Home » Home » Hattrick-Held

Hattrick-Held

Ryan Klapp wechselte im Winter nach einem anderthalbjährigen Missverständnis beim F91 nach Niederkorn. Beim Progrès will der 28-Jährige endlich zu alter Stärke zurückfinden.

Im Luxemburger Fußball gibt es nicht viele Vereine, die der altehrwürdigen Jeunesse aus Esch das Wasser reichen können. Spiele an der Grenz sind – auch deswegen – immer etwas Besonderes. Und trotzdem gibt es auch bei der Jeunesse jedes Jahr ein Spiel, das alle anderen in den Schatten stellt: das Escher-Derby.

„Das sind die Spiele, in denen man sich als Fußballer verewigen kann“, weiß Ryan Klapp. Der 28-jährige Flügelflitzer erinnert sich am liebsten an das Derby 2018, als er seiner Fola mit einem Hattrick (drei Tore) zu einem hartumkämpften 3:3 verhalf. Ein Hattrick im Escher-Derby – „Er wäre eigentlich der Held gewesen“, erinnert sich Fola-Sportdirektor Pascal Welter. „Doch wurde unsere Freude durch ein Ausgleichstor per Hand getrübt.“ Für Ryan bleibt es trotzdem einer der schönsten Momente seiner Karriere.

Heute trägt Ryan nicht mehr das blau-rot gestreifte Trikot der Fola. Seit diesem Winter sprintet er beim Progrès aus Niederkorn über die Flanken. Niederkorn ist sein mittlerweile vierter Verein im Luxemburger Oberhaus. Nach seiner Jugend beim heimischen SC Bettembourg ging es zur Eintracht nach Trier, von dort zum hauptstätischen Racing und über die Fola 2019 zum Serienmeister nach Düdelingen.

„Die Atmosphäre in Niederkorn hat mich überzeugt“, erklärt Ryan seinen Farbwechsel vom Düdelinger Gelb zum Niederkorner Schwarz-Gelb. „Beim F91 hat es mit dem Trainer einfach nicht gepasst. Ich bin ein besonderer Charakter, lege viel Wert aufs Zwischenmenschliche. Carlos Fangueiro (der Trainer von F91, Anm. d. Red.) ist taktisch enorm versiert, aber unsere Charaktere haben nicht zueinander gepasst.“ Die Zeit beim F91 bereue er nicht, die Europa-League-Gruppenphase sei eine unersetzliche Erfahrung gewesen – und dennoch sei er nun froh, einen Schlussstrich unter das Düdelinger Kapitel gezogen haben zu können.

Niederkorn ist sein mittlerweile vierter Verein im Luxemburger Oberhaus.

Seit gut drei Wochen trainiert Ryan jetzt also in Niederkorn. Neben dem aktuellen Tabellenvierzehnten der BGL-Ligue hatten unter anderem die Klubs aus Strassen, Hesperingen und der Jeunesse angefragt. Als besten Trainer seiner Karriere hebt Ryan den just bei Kaiserslautern beurlaubten Jeff Saibene hervor. Die Wege von Klapp und Saibene hatten sich in der U19-Auswahl der Luxemburger Nationalmannschaft gekreuzt.

PR2_3588-KopieAngesprochen auf die Nationalmannschaft ist dem zurückhaltenden und ruhigen Klapp ein leichtes Lächeln zu entnehmen. „Mit 28 Jahren macht man sich da nicht mehr allzu viele Hoffnungen.“ Für das eine oder andere Freundschaftsspiel hatte es zwar gereicht, eine offizielle Berufung in den A-Kader sollte Klapp allerdings verwehrt bleiben. In seinem für einen Fußballer bereits etwas fortgeschrittenen Alter fokussiert Klapp sich mittlerweile auf das Ausbalancieren von sportlichen Ambitionen und privaten Bedürfnissen. „Ich bin ein Familienmensch. Die Nähe zu Familie, Freunden und Freundin ist mir unheimlich wichtig“, sagt er. Dementsprechend ablehnend reagiert Klapp auf das Gedankenspiel eines Auslandswechsels. „Unabhängig davon, dass das in meinem Alter nur ganz selten gut geht, bin ich mit meiner aktuellen Situation dermaßen zufrieden, dass es wirklich ein brutal gutes Angebot bräuchte, um mich zu überzeugen.“

Freundin, Familie, Freunde, Fußball, Beruf und Katze – davon redet Ryan, wenn er seine aktuelle Situation, mit der er „dermaßen zufrieden“ ist, beschreibt. „Ich arbeite als Notargehilfe, kümmere mich um Verträge bei Verkäufen, Erbschaften oder Spenden. Das gefällt mir sehr.“ Hätte man ihm diesen Beruf vor gut zehn Jahren vor die Nase gehalten, hätte Ryan wahrscheinlich anders reagiert. Damals wollte er unbedingt Physiotherapeut werden. Die Kombination aus Studium und Fußball hätte allerdings nicht geklappt.

Trotz Corona-Pandemie will er sich von jetzt an voll auf die Aufholjagd mit seinem neuen Klub fokussieren. „Wir gehören nicht auf den Tabellenplatz, auf dem wir gerade stehen. Unser Ziel bleibt weiterhin die Qualifikation für Europa (Platz eins bis vier).“ Mit dieser Ansage bläst Klapp zu einer Zehn-Punkte-Aufholjagd, wobei Niederkorn noch zwei Spiele weniger hat als die meisten seiner Konkurrenten.

Mit seiner Schnelligkeit und seinen Qualitäten im Eins gegen Eins soll Klapp in Zukunft der Progrès-Offensive eine neue Dimension verleihen.

30.04.2017_Editpress_363752(1)-KopieNicht nur die anstehenden Spiele und die voraussichtliche Spielzeit bereiten Ryan Freude, auch die Wiedervereinigung mit seinem langjährigen Freund Tom Laterza (2012-2019 bei der Fola) sorgt bei Ryan für Optimismus. „Wir spielen beide auf der rechten Seite. Er defensiv und ich offensiv. Wir verstehen uns gut und ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann“, prognostiziert Ryan eine gefährliche rechte Niederkorner Flanke.

Vom Transfer des 28-Jährigen erhoffen sich die Niederkorner vor allem eins: Unberechenbarkeit. Mit seiner Schnelligkeit und seinen Qualitäten im Eins gegen Eins soll Klapp in Zukunft der Progrès-Offensive eine neue Dimension verleihen. Seine eigenen Stärken und Schwächen zu kennen, hält Ryan für wichtig. „So richtig erkennen, wo meine Stärken liegen, konnte ich in Trier. Der deutsche Fußball ist enorm physisch, was nicht unbedingt zu mir passte. Auf der anderen Seite konnte ich mit meiner Technik und Geschwindigkeit immer für Furore sorgen.“

„Alaska“, so antwortet der sympathisch-ruhige Ryan auf die Frage nach einer Traum-Destination. Der Sohn eines Luxemburgers und einer Italienerin würde gerne noch mehr reisen in seinem Leben. „Die Leute sehen oft nicht, dass wir Fußballer dann trainieren, wenn andere ausgehen oder Spiele haben, wenn andere in die Ferien fahren.“ Beklagen will er sich über dieses Missverständnis allerdings nicht, er wisse sehr wohl, dass er in einer privilegierten Position ist und sein Hobby durchaus gut vergütet bekommt.

Dementsprechend zufrieden gibt sich Klapp. Ob die BGL-Ligue zu Ende gespielt wird, da ist sich Ryan Klapp nicht sicher. Ob fertig oder nicht, den 17. Spieltag wird sich Klapp in seinem Kalender fett markiert haben: Da geht es nach Düdelingen, wo er seiner Ex richtig gerne nochmal zeigen würde, wie gut er wirklich ist. 

Text: Daniel Baltes // Fotos: Philippe Reuter, Gerry Schmit (Editpress) (3)

200304_Gerry_Schmit_0011-Kopie

Author: Philippe Reuter

Login