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Großes Kino

„Hinterland“ hat beim Filmfestival in Locarno den Publikumspreis eingefahren. Für Bady Minck von der Produktionsfirma „Amour Fou Luxembourg“ eine Überraschung – bei einem künstlerisch so gewagten Projekt.

Frau Minck, inwiefern waren Sie und „Amour Fou Luxembourg“ an dem Film beteiligt?

2016 haben wir zum allerersten Mal über dieses Projekt geredet. Das war mit Oliver Neumann, dem Produzenten und Mitbegründer der österreichischen Produktionsfirma „FreibeuterFilm“, wir kennen uns seit langem. Er hatte die Idee, einen Film im expressionistischen Stil von „Dr. Caligari“ zu machen. Genau solche Projekte lieben wir, ungewöhnliche Formen entwickeln und Neues ausprobieren. Ich bin selbst Regisseurin und suche immer wieder nach neuen Formen. Deshalb fand Oliver Neumann, wir seien die richtigen Komplizen für dieses Projekt. Oliver ist ein sehr kreativer Produzent, so wie auch seine Kollegin Sabine Moser. Der Autor Hanno Pinter hat das Drehbuch geschrieben, später kam noch der Co-Autor Robert Buchschwenter dazu.

Warum gerade Ruzowitzky?

Stefan Ruzowitzky, der mit „Die Fälscher“ den Oscar gewonnen hat, hatte eine frühe Fassung des Drehbuchs einige Jahre davor gelesen. Er fand es toll und als es dann soweit fertig war, sagte er zu. Er hat es dann in seinem Stil überarbeitet, um es visueller zu gestalten. Seine Regiefassung war großartig. Währenddessen machten wir einige Testdrehs in Wien und Luxemburg und zogen für die Filmmusik den Luxemburger Musiker Kyan Bayani hinzu. Dann reichten wir das Projekt zur Finanzierung ein, in Österreich, Luxemburg und später noch in anderen Ländern. In Luxemburg haben wir das große Glück, dass der Film Fund Luxembourg experimentierfreudige Projekte schätzt. Sie unterstützen gern Projekte, die künstlerisch etwas wagen. Auch die österreichischen Förderer unterstützen mehr Arthouse-Projekte als zum Beispiel Deutschland.

Das Auffälligste an dem Film ist die Optik. Alles sieht aus, als hätte man ein expressionistisches Stadtbild durch den Smog gezogen. Welche Technik kommt da zum Einsatz?

Wir haben in den Filmland Studios in Kehlen in der Bluebox gedreht, das heißt vor blauem Hintergrund. Schon beim Dreh sahen wir in einem der Displays den späteren Hintergrund. Diese Stadthintergründe wurden vor dem Dreh im expressionistischen Stil als Layout gebaut. Damit konnten die Schauspieler*innen sich besser in die Szenen hineinversetzen. Wir hatten Stefans Lieblingskameramann an Bord, Benedict Neuenfels. Er hatte, so wie auch der Digital Art Director Oleg Prodeus, viele Ideen, die in den Film eingeflossen sind. Bei Bluebox-Aufnahmen muss der Kameramann die Schauspieler so ausleuchten, dass die Zuschauer*innen die Bluebox vergessen, die Belichtung muss mit dem Hintergrund zusammenpassen, der in der Postproduktion dahinter gesetzt wird. Nach dem Dreh wurden die vorher gebauten Hintergründe dann im Computer in die gedrehten Szenen eingesetzt. Während der Vorbereitung hatten wir alte Fotos vom Wien der 20er Jahre in Archiven recherchiert, eingescannt und Collagen aus diesen Fotos gebaut. Eine alte Treppe hier, eine schiefe Mauer da, davor eine schräge Laterne und daneben ein windschiefes Haus, das sind alles Bilder aus Wien, aber künstlerisch so zusammengesetzt, dass es keine Geraden mehr gibt – als Entsprechung zur damaligen Zeit, dem Zusammensturz der Monarchie und dem verlorenen Krieg. Wir haben ein kriegsbeschädigtes Wien gebaut, kaputt, ärmlich, und unheimlich, wie es vielleicht nie ausgesehen hat, aber wie es wohl von den glücklosen Kriegsheimkehrern empfunden worden ist.

Ich habe erst nach einigen Minuten des Films darüber nachgedacht, ob die Hintergründe echt sind oder digital.

Ähnliches Feedback bekamen wir auch auf dem Festival von Locarno. In den ersten fünf Minuten haben sich viele Zuschauer*innen gefragt, ist das echt? Auf der großen Kinoleinwand wirken diese schiefen Gebäude noch bedrohlicher, sie wirken, als könnten sie jeden Augenblick auf einen niederstürzen. Wir hatten eine ähnliche Technik einige Jahre davor schon ausprobiert, im Film „Die Nacht der 1000 Stunden“ von Virgil Widrich. Aber da waren beim Dreh immer noch ein paar Wände real, an denen sich die Schauspieler festhalten konnten. Bei „Hinterland“ gab es keine Wände, nur ein paar Möbel, im Caféhaus zum Beispiel. Wir haben sie extra schiefgebaut, damit sie zu den Hintergründen passen. Der Kameramann hat sich bei der Beleuchtung von „Dr. Caligari“ und den Filmen der 1920er Jahre inspirieren lassen.

Es geht um sehr blutige Morde. Die Leichen sind zwar brutal zugerichtet, aber immer – zur Kulisse passend – auf eine Art künstlerisch.

Genau, es war uns wichtig keine übertriebene Gewalt darzustellen. Die Bilder der malträtierten Körper finden wir wichtig fürs Publikum, ohne die würde man die Brutalität der Geschichte nicht verstehen. Aber man sieht im Film nicht, wie sie umgebracht werden. „Hinterland“ ist ja gleichzeitig ein Arthouse- und ein Grand-Public-Film. Als wir gehört haben, dass Locarno den Film auf der Piazza Grande spielen will, mit 8.000 Zuschauern, dachten wir: Wow! Wir wollten Neues ausprobieren, eine Ästhetik schaffen, die es so im Kino noch nicht gegeben hat, und gleichzeitig das große Publikum erreichen. Locarno zeigt uns, dass das offensichtlich gelungen ist.

Waren Sie überrascht über den Publikumspreis?

Gleich beim ersten Festival gekrönt zu werden, das ist traumhaft. Wir haben das überhaupt nicht erwartet. Locarno ist ein Festival, das auch viele Filme neuer Talente zeigt. Stefan hat ja schon eine Riesenriege an Filmen gedreht und einen Oscar gewonnen, deshalb lief „Hinterland“ außerhalb des Wettbewerbs, doch für den Publikumspreis kam er trotzdem in Frage. Es war eine Freude, dort zu sein und den Film gemeinsam mit dem Team auf der größten Leinwand Europas zu sehen. Allein die Einladung ist die größte Ehre im Filmbereich. Wenn ein Film in Cannes, Venedig, Berlin oder Locarno läuft, ist er in der obersten Liga. Damit bekommt der Film eine hohe, internationale Sichtbarkeit – und gerade bei „Hinterland“, an dem viele Luxemburger Filmschaffende und elf Luxemburger Schauspieler gearbeitet haben, wird damit auch die Luxemburger Filmszene mit ihren kreativen Köpfen ausgezeichnet. Wir sind sehr gespannt auf die Reaktion des Luxemburger Publikums, wenn der Film im Oktober hier ins Kino kommt…

Interview: Franziska Peschel  Fotos: Amour fou/Freibeuter Film

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Zum Film

„Hinterland“ spielt im Wien von 1920. Eine Gruppe von Soldaten, darunter Peter Perg, kehrt aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und wird sogleich in einen Mordfall verwickelt. Einer von Pergs Kameraden wird brutal ermordet, er – selbst früherer Kriminalbeamter – ermittelt in dem Fall, dem eine Serie weiterer Morde folgt. Die Bildsprache ist sehr düster, die schief gebaute Stadt bringt einem immer wieder zum Staunen und Schmunzeln. Der Film wurde von der luxemburgisch-österreichischen Produktionsfirma Amour Fou co-produziert. Bady Minck war von luxemburgischer Seite beteiligt. Kinostart in Luxemburg ist im Oktober. Unbedingt ansehen!

Author: Dario Herold

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