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Hintergrund: Narrativ der Vielfalt

Luxemburgische Maquisards, Widerstandskämpfer in Frankreich (in der Mitte oben: Marcel Klein und Roger Penning).

Luxemburgische Maquisards, Widerstandskämpfer in Frankreich (in der Mitte oben: Marcel Klein und Roger Penning).

Mehr als ein Jahr vor der Neueröffnung und einer neuen Sonderausstellung hat das Nationale Resistenzmuseum die fast tausend Seiten starke Bestandsaufnahme „Luxemburg und das Dritte Reich“ herausgebracht. Ein Blick in das Monumental- und Standardwerk unter dem Aspekt des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar.

Der Krieg kam im Morgengrauen des 10. Mai 1940 nach Luxemburg. Die Gefahr einer deutschen Invasion hatte man schon früh geahnt. Kurz nach Kriegsbeginn waren auf den Brücken nach Deutschland Hindernisse angebracht und die 15 Grenzübergänge blockiert worden. Was die Deutschen nicht davon abhielt, die Brücken über die Our und die Sauer schnell zu erobern und den Weg für die Panzer nach Belgien freizumachen. Zwei deutsche Panzerdivisionen erreichten die belgische Grenze um halb acht und um halb elf Uhr. Derweil zog sich die französische Armee hinter die Maginot-Linie zurück, wie der Autor Jean-Yves Mary berichtet.

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen „gerieten plötzlich Tausende Einwohner der Bergbauregion zwischen die deutschen und französischen Fronten“, schreibt der Historiker Serge Hoffmann. „Angesichts der erneuten Kampfhandlungen, die zahlreiche Opfer und erhebliche materielle Schäden zur Folge hatten, beschlossen die Bürgermeister der Gemeinden des Minettes (…), die Zivilbevölkerung so schnell wie möglich aus dem Kampfgebiet zu evakuieren. Insgesamt wurden fast 47.000 Menschen nach Frankreich gebracht, während etwa 45.000 Personen vorübergehend in Luxemburg Zuflucht fanden.“ Allein aus Differdingen kamen fast 6.000 Personen per Bus in den Kanton Wiltz. Nach dem Waffenstillstand am 22. Juni 1940 ließ die deutsche Militärverwaltung sie wieder zurückkehren.

Lange Zeit fand die Deportation in der Erinnerungskultur keine Erwähnung. Es dominierten Opfer- und Widerstandsmythos.

Über die Invasion der deutschen Wehrmacht sowie die Evakuierung der luxemburgischen Zivilbevölkerung ist in den jeweiligen Artikeln der beiden Autoren in „Luxemburg und das Dritte Reich – eine Bestandsaufnahme“ nachzulesen. Es sind zwei von insgesamt 54 Beiträgen auf 960 Seiten, die den aktuellen Stand der Forschung über jene Zeit wiedergeben, von 43 Historikern aus Luxemburg, Deutschland und Frankreich. Die Texte sind auf Deutsch und Französisch verfasst, am Ende jedes Kapitels ist eine Zusammenfassung in der jeweils anderen Sprache zu finden. Der vom Musée de la Résistance et des Droits Humains herausgegebene Sammelband stelle keine zusammenfassende Übersicht der Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Luxemburg dar, erklärt Frank Schroeder, Direktor des Museums, in seinem Vorwort. Das Buch gebe jedoch einen Überblick über den aktuellen Stand der historischen Forschung. „Der Band ist ein kollektives, vielstimmiges Werk, geprägt von unterschiedlichen Sichtweisen auf unterschiedliche Themen, welche die Komplexität, Vielfalt und Dichte dieser wechselvollen Epoche widerspiegeln“, so Schroeder. „Die in den letzten Jahren entdeckten Quellen wurden ebenso berücksichtigt wie die Tatsache, dass der heutige Blickwinkel nicht mehr dem der vergangenen Jahrzehnte entspricht.“

Gauleiter Gustav Simon durchschreitet eine Menge, die mehrheitlich aus Luxemburgern besteht, zur Eröffnung des Kreistages der Volksdeutschen Bewegung (VdB) in Limpertsberg, August 1942.

Gauleiter Gustav Simon durchschreitet eine Menge, die mehrheitlich aus Luxemburgern besteht, zur Eröffnung des Kreistages der Volksdeutschen Bewegung (VdB) in Limpertsberg, August 1942.

Lange Zeit herrschten in Luxemburg ein Opfermythos und ein Narrativ des Widerstands vor. Die Historiker Jerôme Courtoy und Elisabeth Hoffmann vom Resistenzmuseum haben sich den verschiedenen Formen des Widerstands gegen das NS-Regime gewidmet, Lucien Blau den Ideologien und Programmen der einzelnen Widerstandsbewegungen, aber auch dem Rechtsextremismus und Antisemitismus in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Peter Quadflieg nahm die Dimensionen der Zwangsrekrutierung von Luxemburgern unter die Lupe. In weiteren Kapiteln geht es um die Antifaschisten und um die Merkmale des Faschismus unter den italienischen Einwanderern. Das Exil der luxemburgischen Regierung wird ebenso thematisiert wie das Einsatzkommando der Sicherheitspolizei hierzulande. Auch wenn die Herausgeber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so besitzt das Mammut- bzw. Monumentalwerk doch das Kaliber eines Standardwerks.

Der Wandel vom dominierenden Narrativ der Resistenzler und Zwangsrekrutierten zur differenzierteren Untersuchung hat erst richtig in diesem Jahrhundert, also ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, eingesetzt. Unter der jüngeren Generation von Historikern ist es nicht zuletzt Vincent Artuso, der sich mit der bis vor ein paar Jahren vernachlässigten Kollaboration der Luxemburger mit dem NS-Regime untersucht hat. Die Vorstellung, dass es von staatlicher Seite keine Kollaboration gegeben hat, habe lange Zeit vorgeherrscht, konstatiert er in seinem Beitrag über die Zusammenarbeit der luxemburgischen Behörden mit den deutschen Besatzern. In einem späteren Kapitel erläutert er die verschiedenen Grade der Kollaboration in der luxemburgischen Gesellschaft. Und Mil Lorang, Autor des 2019 erschienenen Buches „Luxemburg im Schatten der Shoah“, weist in seinen Nachforschungen den Luxemburgern in dem berüchtigten Reserve-Polizeibataillon 101 „Beihilfe zum Mord“ nach, so der Titel des entsprechenden Kapitels.

Der Band ist ein kollektives, vielstimmiges Werk, geprägt von unterschiedlichen Sichtweisen auf unterschiedliche Themen, welche die Komplexität, Vielfalt und Dichte dieser wechselvollen Epoche widerspiegeln. Frank Schroeder, Museumsdirektor

Paul Dostert beschreibt, wie die luxemburgische Bevölkerung während der deutsche Besatzung durch den Chef der Zivilverwaltung, Gauleiter Gustav Simon, unter totale Kontrolle gebracht wurde, und Philippe Victor, wie die Nazis versuchten, die luxemburgische Jugend zu indoktrinieren. Claude Marx erläutert die antijüdischen Maßnahmen, bis der letzte Fluchtweg versperrt war. Etwa 3.000 Juden hatten es seit der Invasion der Deutschen bis zum Oktober 1941, teils unter großen Schwierigkeiten noch geschafft, das Land zu verlassen. Der 2003 verstorbene Journalist Paul Cerf recherchierte später für sein Buch „L’Etoile juive au Luxembourg“ (1986) genau, wie das Konsistorium der jüdischen Gemeinde noch am 15. Oktober 1941 einen Konvoi mit Bussen nach Westen in Richtung Paris organisierte. Das eigentliche Ziel der Reise sollte Portugal sein. Wie sich herausstellte, war es die letzte Gelegenheit der luxemburgischen Juden, das Land auf legalem Wege zu verlassen, um den Nazis und dem Tod zu entkommen.

Einen Tag später, in der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober, verließ der erste Deportationszug den Luxemburger Hauptbahnhof in das von deutschen besetzte Polen ins Ghetto von Lodz und von dort in die Vernichtungslager. Insgesamt waren es 20 Transporte. Wer noch nicht deportiert worden war, wurde in das Internierungslager Fünfbrunnen gebracht. Insgesamt fielen etwa 1.300 jüdische Einwohner Luxemburgs dem Völkermord zum Opfer. Von den mindestens 658 direkt aus dem besetzten Luxemburg deportierten überlebten nur 44 Menschen den Holocaust.

Feierlicher Auszug der Freiwilligenkompanie über die Nei Bréck in Richtung Bahnhof am 4. Dezember 1940.

Feierlicher Auszug der Freiwilligenkompanie über die Nei Bréck in Richtung Bahnhof am 4. Dezember 1940.

„Gauleiter Gustav Simon hatte die Politik der Nazis mit großem Eifer umgesetzt“, schreibt der Publizist Laurent Moyse in seinem Kapitel „Die Deportation und Vernichtung der luxemburgischen Juden während des Zweiten Weltkriegs“ in dem vorliegenden Buch. Doch lange Zeit fand die Deportation in der Erinnerungskultur keine Erwähnung. „Die jüdischen Opfer standen am Rand der Mainstream-Gedenkkultur“, erklärte Vincent Artuso im vergangenen Oktober in einem revue-Interview. Die Historikerin Renée Wagener hat sich in ihrem Beitrag mit dem „Umgang mit der Shoah im Nachkriegsluxemburg“ befasst. Sie kommt zu dem Fazit: „Die passive bis desinteressierte Haltung der Luxemburger Exilregierung gegenüber der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -ermordung änderte sich nach dem Krieg wenig.“ Die „Ausblendungspolitik“ von Regierung und Parlament habe nicht zuletzt den „latenten gesellschaftlichen Antisemitismus und schließlich das Ignorieren einer religiösen Minderheit“ manifestiert, so Wagener. Sie weist auf das „fast völlige Fehlen von jüdischen Augenzeugenberichten, Memoiren oder Analysen in der Nachkriegszeit“ hin. Es gab in der Tat über Jahrzehnte hinweg bis auf wenige Ausnahmen kaum Versuche, die Judenverfolgung hierzulande zu thematisieren, wie zum Beispiel von Fernand Karier oder René Burgs Roman „Als überall die Feuer brannten“ aus dem Jahr 1970. Es war erst der bereits genannte Paul Cerf in „Longtemps j’aurai mémoire“ (1974), der sich mit der Judenverfolgung in Luxemburg während des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzte. „Ein Vierteljahrhundert lang war also die nationalsozialistische Judenverfolgung in Buchveröffentlichungen in und über Luxemburg so gut wie nicht thematisiert worden“, stellt Renée Wagener fest. (siehe Gespräch mit Jérôme Jaminet, Seite 28)

Neuen Schwung bekam die Aufarbeitung des Holocaust in Luxemburg und die luxemburgische Kollaboration im vergangenen Jahrzehnt mit den Nachforschungen von Historikern wie Artuso, Wagener und Denis Scuto. Die drei Historiker brachten unter anderem Belege dafür zutage, dass die luxemburgische Verwaltungskommission bereits 1940 Listen von polnischen Juden sowie von jüdischen Kindern hierzulande erstellte. Bezüglich der Beteiligung von 14 Luxemburgern an den Massakern des „Reserve-Polilzeibataillon 101“, haben die Nachforschungen von Courtoy und Hoffmann anhand von Fotos neue Erkenntnisse gebracht. Mil Lorang schreibt: „Courtoy und Hoffmann schlussfolgern, dass durch diese Fotografien ‚die anhaltende Theorie, die Luxemburger wären letzten Endes nur passive Zeugen der Erschießungen an den polnischen Juden gewesen, in Frage‘ gestellt wird.“

Vor dem Rathaus: Kontaktaufnahme zwischen der luxemburgischen Polizei und deutschen Offizieren. In der Mitte ist der deutsche Polizeipräsident August Wilhelm Wetter zu sehen, hinter ihm der Chef der örtlichen Polizei, Michel Weis. 1940.

Vor dem Rathaus: Kontaktaufnahme zwischen der luxemburgischen Polizei und deutschen Offizieren. In der Mitte ist der deutsche Polizeipräsident August Wilhelm Wetter zu sehen, hinter ihm der Chef der örtlichen Polizei, Michel Weis. 1940.

Seit die Vereinten Nationen 2005 beschlossen, den 27. Januar als Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust festzulegen, wird in Luxemburg an diesem Tag an die Judenverfolgung erinnert. Seit 2013 wurden in mehreren Gemeinden sogenannte Gedenksteine gesetzt. Im Anschluss an die Veröffentlichung des sogenannten Artuso-Berichts über die Kollaboration der Luxemburger Behörden bei der Judenverfolgung entschuldigte sich Premierminister Xavier Bettel in einer Parlamentssitzung bei der jüdischen Gemeinde. Und im Juni 2018 wurde in der Hauptstadt das Denkmal „Kaddish“, eine Granit-Skulptur des Künstlers Shelomo Selinger zur Erinnerung an die Opfer der Shoah errichtet.

Ein Verdienst der Herausgeber des nun vorliegenden Buches ist aber auch die Aufnahme von Beiträgen über die Verfolgung der Zeugen Jehovas wie auch der Jenischen und Sinti in der Zeit der NS-Besatzung sowie über die Verfolgung von Homosexuellen. „Das Schicksal dieser Minderheiten, deren Verfolgung durch die Nazis in Luxemburg lange Zeit nicht beachtet wurde“, kündigt Frank Schroeder im Vorwort an, „wird im Jahr 2023 in einer Sonderausstellung im Nationalen Widerstandsmuseum und in einer Publikation vertieft.“

Text: Stefan Kunzmann // Fotos: Unbekannter Fotograf/MNRDH, Unbekannter Fotograf/Photothèque de la Ville de Luxembourg (2), Pierre Bertogne/Photothèque de la Ville de Luxembourg

Cover-Kopie

Musée national de la Résistance (Hrsg.): Le Luxembourg et le Troisième Reich / Luxemburg und das Dritte Reich. Verlag Op de Lay. Esch-sur-Alzette 2021. 960 Seiten. 39 Euro.

Author: Philippe Reuter

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