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Gewahrte Traditionen

Im Norden Kenias liegt das „Northern Frontier“-Distrikt. Ein riesiges Gebiet, welches von Nomaden bevölkert ist und in dem sich nur wenige Touristen verirren. Ein Einblick in eine ganz besondere Kultur.

Den hektischen Trubel der Hauptstadt Nairobi haben wir schnell hinter uns gelassen und befinden uns nun, eine Tagesreise später, in Umoja. Eine Ansammlung an einstöckigen, bunt angemalten Betonwürfeln, durchkreuzt von staubigen Sandstraßen – als Stadt kann man Umoja nun wirklich nicht bezeichnen. Der Ort gilt als Tor zum entlegenen Samburu Nationalpark, welcher vor Corona einige Safarigänger, die sich dem Andrang in der Maasai Mara entziehen wollten, angezogen haben soll. Heute allerdings liegt der Park mehr oder weniger sich selbst überlassen da. Anstelle der „Big Five“ aus der Tierwelt und westlichen Touristen auf Pirschfahrt limitieren sich die Begegnungen auf einige Samburu-Hirten, die ihr Vieh ungestört, doch eigentlich verboten, an den Ufern des Ewaso-Flusses grasen lassen. Für Abenteurer ist Umoja die sprichwörtliche „letzte Tankstelle vor der Wüste“, wo man noch kurz die Annehmlichkeiten der Zivilisation genießen kann, bevor es in die unwirtliche Einöde der von Kenias „Northern Frontier“ geht.

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Vorbereitungen eines Samburu-Hochzeitstanzes

Dieses riesige Gebiet, historisch vernachlässigt, ist noch heute schwierig zu bereisen. Schon alleine die Organisation eines Mietwagens ist abenteuerlich. Wegen immer wieder aufflammender Konflikte zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, nicht existenter Infrastruktur und der Herausforderung für den Zentralstaat, dieses riesige Gebiet zu kontrollieren, wollen die meisten Outfitter in Nairobi uns keinen Wagen vermieten. In Umoja selbst können wir dann endlich einen klapprigen dunkelgrünen Land Rover inklusive Fahrer auftreiben, mit dem wir auch prompt aufbrechen.
Die ersten Tage verbringen wir bei den Samburu und den Rendille. Diese beiden Bevölkerungsgruppen, obwohl unterschiedlicher Abstammung, leben heutzutage größtenteils friedlich auf einem gemeinsamen Gebiet. Die Samburu sind sehr eng mit den berühmten Massai verwandt; während die Rendille ursprünglich wahrscheinlich aus dem Osten Äthiopiens stammen. Traditionell sprechen beide Gruppen ihre eigene Sprache, doch die Rendille, zahlenmäßig unterlegen, passen sich kulturell und sprachlich langsam, aber sicher den Samburu an. Für uns Außenstehende ist es quasi unmöglich, zwischen Samburu und Rendille zu unterscheiden, und so müssen wir immer wieder nachfragen, zu welcher der beiden Gruppen unsere jeweiligen Gastgeber denn gehören.

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Gabbra

Direkt zum Auftakt werden wir eingeladen, bei einer traditionellen Hochzeit dabei zu sein. Voller Vorfreude auf diese einmalige Gelegenheit setzen wir uns ins Auto, fahren zwei Stunden offroad, nur um bei unserer Ankunft im Dorf herauszufinden, dass nicht der Dorfälteste, sondern dessen jüngerer Bruder uns eingeladen hat, offenbar ohne Ersteren davon in Kenntnis zu setzen. So sind wir hier erst mal nicht willkommen. Nach längerem Hin- und Her und unserem Versprechen, für das spätere Essen ein Schaf zu stiften, beruhigen sich die Gemüter und man erlaubt uns dazubleiben. Ein junger „Moran“, so werden die Krieger der Samburu genannt, bläst mehrfach in sein Horn, um die Gäste aus den umliegenden Dörfern herbeizurufen. Schnell nimmt die Feier an Fahrt auf: Die „Moran“, zur Feier des Tages mit extravagantem Kopfschmuck und mit Ockerfarbe im Gesicht oder auf dem kahlrasierten Kopf, tanzen, was die Gummisandalen hergeben, und versuchen sich gegenseitig mit der Höhe Ihrer beeindruckenden Sprünge zu übertrumpfen.

Gabbra Gottesdienst

Gabbra Gottesdienst

Eine solche Feier ist natürlich ein besonderes Ereignis für die Pastoralisten Nordkenias. Um auch deren beschwerlicheren Alltag kennenzulernen, verbringen wir ein bisschen mehr Zeit mit den „Moran“. Sie sind für die Sicherheit des Dorfes zuständig, doch übernehmen sie vor allem auch Aufgaben zur Versorgung der Herde. Bestehen die Herden rund um den Samburu Nationalpark noch vorwiegend aus Rindern, sind die Nomaden einige Kilometer nördlich schon seit den 80er Jahren auf Kamele umgestiegen, da diese resistenter sind gegen die immer häufiger auftretenden Dürren. Es gibt hier nur wenige Brunnen, aus denen die Hirten das kostbare Nass mit einem Eimer und viel Körpereinsatz mehrere Meter weit nach oben an die Erdoberfläche befördern müssen, um ihre Kamele zu tränken.

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Brunnen

Dies ist allerdings noch gar nichts im Vergleich zur „Chalbi“-Wüste, einer ganz und gar lebensfeindlichen Umgebung, wo die drückende Sonne auf nacktem Stein flimmert. Wir sind auf dem Weg zum Volk der „Gabbra“, als der Land Rover nach stundelanger Fahr über groben Schotter und Steine mitten im Niemandsland den Geist aufgibt – gestrandet in der Wüste, ohne Handyempfang und unfähig, unseren Wagen zu reparieren, bleibt uns nichts anderes übrig als zu warten. Glücklicherweise hält irgendwann ein einsamer Motorradfahrer, der uns verspricht, in der nächsten Ortschaft „Kalacha“ Hilfe aufzutreiben – tatsächlich erspähen wir zwei Stunden später eine Staubwolke am Horizont. Gottgesandt, so scheint es, denn der Besitzer des rettenden Wagens ist der katholische Pfarrer der deutschen Mission. In einem kleinen Zimmer der Mission verbringen wir die nächsten zwei Tage und lassen uns von Angela, der Haushälterin, bekochen, während der örtliche Mechaniker sich am Land Rover zu schaffen macht. Wir nutzen die Zeit, um die Lebensader der Oase, eine kleine unterirdische Quelle zu besichtigen und ein paar Familien der „Gabbra“ einen Besuch abzustatten. Als Gäste der Mission können wir auch vom sonntäglichen Gottesdienst ein paar Eindrücke mitnehmen.

Turkanas

Turkanas

Als der Geländewagen dann endlich wieder fahrtüchtig ist, machen wir uns auf Richtung Turkana-See, wo wir, klar, die „Turkana“ besuchen. Traditionell ebenfalls mit der Viehaufzucht befasst, kommt es heutzutage immer häufiger vor, dass sie sich ihren Lebensunterhalt mit Fischerei verdienen. Dies ist allerdings eher aus der Not heraus entstanden, da der Reichtum und das Ansehen eines Mannes noch immer an seinem Viehbestand gemessen werden. Frauen haben in der patriarchalischen Gesellschaft der „Turkana“ (wie auch bei den anderen Ethnien der Gegend) sowieso wenig zu sagen – sie sollen Kinder gebären und sich um den Haushalt kümmern. Leider ist auch die Frauenbeschneidung in der gesamten Region noch weit verbreitet. Bunte Perlenketten auf den Schultern und schwerer Metallschmuck an den Ohren, trotzen die Frauen stolz und würdevoll den widrigsten Lebensumständen, die ihnen dennoch einen hohen Zoll abverlangen. Mehr als einmal irren wir uns im Alter unserer Gesprächspartner: Großmütter, die wir auf 80 Jahre schätzen, haben in Wirklichkeit knapp die 40 überschritten.

Samburu

Samburu

Mit gemischten Gefühlen machen wir uns auf den Heimweg. Der Einblick in die nomadische Kultur der Pastoralisten Nordkenias hat Eindruck hinterlassen. Hart ist das Leben hier, und die engmaschig gestrickte Gesellschaft bietet zwar Halt, lässt aber auch wenig Raum für neue Ideen. Es gibt wenig Einmischung von „außen“, die Traditionen bleiben gewahrt, doch auch die Entwicklungsperspektiven sind begrenzt. Meine eigenen romantischen Vorstellungen wurden von der Realität überrollt, dennoch ist die Faszination ungebrochen, die Anziehungskraft, die raue Schönheit dieses Landes und seiner Menschen sind nicht von der Hand zu weisen.

Text & Fotos: Laurent Nilles

Rendille-Moran

Rendille-Moran

Author: Dario Herold