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Feldherrenkunst

Der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. war dafür bekannt, die besten Architekten und Künstler für Frankreich arbeiten zu lassen. Unter ihnen der Festungsbaumeister Vauban, dessen Bollwerke bis ins 19. Jahrhundert als uneinnehmbar gelten. Im vierten Teil unserer Sommerserie nehmen wir Sie auf einen Spaziergang auf seinen Spuren mit.

Fotos: Philippe Reuter (4), quattropole.org, Jean-Pol Grandmont, Daniel Brachetti, Commune de Rocroi, Wikimedia Communs/Claude Truong-Ngoc, Wikimedia Communs/Georgius LXXXIX/

Vauban muss ein Workaholic gewesen sein. Rund 5.000 Kilometer legt er in einem Jahr mit zurück. In einer Pferdekutsche, wohl verstanden. Und im 17. Jahrhundert. Zudem kennt er kein Rentenalter, sondern plant und leitet in seinen 56 Dienstjahren den Bau von 33 neuen Festungen. Noch dazu modernisiert er unzählige bestehende Anlagen. Die Zitadelle von Arras in der Normandie, zum Beispiel, oder die von Bitche an der Mosel. Die Festungen von Montmédy, Verdun und Namur verdanken ihre Uneinnehmbarkeit ebenfalls Vauban. Doch damit nicht genug. Der Militäringenieur dient Ludwig XIV. auch als Soldat und Feldherr, nimmt an über 140 Gefechten teil und wird sogar mehrmals verwundet. Die auf mehreren Porträts sichtbare Narbe im Gesicht soll übrigens von der Belagerung von Douai im Jahr 1667 stammen. Folglich gilt Sébastien le Prestre de Vauban mit Recht als einer der erfolgreichsten und bedeutendsten Strategen seiner Zeit.

Luxemburg-Stadt ist eines der am besten erhaltenen Zeugnisse von Vaubans Befestigungskunst.

PHR_8081Von den europäischen Festungsstädten kommt Luxemburg eine ganz besondere Rolle zu. Obwohl der Zankapfel benachbarter Großmächte eine mittelalterliche Stadt ist und sich wegen dem unebenen Gelände nicht für die Anlage einer großflächigen „Idealstadt“ eignet, ist der Standpunkt höchst attraktiv. 1684 lässt Ludwig XIV. die Festung jedenfalls durch seine Truppen belagern und einnehmen. Der eiserne Gürtel des Elsass und Lothringens soll endlich geschlossen werden, und wer hätte die alten Festungswerke wirksamer wieder herstellen und durch neue ergänzen können? Vauban, selbstverständlich. Niemand kennt die Schwachstellen der Fortifikation besser als er, niemand ist derart erfahren und bauwütig, niemand genießt größeres Vertrauen. Durch Vauban wird das Festungssystem der Stadt Luxemburg nicht nur seine endgültige Form finden, sondern für die kommenden 200 Jahre unbezwingbar werden.

Doch wie ist das Erfolgsrezept von Vauban zu definieren? Nun, zuerst setzt er bereits bewährte Belagerungstechniken anwenden: Gräben in Zickzackform, Laufgräben, Minen… Um die Redouten zu erstürmen, greift er allerdings zu einer neuen Taktik: Spezielle Grabenkavaliere sorgen dafür, dass die Angreifer die Schusspositionen der Belagerten überragen. Nach fünf Wochen Kampf muss der Gouverneur des Herzogtums, der Prinz von Chimay, schließlich kapitulieren. Der Wiederaufbau und der Ausbau der eingenommenen Festung wird das Aussehen der Stadt radikal verändern. In dem Ausstellungskatalog „Luxemburg, eine Stadt in Europa“ ist genau nachzulesen, auf welche topografischen Schwierigkeiten Vauban bei der Ausführung seiner Pläne gestoßen ist. Trotzdem wird es dem genialen Baumeister gelingen, sein Modell einer perfekten Festungsstadt umzusetzen. Zumindest teilweise.

Die meisten Täler zwischen den einzelnen Festungsbauten werden „geschlossen“, indem die mittelalterlichen Mauern ganz einfach wieder aufgerichtet werden. Das Pfaffenthal bekommt zwei neue Tore. Auf den Anhöhen werden Befestigungen errichtet, innerhalb derer sich Verwaltungsgebäude, eine Bäckerei, ein Militärkrankenhaus und zusätzliche Kasernen und Magazine eingerichtet werden. Die neuen Pulvermagazine sind so groß, dass sie gegebenenfalls Truppen aufnehmen können. Im Petruss-Tal werden die Bastionen erhöht. Auf dem Heilig-Geist-Plateau trennt eine Mauer die Kasernen und das ehemalige Kloster, das nun für militärische Zwecke genutzt wird, vom Rest der Stadt getrennt. Alles in allem verwandelt sich Luxemburg nach und nach in eine Zitadelle.

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Doch dann muss Frankreich 1698 den Friedensvertrag von Rijswijk unterschreiben. Luxemburg gehört fortan erneut den Spaniern. Vauban hat mittlerweile die Herrschaft Bazoches erworben. Das Schloss dient seiner Familie als Landsitz und ihm als technisches Hauptquartier. In dem eigens angefügten Atelierflügel sind zahlreiche Pläne und Modelle der von ihm neu errichteten oder modernisierten Festungen entstanden. Anfangs scheut der Baumeister deren Kosten, weil er seinen Fortifikationsetat nicht unnötig belasten will. Später jedoch erkennt er den Nutzen, „mit Händen und Augen“ mögliche Schwachpunkte von Festungen zu begreifen und Verbesserungen zu planen, und lässt ein Inventar erstellen. Die Bedeutung dieser Sammlung, die im Louvre in Paris untergebracht ist, ist enorm und zeigt sowohl die Überreichung des Plans von Landau an Ludwig XIV. als auch das Modell von Neuf-Brisach.

Der aus einer in bescheidenen Verhältnissen lebenden Adelsfamilie stammende Sébastien Le Prestre de Vauban gilt als der größte Festungsbaumeister seiner Zeit.

PHR_8072In Luxemburg-Stadt führt der Vauban-Rundweg durch die historischen Viertel und zu den wichtigsten Punkten der einst imposantesten Festung Europas. Im Fort Thüngen ist das Festungsmuseum „Dräi Eechelen“ zu besichtigen. Zu den wichtigsten Ausflugszielen in der Großregion zählt Rocroi im Département Ardennes. Der Ort, dessen Zitadelle Vauban ausgebaut hat, gruppiert sich um einen riesigen Waffenplatz mit einem „Grand Puits Central“, der von mehreren begehbaren Befestigungsmauern umgeben ist und wo die zehn Straßen des Städtchens strahlenförmig zusammenlaufen – ein Musterbeispiel Vauban’scher Architektur.

Sehenswert sind ebenfalls die weitläufige Anlage in Namur, in deren Bauch sich ein Netz unterirdischer Gänge erstreckt, die Zitadelle in Verdun sowie die aus dem Nichts entstandenen Festungsstädte Longwy und Saarlouis, zwei von Vaubans neun „Idealstädten“, die auf dem Reißbrett entworfen worden sind. Sämtliche Bollwerke aufzuzählen, die zwischen Ath in Belgien und Phalsbourg in Frankreich zu entdecken sind, sprengt den Rahmen dieser Reportage. Daher sei lediglich auf zwei interessante Homepages hingewiesen, die sich mit Vaubans Lebenswerk auseinandersetzen:
www.sites-vauban.org
whc.unesco.org

Vauban

VaubanSébastien Le Prestre de Vauban (1633-1707) stammt aus bescheidenem Landadel. Sein Vater führt auf seinen Ländereien im nördlichen Morvan das bis dahin unbekannte Veredeln von Obstbäumen durch Pfropfen ein. Vauban interessiert sich eher für Mathematik. Als 18-Jähriger tritt er als Kadett in das Regiment des Prinzen Condé ein und wird einer der führenden Köpfe der Opposition des französischen Adels gegen die Krone, auch „Fronde“ genannt. Kardinal Mazarin kann ihn später zum Übertritt in die königliche Armee überzeugen, in der er bis in die höchsten Positionen aufsteigt. Die von ihm geleiteten Belagerungen von Gravelines, Ypern und Oudenaarde tragen zum für Frankreich vorteilhaften Abschluss des Pyrenäenfriedens mit Spanien bei. Im Devolutionskrieg baut er die Festung von Lille aus, die auf diesem Gebiet als sein erstes Meisterwerk betrachtet wird. Viele weitere werden folgen. Ab 1690 beginnt der Militäringenieur allerdings zu kränkeln. Eine besonders hartnäckige Bronchitis zwingt ihn sogar zu einer einjährigen Auszeit. 1707 sorgt Vauban mit der anonym veröffentlichten Schrift „Projet d’une dîme royale“ für Furore. Die von ihm vorgeschlagene Steuerreform hätte die Landbevölkerung entlasten können, aber damit sind weder der König noch seine Minister einverstanden. Die Publikation wird verboten, Vauban fällt in Ungnade und stirbt schließlich im gleichen Jahr in seinem Pariser Stadtpalais an einer Lungenentzündung. Verheiratet gewesen ist der Baumeister mit seiner Kusine Jeanne d’Aunay. Ihre drei Kinder sterben früh. 1793 rauben Revolutionäre die Kapelle aus, in der Vauban begraben liegt (getrennt von seinem Herzen), und gießen aus den Bleisärgen Kugeln. Die Urne mit Vaubans Herz bleibt unversehrt und wird 1808 feierlich in den Invalidendom überführt.

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Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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