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Griff nach den Sternen

Neue Sportarten gibt es wie Sand am Meer. Dass eine davon den Weg auf das Olympische Parkett schafft, ist eher selten. Dem 3×3-Basketball ist genau das gelungen, und auch hier in Luxemburg soll der Straßensport nun Fuß fassen.

Sommer 2019. Die NBA, die Königsklasse des Basketballs, blickt gespannt nach Toronto. Dort stehen sich Serienmeister Golden State Warriors und Außenseiter Toronto Raptors im dritten Spiel der Finalserie gegenüber. Geplagt von Verletzungen, muss Trainer Steve Kerr die Warriors-Startaufstellung umbauen. Hollywoodreif schlägt die Stunde von Alfonzo McKinnie. Ein Luxemburg-Export startet im NBA-Finale. Zwischen 2015 und 2016 spielte der Amerikaner in der zweiten Luxemburger Liga, bei den East Side Pirates. Die Saison in Luxemburg war sicherlich ein Katalysator in der steilen Karriere des jungen Athleten. Den entscheidenden Sprung in Richtung NBA nahm McKinnie allerdings woanders.

Im Oktober 2016 lief McKinnie im Finale der 3×3-Basketball-Weltmeisterschaft auf. Zwar verloren die US-Amerikaner das Finalspiel gegen Serbien, doch McKinnie machte nachhaltig Eindruck. Danach ging es in die „G-League“, die Entwicklungsliga der NBA, ein Jahr später kam der Sprung in die beste Basketballliga der Welt. Auch das 3×3-Basketball geht seither steil nach oben. Der internationale Basketball-Verband (FIBA) nennt es mittlerweile „die Nummer eins der urbanen Teamsportarten“. Sogar bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio war der Basketballableger vertreten. Auch 2024 in Paris wird er mit von der Partie sein.

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„Der Wille war schon länger da. Es stellte sich einfach die Frage, wo und wie man die ersten Schritte macht“, fasst Nadia Mossong den Ausgangspunkt der frisch-geborenen Luxemburger 3×3-Szene zusammen. Mossong beendete vergangene Saison ihre illustre Basketball-Karriere. Seither arbeitet die 35-Jährige unter anderem als Koordinatorin für den nationalen Basketball-Verband: „Ich wurde darauf angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, die 3×3-Sparte in Luxemburg aufzubauen. Am Anfang ging es da vor allem um das Organisieren von kleineren Events und Jugendturnieren. Das ultimative Ziel ist und war von Anfang an allerdings das Aufstellen einer Nationalmannschaft.“

Und genau daran arbeitet Mossong aktuell mit Hochdruck. Am zweiten Februar-Wochenende hielt die FLBB das erste Probetraining ab: „Es waren 18 Spieler dort. Davon nehmen wir jetzt 14 mit in die nächste Runde. Am Ende wollen wir einen festen Kader von acht Spielern haben.“ Beim Probetraining wurden bisher nur Männer gescoutet. Bis es zu diesem Schritt bei Frauen kommt, dauert es noch ein bisschen: „Männer- und Frauen-Nationalmannschaften haben die gleiche Priorität. Wir hatten nur jetzt den Vorteil, dass die Männersaison wegen dem Länderspiel gegen Albanien unterbrochen wurde und wir dieses Zeitfenster ausnutzen konnten. Bei den Frauen werden wir bis nach der Saison warten müssen. Wir wollen auf keinen Fall, dass unsere Probetrainings zum Problem für den regulären Vereinsbasketball werden.“

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Rücksicht nimmt Mossong auch auf die bereits bestehenden Nationalkader im traditionellen Basketball: „Es ist nicht das Ziel, irgendwelche Spieler abzuwerben. Es wird auch nicht vorkommen, dass ein Spieler sowohl in unserem Nationalkader als auch im traditionellen Nationalkader steht.“ Die Kombination aus zwei Nationalmannschaften schätzt Mossong als zu überfordernd ein und selbst, wenn man durch diese Entscheidung den Pool an qualitativen und potenziellen Nationalspielern einschränkt, steht der Entschluss: „Unabhängig von dem Problem, dass sich die Kalender beider Disziplinen überschneiden, wollen wir Spieler haben, die sich so gut es geht auf das 3×3 konzentrieren können.“
Zwar sollen die Spieler weiter in ihren Vereinswettbewerben starten können, ein konstantes Training innerhalb des Nationalkaders soll jedoch die 3×3-Fertigkeiten der Athleten schleifen: „Das 3×3 ist physischer, schneller und allgemein etwas rauer. Dazu ist der Wurf hinter der Dreipunktelinie wertvoller, weil Körbe innerhalb mit einem Punkt und Körbe außerhalb mit zwei Punkten gewertet werden.“ Den idealen 3×3-Spieler zu benennen, wäre schwer. Grundsätzlich käme es jedoch auf mentale Schnelligkeit und Allrounder-Qualitäten an: „Man muss innerhalb von wenigen Sekunden von der Offensive auf die Defensive umschalten und sollte in der Lage sein möglichst viele Positionen zu verteidigen.“ Aus dem traditionellen Basketball sieht Mossong die Flügel-Positionen (Small-Foward & Power-Foward) am ehesten für das 3×3 geeignet, aber auch andere Positionen könnten gute 3×3-Spieler hervorbringen.

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 3×3 hat den Vorteil, dass man nur vier und keine zwölf guten Spieler braucht, um etwas zu erreichen. 
Nadia Mossong

Wer diese Spieler sind, entscheidet Mossong allerdings nicht allein. Seit dieser Woche steht offiziell fest, dass Majdi Anan (aktuell Co-Trainer bei Musel Pikes) die sportliche Leitung der Nationalmannschaften übernehmen wird. „Es war nicht einfach, einen Trainer zu finden. Jemanden mit Erfahrung im 3×3-Bereich gibt es hier in Luxemburg nicht. Also wollten wir einen Kandidaten, der die richtige Motivation mitbringt, sich einzuarbeiten.“ Anan ist 38 Jahre alt und übernahm bei den Pikes neben der Assistenztrainer-Rolle ebenfalls den Job des Jugendkoordinators.

Die Anfänge seiner Amtszeit werden durch weitere Probetrainings und das Zusammenstellen der finalen Kader bestimmt sein. Währenddessen werden Anan und Mossong auf Zypern schielen. Dort finden Anfang Juni die Qualifikationsturniere für Männer und Frauen statt: „Wir spielen dort gegen ähnlich große Nationen. Am Ende qualifiziert sich allerdings nur der Gewinner für die Europameisterschaft.“ Während auf die Männer gleich sieben Gegner warten, werden es die Frauen mit fünf weiteren Nationen aufnehmen müssen. Ein konkretes Ziel auszusprechen, wäre deutlich zu früh, immerhin stehen noch nicht einmal die Nationalkader. Aber Mossong verschweigt nicht, dass das Projekt Ambitionen weckt: „3×3 hat den Vorteil, dass man nur vier und keine zwölf guten Spieler braucht, um etwas zu erreichen. Die Hoffnung ist natürlich, dass wir irgendwann auch Erfolge feiern können. Aber dazu braucht es Geduld und gute Arbeit.“

Wer weiß, vielleicht springt dann irgendwann eine Teilnahme an einem der großen Turniere heraus. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris wird das Spielfeld auf der legendären „Place de la Concorde“ aufgerichtet sein. Unter blauem Himmel und mit direktem Blick auf den Eifelturm werden die besten 3×3-Spieler der Welt ihre Muskeln spielen lassen. Dann sicherlich noch ohne Luxemburger Beteiligung. Wann die roten Löwen und/oder Löwinnen an solch legendären Orten auflaufen dürfen, steht in den Sternen. Eine Stadt, die sich mit Sternen auskennt, ist Los Angeles, der Austragungsort der Olympischen Spiele 2028. Ein surreales Ziel, aber träumen ist auch in der heutigen Zeit noch erlaubt.

Text: Daniel Baltes
Fotos: Vincent Lescaut (Essentiel)

Author: Dario Herold

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