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Goodbye and farewell

Das Trara ist gerechtfertigt. „No time to die“ ist zwar nicht der beste James Bond-Film aller Zeiten, aber ein höchst würdevoller Ausklang der Daniel-Craig-Ära.

Huch! Was zum Teufel ist James Bond widerfahren? Er ist zahm geworden, frisst seiner Liebsten (Léa Seydoux) fast aus der Hand, und mit M und seinen früheren MI6-Kollegen hat er schon lange nichts mehr zu tun. Zum Glück ist ihm sein guter Geschmack nicht abhandengekommen. Er trägt nach wie vor Maßanzüge, fährt einen traumhaften Aston Martin und macht Urlaub an den schönsten Orten der Welt. Allerdings: Der Vorspann täuscht. Nach Gravina in Apulien ist der Geheimdienstler nicht wegen der malerischen Altstadt gereist, sondern weil sich dort das Grab von Vesper Lynd befindet. Dass er sie (in „Casino Royale“) nicht retten konnte, scheint ihm immer noch zu quälen – und gleichzeitig einer der Gründe dafür zu sein, dass er in „No time to die“ noch mehr Gefühl zulässt als in den vorherigen Filmen.

image8-KopieDie Handlung des von Cary Joji Fukunaga recht solide inszenierten Blockbusters nachzuerzählen, macht nicht wirklich Sinn. Es geht nämlich wie gewohnt darum, dass die Welt vor größenwahnsinnig gewordenen Psychopathen gerettet werden muss und James Bond der einzige ist, der Schurken wie Ernst Blofeld (Christopher Waltz) und Lyutsifer Safin (Rami Malek) das Handwerk legen kann. Was die Angelegenheit indes komplizierter und den Agententhriller interessanter macht, ist die Tatsache, dass der wahre Feind diesmal kein Mensch aus Fleisch und Blut ist, sondern Biochemie. „No time to die“ ist zwar vor der Covid-19-Pandemie abgedreht worden, dennoch treibt einem das Szenario beim Gedanken daran, an welchen gefährlichen Toxinen gerade in Labors rund um den Globus geforscht wird, den Angstschweiß auf die Stirn. Um die Figur des 007-Agenten muss allerdings niemand Angst haben. Lediglich für Schauspieler Daniel Craig ist nach 15 Jahren und fünf Filmen Schluss (was sehr schade ist), die Filmreihe wird überleben. Mit wem, will Produzentin Barbara Broccoli indes noch nicht verraten.

Daniel Craig hat James Bond Verletzlichkeit und emotionale Tiefe verliehen, ohne seine männliche Souveränität zu untergraben. Ein Novum.

image7-KopieLashana Lynch wäre eine gute Wahl. Sie hat in „No time to die“ bereits James Bonds Nummer geerbt, und diese Nummer ist weiß Gott nicht nur eine Nummer. Zudem hat sie Biss, sieht gut aus und kann mit Waffen umgehen. Mehr ist eigentlich nicht verlangt, und da die Zeit männlicher Souveränität sowieso Vergangenheit ist, dürfte einem weiblichen James Bond dunkler Hautfarbe nichts im Wege stehen. Nomi ist übrigens nicht die einzige starke Frauenfigur in diesem 164 Minuten kurzweiligen Actionmeisterwerk. Auch die kubanische Kollegin Paloma (Ana de Armas) ist weitaus geistreicher und mundfertiger als ihr perfektes Aussehen ahnen lässt. Alles in allem spielt Regisseur Cary Joji Fukunaga sehr geschickt mit diversen Rollenklischees und stellt sogar die gewagte Frage in den Raum: Ist James Bond überhaupt noch relevant? Die Antwort: Ja.

image1-KopieDas Kino braucht Helden, auf die man sich verlassen kann. Männer oder Frauen, die ihr Leben für das anderer aufs Spiel setzen und hundert Tode fast unverletzt sterben. Weil das Gute halt gewinnen muss und das Böse keine Chance haben darf. So simpel ist das Rezept eines Bond-Films. Was die Zutaten betrifft, bietet „No time to die“ nur das Feinste vom Feinen: grandiose Verfolgungsjagden, mehr Emotionen als sonst, eine Prise Kitsch und tolle Bilder. Eines davon zeigt Daniel Craig in einem gelben Schlauchboot liegend, einsam und erschöpft. „Fallen for a lie“, wie Billie Eilish im unüblich leisen Titelsong singt. Diese Verwundbarkeit hat den britischen Bond-Darsteller bereits bei seinem Debüt in „Casino Royale“ derart sympathisch und erfolgreich gemacht. Wer in seine Fußstapfen tritt, wird es daher schwer haben. Sehr sogar.

Text: Gabrielle Seil // Fotos: Universal Pictures

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Author: Philippe Reuter

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