeutischen Medizin viel getan. Wurden früher alle kranken Menschen zur Genesung ins Bett gesteckt, wird jetzt differenziert. Je nach Erkrankung werden unterschiedliche Therapien eingesetzt, bei vielen gehören Bewegung, Mobilisation, sogar Sport vom ersten Tag an dazu. Hieß es früher nach einem Bandscheibenvorfall, man solle sich schonen, wird jetzt in der Regel sofort mit Physiotherapie und leichtem Ausdauersport begonnen, um den Bewegungsapparat zu stärken und die Heilungschancen zu verbessern. Selbst nach schwierigen Herzoperationen müssen die Operierten meist schnell wieder aufstehen. Auch bei Krebs und Demenzerkrankungen wird keine Bettruhe mehr verordnet, weil Bewegungsmangel und soziale Isolation den Krankheitsverlauf beschleunigen, anstatt ihn aufzuhalten.

Die CNS wirft alle in einen Topf und droht mit Repressalien.

Etwa ein Drittel aller Krankschreibungen erfolgt aufgrund psychischer Ursachen. Wer unter Depressionen oder Burnout leidet, hat nachweislich bessere Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung, wenn ausreichend Bewegung, soziale Interaktion und vielleicht sogar ein Tapetenwechsel auf dem Programm stehen. Zahlreiche Studien und Untersuchungen haben das bereits belegt. Doch wer in Luxemburg in einer schwierigen psychischen Situation an die Küste fährt, um den Kopf freizubekommen, oder sich abends mit seinem Fußballteam zum Training und hinterher vielleicht auf ein Bier trifft, dabei aber von einem Arzt als arbeitsunfähig geschrieben wurde, riskiert Probleme mit der CNS, vielleicht sogar mit dem Arbeitgeber. Obwohl er oder sie nur die therapeutischen Hinweise befolgt hat, die international längst anerkannt sind.

Wer arbeitsunfähig geschrieben ist, ist nicht zugleich lebensunfähig, es bedeutet nur, dass der Betroffene aus bestimmten Gründen gerade nicht in der Lage ist, seiner bezahlten Arbeit nachzugehen. Doch diese Gründe sind der CNS egal. Sie wirft alle in einen Topf und droht mit Repressalien. Dabei würde ein Umdenken wahrscheinlich helfen, die jährlichen Krankschreibungen, die im Jahr 2020 bei knapp 1,2 Millionen Fällen lagen, zu minimieren. Oder zumindest die Dauer jeder Krankschreibung, die (im März 2020) durchschnittlich bei knapp zehn Tagen liegt.

Nach Auskunft der CNS findet die Therapiephase generell erst ab dem sechsten Tag der Arbeitsunfähigkeit statt. Ab dann wäre der Ausgang auch wieder zu den vorgeschriebenen Zeiten erlaubt, heißt es. Warum diese Ausgangsbeschränkungen überhaupt bestehen und zu welchem Zweck die sechsstündige Ausgangszeit die Mittagsstunden ausschließt, dazu möchte sich die CNS nicht äußern. „Die Dispositionen gab es schon lange vor der CNS, nur die Zeiten wurden einmal angepasst“, schreibt Pressesprecherin Caroline de Hoog. Im Moment gäbe es keinen Handlungsbedarf. Dass aber die revue ausgerechnet in der Corona-Pandemie solche Fragen stellt, erscheint ihr unverständlich. Gerade jetzt würden ihrer Meinung nach Ausgangsbeschränkungen Sinn ergeben.

Doch dafür zu sorgen, dass möglichst wenige Menschen auf der Straße herumlaufen, ist nicht Aufgabe der CNS. Aufgabe einer Gesundheitskasse sollte sein, sich um die Gesundheit der Menschen zu kümmern. Das müsste miteinschließen, allen kranken Menschen die Möglichkeit zu geben, so schnell wie möglich gesund zu werden. Mit allen medizinisch empfohlenen Mitteln, mit Medikamenten, mit anerkannten Therapien, mit Bewegung, Sport und einer gesunden Lebensweise. Doch böse Zungen behaupten schon lange: Die CNS verwaltet Geld, die Gesundheit der Menschen hat keine Priorität.

Gewiss – es gibt schwarze Schafe. Es gibt Menschen, für die ein Krankenschein wie ein extra Urlaub ist und die dann Fotos vom Strand posten, während sie eigentlich zu Hause ihre Krankheit auskurieren sollten. Aber es gibt auch die anderen. Es gibt Menschen, die sich strikt an die Regeln halten, obwohl sie weder ansteckend sind noch körperlich unfähig hinauszugehen. Die vielleicht wochenlang nicht zum Sport oder mit ihren Partnern essen gehen können, weil sie nur zu den offiziellen Bürozeiten das Haus verlassen dürfen. Und diese Menschen sind in der Mehrheit. Dass vielen dabei die Decke auf den Kopf fällt, was zusätzlich belastet, erscheint nur logisch.

Es sollte eine Regelung geben, die den Menschen die Freiheit gibt, die sie brauchen, um sich zu erholen und anschließend wieder fit und arbeitsfähig zu sein. Es sollte erlaubt sein, alles zu tun, was der Genesung förderlich ist. Doch darauf werden wir in Luxemburg noch warten müssen. Die Entscheidung über die Ausgangsbeschränkungen liegt allein in der Hand der CNS. Selbst das Gesundheitsministerium hat keinen Einfluss darauf, teilt es mit. Dem OGBL sind die Regeln schon lange ein Dorn im Auge, sagt Vorstandsmitglied Carlos Pereira. Er plädiert für die Abschaffung der administrativen Kontrollen der Ausgangsbeschränkungen, wenn nicht gleich ganz für die Abschaffung der Beschränkungen.

Die Meinung der Association des Médecins et Médecins-Dentistes (AMMD) zu diesem Thema ist nüchtern: Sie möchte am liebsten mit dem Ausstellen von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen gar nichts mehr zu tun haben, um nicht Richter und Partei in einem zu sein. Und um nicht in den Verdacht zu geraten, Gefälligkeitskrankschreibungen zu verteilen. „In unserem Beruf geht es darum, Diagnosen zu erstellen und nicht darum, über Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zu entscheiden. Diese Rolle könnte dem Médecin Conseil de la sécurité sociale zustehen“, schreibt AMMD-Generalsekretär Dr. Guillaume Steichen. Doch auch damit müsste sich die CNS beschäftigen. Die Antwort ist bekannt.

Text: Heike Bucher // Foto: François Aussems (Editpress-Archiv)

Author: Philippe Reuter

Login