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Hoch hinaus

Der Handballer Luca Kremer hat große Ziele. Der Rückraumspieler des HC Standard Luxemburg spricht mit revue über ein Motivationstief, die Risiken einer Profi-Karriere im Sport und seinen Berufswunsch „Pilot“.

Die Axa League hat einen neuen Shootingstar. Auf den ersten Blick imponiert Luca Kremer gerade durch seine Physis. Auf den zweiten Blick überrascht er mit einem zurückhaltenden Charakter, fast schon einer gewissen Scheu. Auf dem Platz wendet sich das Blatt allerdings. Dort ist er lauter, emotionaler und kaum zu halten: Mit neun Treffern aus zwei Partien drückt der 19-jährige Handballer der Liga aktuell seinen Stempel so richtig auf. Auch den Vereinen der Luxemburger Handballelite entgehen solche Leistungen nicht. Anrufe und andere Versuche, ihn dem HC Standard Luxemburg zu entlocken, soll es in den vergangenen beiden Jahren bereits mehrere gegeben haben. „Wären wir 2019 nicht aufgestiegen, hätte ich sehr wahrscheinlich auch den Verein gewechselt“, erklärt Kremer das mittlerweile 13-jährige Verweilen im Jugendklub. Auch in diesem Sommer gab es Angebote für den aktuellen U20-Nationalspieler. Die Garantie, eingesetzt zu werden, in Kombination mit dem Vertrauen des Trainers konnten Kremer jedoch davon überzeugen, weiterhin für den HC Standard auf Torjagd zu gehen.

Aber nicht nur im Erzielen von Toren ist der Letztjahresabiturient geübt, auch das Hüten solcher kann er: „Ich war Torhüter beim FC Munsbach. Wobei ich im Fußball auch auf anderen Positionen gespielt habe.“ Mit beiden Sportarten begann Kremer im Alter von sechs Jahren zeitgleich. Die Leidenschaft für den Sport wurde ihm dabei quasi in die Wiege gelegt, so waren sowohl seine Mutter (Nationalspielerin) als auch sein Vater (Trainer) aktive Basketballer: „Ich würde schon sagen, dass ich sportverrückt bin.

Ich wollte noch nie Profi werden. Auch nicht als kleines Kind, als ich mit dem Sport angefangen habe. Luca Kremer

Ein Leben ohne den Sport, egal ob als Aktiver oder als Zuschauer, könnte ich mir nicht vorstellen“, gesteht der leidenschaftliche Bundesliga- und Formel-1-Fan. Mit dem bevorstehenden Wechsel in das Lyzeum im Jahr 2014 sollte sich der Teenager dann zwischen den beiden gleichgeliebten Sportarten (Fußball und Handball) entscheiden müssen. Am Ende war der Wunsch, seine Bildung im Sportlycée fortzusetzen entscheidend: „Um in das Sportlycée zu kommen, musst du im Nationalkader sein. Das war ich nur im Handball, deswegen entschied ich mich dann auch dafür.“ Bereut hat er diese Entscheidung nie. Selbstsicher erklärt er die damalige Wahl des Sportlycée gar zu einer der bisher besten seines Lebens.

PR2_5514-KopieKomplett glatt verlief die Schulzeit dort allerdings nicht. So war dem eher introvertierten Sportler nach der Neuaufteilung der Klassen, aufgrund der Sektionenwahl zeitweise die Lust auf das Handballspiel vergangen: „Wir waren bis dahin immer vier Handballer in der Klasse. Zwei davon gingen ins Ausland, einer wechselte die Schule. Auf der 3ième war ich dann alleine. Das hat an meiner Motivation gezehrt.“ Es verwundert nicht, dass der zurückhaltende junge Mann, der spürbar viel Wert auf Atmosphäre und das eigene Wohlfühlen legt, von diesen doch einschneidenden Veränderungen betroffen war. „Mittlerweile bin ich aber wieder voll motiviert. Vielleicht sogar motivierter, als ich es jemals war“, erklärt Kremer dieses Mal etwas selbstbewusster. Ein Beweis für die neugefundene Motivation: Neben dem Vereinstraining (dreimal pro Woche) arbeitet Kremer aktuell weitere zweimal im Fitnessraum an seiner Physis. In der Kraft hat Kremer, neben dem mentalen Aspekt seines Spiels, nochmal deutliches Verbesserungspotenzial ausgemacht.

Weiter verbessern will sich Kremer unbedingt. Eine Karriere als Profisportler reizt den 19-Jährigen trotzdem nicht: „Ich wollte noch nie Profi werden. Auch nicht als kleines Kind, als ich mit dem Sport angefangen habe.“ Der Grund hinter dieser ungewöhnlichen Entscheidung ist nicht das fehlende Talent, sondern basiert auf einer simplen Risiko-Ertrags-Rechnung. Kremer bedenkt vor allem das hohe Verletzungsrisiko und die damit korrelierende, fehlende langfristige Sicherheit. „Mir waren die Schule sowie Sicherheit und Stabilität durch Bildung schon immer wichtig“, unterstreicht Kremer seine Lebensphilosophie. Das Beenden der Sportkarriere kommt allerdings nicht infrage: „Ich will unbedingt so lange es irgendwie geht auf höchstmöglichem Niveau weiter Handball spielen. Vielleicht auch mal im Ausland. Nur eben nicht als Vollprofi.“

Ich will Pilot werden. Seit ich auf 7ième bin, habe ich diesen Wunsch. Luca Kremer

Sein Geld würde Kremer gerne anders verdienen: „Ich will Pilot werden. Seit ich auf 7ième bin, habe ich diesen Wunsch.“ Davor wollte Kremer eine Zeit lang Koch werden. Mittlerweile ist er froh, dass er diesen Wunsch nicht weiterverfolgt hat. „Meine Kochkünste sind definitiv ausbaufähig“, gesteht er lachend. Aufgrund der Corona-Pandemie absolviert Kremer aktuell eine Art Fülljahr: „Die ganze Corona-Situation hat es unglaublich schwer gemacht, das Studium zu planen. Ich studiere jetzt Informatik in Trier. Ich will das vor allem dafür nutzen, mich auf das deutsche Unisystem vorzubereiten und in Fächern wie Mathe oder Physik nochmal nachzulegen.“ Nächstes Jahr will Kremer nach Worms oder Berlin, wo im Idealfall ein Studium im „Aviation Management“ und der Pilotenschein auf ihn warten.

6102020HBSTANDARMERSCH4-1-KopieSollte sich der Studienwunsch in Berlin oder Worms erfüllen, spielt Kremer mit dem Gedanken einer ersten Auslandsstation im Handball: „Ich werde dann sicher versuchen, einen Verein in der Gegend zu finden, wo ich weiterspielen kann.“ Durchgeplant hat er diesen nächsten Schritt allerdings noch nicht, aktuell fokussiert sich der Rechtshänder sportlich voll auf den HC Standard. „Letztes Jahr sind wir aufgrund der schlechteren Tordifferenz nicht in das Titel-Playoff eingezogen. In diesem Jahr wollen wir unbedingt dabei sein, wenn es um die Meisterschaft geht.“ Sollte der HC Standard den Sprung in die Titelgruppe schaffen, wird die Mannschaft mit großer Wahrscheinlichkeit allen voran auf die Mannschaften treffen, die sportlich über ihnen stehen: „Der Unterschied zwischen den Topteams und uns ist immer noch eklatant, gerade im budgetären Bereich. Für uns wird es dann darum gehen, die Topteams zu ärgern und den ein oder anderen Achtungserfolg zu holen.“ Ob und wie viele dieser Achtungserfolge für HC Standard realisierbar sind, dürfte auch direkt mit den Leistungen von Luca Kremer zusammenhängen. Ist sein Saisonstart eine repräsentative Vorschau auf die kommenden Monate, geht es für Kremer und seine Mannschaft, ähnlich dessen Berufswunsch, allerdings nur in eine Richtung: hoch hinaus..

Text: Daniel Baltes // Fotos: Philippe Reuter (2), Luis Mangorrinha, Jerry Gerard (beide Editpress)

Author: Philippe Reuter

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