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Gut Ding…

… will Weile haben. So wie die Testversion des neuesten „Tales of“-Ablegers, die uns mit Verspätung erreichte. Und so wie die Story jenes Spieles, die etwas Zeit braucht, um in die Gänge zu kommen.

Der Planet „Dahna“, seit 300 Jahren unterjocht und versklavt von einer technologisch überlegenen Spezies vom Nachbarplaneten „Rena“. Ein junger Mann, geplagt von Amnesie und in eine seltsame Eisenmaske gezwungen. Eine mysteriöse Frau mit verborgenen Kräften, die eigentlich aus den Feindesreihen stammt. Eine Widerstandsgruppe, die sich endlich von den barbarischen Fesseln der Unterdrücker befreien will… das klingt doch alles nach schmackhaften Zutaten für eine würzige Geschichte, oder?

Zugegeben, zu Beginn kommen die Charaktere, die Story und deren Aufmachung eher seicht daher. Anime-Klischees, Stereotypen und eine behäbige Inszenierung verfälschen den ersten Eindruck von „Tales of Arise“ (ToA). Nicht nur, dass der Hauptprotagonist überhaupt keine Erinnerungen an alles vor seiner Versklavung hat, ja nicht einmal daran, wie er an seine Maske kommt, auch die zweite Heldin, Shionne, trägt einen Fluch mit sich: Jeder, der sie berührt, fällt ihren „Dornen“ zum Opfer, einer geißelnden Aura, die bei längerer Berührung sogar zum Tod führen kann. Was für ein Glück, dass gerade der Protagonist – Trommelwirbel – keine Schmerzen empfinden kann! Und unerklärlicherweise kann er aus Shionnes Brust ein übermächtiges Schwert herausziehen, das alleine er führen kann! Am Anfang sorgen die Umstände und Charaktere des Spiels eher für höhnisches Augenrollen als für anerkennende Überraschung. Wenn man sich allerdings darauf einlassen kann und sich in Geduld übt, erlebt man eine klasse Entwicklung dieser anfänglichen Billig-Anime-Abklatsche.

Wir übernehmen die Rolle von Alphen, den man zunächst nur als „Eisenmaske“ kennt. Ihm schließen sich später fünf weitere Kämpfer an. Der Ablauf des Spiels ist strikt linear, so ist immer vorgegeben, wen man wo trifft und in die Gruppe aufnimmt. Auch die Levelstruktur ist sehr schlauchig und limitiert. Es gibt aber auch ausgedehntere Areale, hier und da kann man sogar versteckte Abschnitte entdecken. Der Schritt weg vom fast omnipräsenten „Open World“ ist eine erfrischende und willkommene Abwechslung. Dennoch hätte man die Welt – vor allem die Innenbereiche und Dungeons – noch komplexer und verworrener gestalten können, um den Entdeckerdrang stärker anzuspornen. Umso umständlicher ist hingegen die „Schnellreise“ ausgefallen, denn man muss sich durch unzählige Bildschirme klicken, um von Areal zu Areal zu springen und sich so seinen Weg zum gewünschten Ziel zu erarbeiten! Eine große Weltkarte gibt es nämlich leider nicht.

Definitiv nichts für Leute mit Hang zur Epilepsie.

Natürlich wird „Dahna“ besiedelt von jeder Menge Schergen und Bestien. Zum einen sind das die Invasoren von „Rena“, zum anderen sind das tierische Ungetüme, welche man „Zeugel“ nennt. Die Gegner sind in der Spielwelt verteilt und immer sichtbar. Läuft man ihnen über den Weg, springt das Spiel in den Kampfbildschirm und ein Actiongewitter bricht los. In den Duellen von „ToA“ geht es nämlich richtig ab. Man steuert zwar immer nur einen der Kämpfer seiner bis zu vierköpfigen Truppe, nach einer Weile ist die Tastenbelegung aber dermaßen komplex, dass es gerne mal in Hektik ausbricht. Die Bewegungsausführung ist sehr direkt und schnell, zudem blinken immer wieder Symbole auf. Gewiefte Reaktion ist gefragt, denn bei richtigem Knopfdruck werden spektakuläre Spezialangriffe entfacht. Auch visuell ist Chaos angesagt, denn die Attacken – besonders die übermächtigen „Boost Strikes“ – entfesseln ein richtiges Feuerwerk auf dem Bildschirm. Definitiv nichts für Leute mit Hang zur Epilepsie.

So irritierend das erst einmal ist, als umso motivierender entpuppt es sich nach einer Weile. Hat man den Bogen nämlich nach einer gewissen Eingewöhnungszeit raus, vermöbelt man auch die größten und mächtigsten Bossgegner mit Bravur. Taktische oder strategische Tiefe sucht man allerdings vergeblich. Im Fertigkeitenbaum der Charaktere schaltet man genregetreu nach und nach neue Fähigkeiten, Attacken und passive Boni frei. Angriffe verteilt man auf seine Tasten und auch Spezialattacken legt man fest. Was natürlich in keinem Rollenspiel fehlen darf, ist die Möglichkeit, neue Rüstungen, Waffen und Accessoires anzulegen. Hier bleibt „ToA“ allerdings sehr reduziert. Zudem ändern neue Rüstungen nichts an der Optik des Charakters, hierfür gibt es die spezielle Kategorie „Outfits“, wo man das Aussehen per freischaltbaren oder gekauften Skins aufhübschen kann. Das raubt der Ausrüstungsoption komplett die Tiefe. Die Auswahl an verschiedenen Waffen ist recht limitiert. Nur ab und zu hat der Schmied neue Schwerter oder Schießeisen auf Lager, diese sind dann auch meistens in allen Werte-Punkten stärker oder schwächer, was das Ausprobieren und Vergleichen von verschiedenen Waffen zunichtemacht. Mehr Tiefgang und Komplexität in Verbindung mit einem Aufwertungssystem wäre hier definitiv spannender gewesen.

Es wurde extrem viel Wert darauf gelegt, dass man die Protagonisten kennenlernt und sie ins Herz schließt.

Viel Tiefe entfaltet sich hingegen in den Beziehungen zwischen den Charakteren. Es wurde extrem viel Wert darauf gelegt, dass man die Protagonisten kennenlernt und sie ins Herz schließt, egal wie verschroben oder unsympathisch sie zunächst auch erscheinen mögen. Und hier liegt die klare Stärke von „ToA“. Auch wenn die Zwischensequenzen und Dialoge teils steif und langatmig inszeniert sind, und auch wenn mit Klischees nur so um sich geworfen wird, so entwickeln sich langsam aber sicher Freundschaften, aus Feinden werden Gleichgesinnte und unerwartete Twists sorgen für Überraschungsmomente. Es gibt sehr viele Dialoge, die allerdings nur teilweise vertont sind. Zudem kann man überall in der Spielwelt optionale Unterhaltungen per Schultertaste auslösen, die in animierter Comic-Strip-Optik für Abwechslung sorgen und manchmal tiefere Einblicke in die Gedanken und die Vergangenheit der Helden zulassen. Oder man erhält zusätzliche Informationen zur Spielwelt. So hektisch und actionlastig die Kämpfe also sind, umso entschleunigter gestaltet sich das Drumherum. Und da kann man so richtig eintauchen.

Gehalten ist das Spiel in farbenfrohem „Cel Shading“ und die Texturen haben einen leichten Aquarell-Touch. Das vermittelt einen typischen Anime-Stil, wie man ihn kennt aus „Dragon Quest XI“, „Genshin Impact“ oder „Zelda: Breath of the Wild“. Das Spiel läuft sehr geschmeidig und die Ladezeiten sind recht kurz (PS5). Dafür erblicken wir ab und an unschön aufploppende Objekte und Texturen. In den Kämpfen sind die Animationen der Streiter sehr gelungen, was in den Zwischensequenzen leider nicht der Fall ist. Deswegen wirken diese auch unnötig steif und langatmig. In ruhigen Momenten unterstreicht das zwar diese Zen-Attitüde, die einen angenehmen Kontrast zu den Fights bringt, aber in dramatischen Situationen wirkt es einfach deplatziert. Besser gefällt uns da der enorm starke Soundtrack des Spiels, der uns ein ums andere Mal mitreißt und das Gesamterlebnis ungemein aufwertet.

Der Mangel an spielerischer Tiefe und die oftmals aufgesetzte Dramatik in den Dialogen bremsen „ToA“ leider ein wenig aus, auch das Ausrüstungs- und Waffensystem hätte ruhig komplexer sein dürfen. Gegen Ende arten die Dialoge etwas aus, so dass man fast das Gefühl bekommt, man klicke sich gerade durch eine „Visual Novel“. Dies kommt allerdings der zunehmend komplexeren Geschichte sehr entgegen, denn ungefähr ab der Mitte des umfangreichen Abenteuers entfaltet sich das Spiel so richtig. Ab hier werden die Levelabschnitte ausgedehnter, man erhält Zugriff auf mehr Waffen und die Story erfährt einige unerwartete, aber dafür umso buntere Facetten.

Leider gibt es keine deutsche Synchronisation, stattdessen aber Untertitel bei einer durchweg gelungenen englischen Sprachausgabe. So flapsig das Spiel auch beginnt, es entpuppt sich am Ende als spielenswerte Reise in wunderschönem Anime-Gewand. Die „Tales of“-Reihe konnte mit den letzten Teilen nicht jeden Fan begeistern, aber gerade „Arise“ sollte mit neuen Tugenden und alten Stärken wieder für offene Münder und feuchte Augen sorgen.

Text: Daniel Paulus // Fotos: Bandai Namco

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Technik 3/5
Story 4/5
Gameplay 3/5
Umfang 4/5
Spielspaß 4/5
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Author: Philippe Reuter

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