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Grenzenloser Einsatz

Seit fünf Jahren setzt sich Fabienne Dimmer als ehrenamtliche Helferin mit der Vereinigung „Catch a smile“ für Menschen in Flüchtlingslagern ein. Eine humanitäre Herausforderung, die nicht spurlos an ihr vorbeigeht.

„Es ist eine andere Welt. Es ist fast irreal. Du begreifst am Anfang gar nicht, was da abgeht“, beschreibt Fabienne Dimmer ihren allerersten Einsatz in einem Migrantencamp in Dunkerque. Nur vier Autostunden von Luxemburg entfernt, landete die heute 51-Jährige im Januar 2016, fast ahnungslos in einer regelrechten Schlammwüste. In der französischen Gemeinde Grande-Synthe leben zu diesem Zeitpunkt Tausende Flüchtlinge unter erbärmlichen Bedingungen. Der ein paar Kilometer entfernte und weitaus mehr mediatisierte „Dschungel von Calais“ steht diesem Lager in nichts nach. „Dunkerque hat mich für den Rest meines Lebens geprägt“, erinnert sich Fabienne. Es war für sie wie ein Sprung ins kalte Wasser. „Da gibt es keine Lebensbedingungen! Es handelt sich nämlich um illegale Lager, keine offiziellen Strukturen, die für Flüchtlinge errichtet wurden. Die Menschen leben auf einem Feld. 3.800 Flüchtlinge. 80 Prozent Kurden. Größtenteils Familien, die in kleinen Stoffzelten leben. Und überall ist dieser Schlamm, klirrende Kälte, Regen, Abfälle, dazwischen Menschen.“ Es sei, so gibt sie schamlos zu, als hätte jemand ihr die Scheuklappen vor den Augen abgenommen. „Wenn du mit beiden Füßen regelrecht im Elend und im Schlamm stehst, dann nimmt dich das persönlich sehr mit.“

Aus ihren Erinnerungen heraus berichtet sie von Kindern, an deren Körper Rattenbisse Spuren hinterlassen haben. Von Neugeborenen, die inmitten dieser menschenunwürdigen Lebensbedingungen zur Welt gekommen sind, von der französischen Polizei, die alle Mittel nutzt, um zu verhindern, dass humanitäre Hilfe ins Lager gelangt. Es strömt nur so aus ihr heraus. Doch was mir sofort auffällt und mich zugleich beeindruckt, ist, mit welcher Gelassenheit sie mir vom Erlebten berichtet. Sie klingt weder schockiert noch revoltiert oder verärgert. Sie tischt mir Fakten auf. Punkt. Als sei sie total hermetisch.

Emotionen und Affekte musst du unter Kontrolle halten, sonst gehst du regelrecht kaputt.

„Ich habe gelernt, mich zu schonen“, erklärt sie. „Emotionen und Affekte musst du unter Kontrolle halten, sonst gehst du regelrecht kaputt. Du brauchst einen gewissen Abstand, denn wenn die Realität dich einnimmt, glaub mir, das ist ein heftiges Gefühl. Du musst knallhart sein. Ja! Ich trenne beide Welten.“ Als sie vor fünf Jahren aus Dunkerque zurück nach Hause kam, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie machte sich Vorwürfe. Es fiel ihr schwer, in Luxemburg ihr gewohntes Leben fortzusetzen, mit dem Wissen, dass ein paar Hundert Kilometer entfernt, Menschen in einem Lager lebten, geprägt von Leid, Hunger und Kälte. Die psychische Belastung war zu stark. „Ich hatte nicht den nötigen Abstand. Ich hatte das Erlebte in mich aufgesaugt.“

Stoffzelte als einzige Bleibe in einem illegalen Camp in Idomeni (Griechenland, Frühjahr 2016).

Stoffzelte als einzige Bleibe in einem illegalen Camp in Idomeni (Griechenland, Frühjahr 2016).

Und trotzdem, ein Herz aus Stein hat sie nicht. Mehrmals muss ich allerdings nachhaken, um etwas mehr zu erfahren. Als gäbe es eine Art Hemmschwelle, die sie selbst, vielleicht sogar unbewusst, nicht überschreiten möchte. „Natürlich gibt es Begegnungen, die einen fürs Leben prägen“, gibt sie zu. Bei ihr war das insbesondere eine Familie aus Tunesien. Die Eltern waren in Bosnien von ihren Kindern getrennt worden. Das älteste Kind, das damals sechs Jahre alt war, wurde von Afghanen im Wald gefunden. Das dreijährige Mädchen hatten zwei Syrer aufgenommen. Dank zahlreicher Kontakte konnte der Vater schlussendlich gefunden werden. Doch bis dieser vor Ort sein konnte, kümmerte sich Fabienne um das kleine Mädchen. „Die beiden Syrier haben mir das Baby am Bahnhof überreicht. Ich habe mich um die Kleine gekümmert, ihr trockene Kleidung besorgt, sie gefüttert. Als dann endlich der Vater mit Tränen in den Augen aus dem Bus stieg, die kleine ‚Papa‘ schrie… Das war alles sehr emotional, da habe ich natürlich auch geweint.“

2-Dunkerque-Kopie

Tausende Flüchtlinge hausten 2016 in Dunkerque unter katastrophalen Bedingungen (beide Fotos oben).

Tausende Flüchtlinge hausten 2016 in Dunkerque unter katastrophalen Bedingungen (beide Fotos oben).

Aus einer Laune heraus war sie in diese Welt gerutscht. Ganz unvorbereitet und vielleicht auch mit einem Hauch Naivität, doch diese erste Erfahrung verstärkte ihren Willen. Sie war sich mehr als zuvor, sicher ihren Platz gefunden zu haben.

Unmenschliche Lebensbedingungen in Lipa, Bosnien und Herzegowina im Dezember 2020 (oben).

Unmenschliche Lebensbedingungen in Lipa, Bosnien und Herzegowina im Dezember 2020 (oben).

„Das Leben hatte mich 2015 nicht verschont“, verrät Fabienne Dimmer. „Mein Haus erlitt einen Brandschaden, und eine meiner besten Freundinnen war mit nur 37 Jahren plötzlich verstorben. Irgendwie hat es da bei mir ‚klick‘ gemacht und so kam es, dass ich mit der Vereinigung ‚Catch a Smile‘ nach Dunkerque fuhr.“

Hilfsbereit sei sie schon immer gewesen, meint Fabienne Dimmer. Doch in ihrer Rolle als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin nimmt ihre Hilfe ein ganz neues Ausmaß an. Es ist keine kleine Herausforderung, zumal der Flüchtlingsansturm unaufhaltsam weitergeht. Tausende sind auf dem Weg in Richtung eines so stark erhofften, besseren Lebens. Meist schutzlos, und sie erleben Gewalt, Armut, Hunger und unwürdige Lebensbedingungen in Camps, von denen sie nicht einmal wissen, wann sie diese verlassen können. „Sie sehen das Licht am Ende des Tunnels nicht“, weiß Fabienne, die vor einigen Tagen noch in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt Sarajevo im Einsatz war. „Die Strecke, die sie bereits zurückgelegt haben, ist extrem gefährlich. Sie haben mit Schmugglern zu tun, verstecken sich in Lastwagen oder reisen auf Schlauchbooten. Das ist lebensgefährlich. Das Mittelmeer liegt voller Toter. Das sind Bilder, die wir alle aus dem Fernsehen kennen. Wenn sie in Bosnien ankommen, dann haben sie bereits genug Elend erlebt. Dann gibt es keine Hemmungen mehr und man schämt sich auch nicht mehr. Man nimmt die Hilfe an, die man bekommt. Trotzdem bedanken sie sich hundertmal, wenn sie etwas von uns bekommen.“

Wenn du mit beiden Füßen regelrecht im Elend und im Schlamm stehst, das hat mich persönlich sehr mitgenommen.

Sei es in Frankreich, Griechenland, in Serbien oder in Bosnien, für Fabienne ist klar: Ihr Platz ist am Ort des Geschehens. „Ich möchte auf das Problem aufmerksam machen“, betont sie. „Es kann doch nicht sein, das unsere Gesellschaft so verlogen ist und einfach die Augen schließt. Unser Wohlstand entsteht doch auf Kosten dieser Menschen. Es ist komplett unrealistisch zu glauben, dass sich dieses Flüchtlings- und Migrantenproblem eines Tages lösen wird und aus der Welt verschwindet. Ich würde sogar behaupten, dass der Flüchtlingsansturm sich noch intensivieren wird.“

Klirrende Kälte und lange Warteschlangen bei der Nahrungsversorgung in einem Flüchtlingslager in Sarajevo (Bosnien und Herzegowina).

Klirrende Kälte und lange Warteschlangen bei der Nahrungsversorgung in einem Flüchtlingslager in Sarajevo (Bosnien und Herzegowina).

Doch die Hoffnung bleibt, der Wille etwas zu ändern auch. Mehr denn je. Hierzulande ist die Einsatzbereitschaft der 51-jährigen Fabienne längst bekannt. Regelmäßig macht sie in den Medien Spendenaufrufe für Flüchtlinge. „In Luxemburg sind die Leute sehr solidarisch“, gibt sie ohne eine Sekunde zu zögern zu. „Das ist fantastisch!“. Ihr Einsatz im Ausland wird von vielen gelobt. So sehr, dass sie es sogar bis auf Platz fünf der „Lëtzebuergerin vum Joer 2020“ geschafft hat. „Hör bloß auf“, meint sie ein bisschen verlegen. Zu sehr ins Rampenlicht möchte sie dann trotzdem nicht geraten. Ich bin mir auch bewusst, dass unser Gespräch, über das Erlebte in den Flüchtlingscamps, eher als eine Seltenheit betrachtet werden muss. „Fabienne, du erzählst uns nichts, meinen die Leute öfters“, gibt Fabienne zu. „Es ist schwierig für mich, ihnen etwas zu erzählen, das man nur verstehen kann, wenn man es erlebt hat. Es ist, wie schon erwähnt, eine andere Welt. Und zugegeben, die Leute wollen auch nicht alles wissen! Verstehen sie überhaupt, was ich mache? Das ist eine gute Frage. Sie akzeptieren es auf jeden Fall und das ist das, was zählt!“

Weitere Informationen finden Sie unter www.catchasmile.org

Fotos: Philippe Reuter, Fabienne Dimmer

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Philippe Reuter

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