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Homo mobilis

Zwar hat die Pandemie kurzzeitig zu einem Stillstand geführt. Aber die globale Migration wird langfristig weiter zunehmen – verstärkt durch den Klimawandel. Dritter Teil der Serie.

Noch nie waren so viele Menschen weltweit auf der Flucht wie im vergangenen Jahr. Dies meldete das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), nach dessen jüngstem Bericht die Zahl der Vertriebenen 2020 auf 82,4 Millionen gestiegen ist. Noch mehr Menschen wissen, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein. Viele sind Kriegen und Verfolgung entkommen, andere der Armut. Manche stammen aus gescheiterten Staaten. Wiederum andere sind sogenannte Klimaflüchtlinge. Oft hängen die Ursachen der Flucht eng miteinander zusammen. Sie verstärken sich gegenseitig – und könnten in den nächsten Jahrzehnten weitaus mehr Menschen in Bewegung setzen.

Ein grundlegender Faktor ist das demographische Ungleichgewicht zwischen dem Norden, wo die Bevölkerung zunehmend altert, und dem Süden, wo die Gesellschaften vorwiegend aus jungen Menschen bestehen. Hinzu kommt, dass viele Arbeitskräfte der Automatisierung der Industrie zum Opfer gefallen sind und ihre Arbeit verloren haben. Oder sie leben in ländlichen Gebieten, die unter den klimatischen Langzeitphänomenen wie steigenden Temperaturen oder dem sinkenden Grundwasserspiegel leiden, ebenso wie unter saisonalen Naturkatastrophen wie Überflutungen, Waldbränden und Wirbelstürmen.

Ob Klimawandel, Ungleichheit, kriegerische Konflikte oder zerfallende Staaten als Ursachen – die Migration ist und bleibt ein heftig diskutiertes Thema. Zygmunt Bauman schrieb in dem kurz vor seinem Tod im Jahr 2017 veröffentlichten Essay „Die Angst vor den anderen“ von einer „moralischen Panik“, von der häufig nicht zuletzt rechtspopulistische Politiker profitieren. Der Begriff der „Migrationskrise“ sei ein politisch korrekter Deckname für den ewigen Kampf der Meinungsmacher. „Die Berichterstattung von diesem Schlachtfeld“ löse diese Panik aus. Der Soziologe, der selbst einst mit seiner jüdischen Familie vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen war, dann nach Israel emigrierte und später an der University of Leeds lehrte, hat einen Mangel an Empathie gegenüber den geflüchteten Menschen beobachtet. Diese gelten vielen allein schon durch ihre Existenz als Bedrohung. Dabei könne jeder selbst „morgen ein Flüchtling sein“, konstatiert der Historiker Andreas Kossert in seinem kürzlich erschienen Buch „Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“. Flucht sei eine geschichtliche Konstante, ebenso der Argwohn der Menschen in den Zielländern. Der Autor macht dafür weniger deren Sorge um den eigenen Wohlstand verantwortlich als die Angst davor, ein ähnliches Schicksal könne sie ereilen. Kossert hat zahlreiche Briefe, aber auch Romane und andere Schriften ausgewertet, schließlich spielen Flucht und Heimatlosigkeit eine bedeutende Rolle in der Weltliteratur. Dabei zeigt sich, dass fast alle Flüchtlinge ähnliche Erfahrungen von Angst und Schmerz sowie von der Feindseligkeit seitens der autochthonen Bevölkerung teilen. Ihre Geschichten sind immer wieder von den gleichen Mustern geprägt: erlebte Brutalität und erlittene Verluste, aber auch Hilfsbereitschaft und Solidarität. Von der Vertreibung der spanischen Juden bis zu den verfolgten Tutsi aus Ruanda am Ende des 20. Jahrhunderts, den vor den Nazis Entflohenen sowie den deutschen Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg oder jenen aus den Ländern Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens in den vergangenen Jahren – die Neuankömmlinge werden oft misstrauisch bis hasserfüllt betrachtet. Umso schwieriger ist es für sie, in einem anderen Land heimisch zu werden.

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Die derzeit 50 Millionen Klimaflüchtlinge übertreffen zahlenmäßig bereits die politischen Flüchtlinge.

„Das Zeitalter der Migration“ beschwört der indisch-amerikanische Politikwissenschaftler Parag Khanna in seinem Buch „Move“. Für den CNN-Experten für Geopolitik und Managing Partner der Strategieberatungsfirma FutureMap ist die Geschichte der Menschheit seit jeher nicht nur durch Arbeits- und Freiheitsmigration geprägt: In „Move“ liegt der Schwerpunkt auf den durch den Klimawandel verursachten Wanderungsbewegungen. Die derzeit 50 Millionen Klimaflüchtlinge übertreffen zahlenmäßig bereits die politischen. Khanna entwirft mehrere Zukunftsszenarien in unterschiedlichen Teilen der Welt. Im Südwesten der USA zum Beispiel herrscht Grundwassermangel und droht eine Verwüstung. „Gebiete, die bislang von der Natur bevorzugt wurden, drohen unbewohnbar zu werden“, schreibt Khanna, „alte Industrieregionen, die Millionen von Menschen angezogen haben, werden veröden, neue Zentren entstehen.“ Aufgrund dieser klimatischen Veränderungen werden mehr und mehr Menschen gezwungen, ihre ursprüngliche Lebenswelt zu verlassen. Sie migrieren nicht nur von einer Region in die andere, sondern von „einem Zivilisationsmodell zum anderen“.

Aufgrund der klimatischen Veränderungen werden mehr Menschen dazu gezwungen, ihre ursprüngliche Lebenswelt zu verlassen.

Diese Wanderungsbewegungen haben nach den Worten des Autors schon lange begonnen. Nur leben viele Menschen weiterhin nach der irrigen Ansicht, dass die Ansiedlung das Normale und Migration das Außergewöhnliche sei. Das Gegenteil ist der Fall. Das Besondere an Khannas Ansatz ist, dass er Wege aufzeigt, wie die Menschen die Migration nicht nur passiv als Betroffene erleiden, sondern wie sie sie mitgestalten können – und müssen. Die Arktis könne beispielsweise ebenso besiedelt werden wie Sibirien, Orte mit reichlicher Trinkwasserversorgung wie die Region um die großen Seen in den USA oder Skandinavien, wo massiv in erneuerbare Energien und wirtschaftliche Diversifizierung investiert wird. Der Politologe bezeichnet seine Position als „kosmopolitischen Utilitarismus“. Aus dem Menschen wird spätestens dann ein „Homo mobilis“. Das hieße, dass er wieder zum Nomaden wird – stets auf der Suche nach guter Arbeit, gutem Klima oder guter Politik. Oder wie Khanna schreibt: „Mobilität ist unsere Antwort auf Ungewissheit.“

Das Szenario, das Khanna für Europa entwirft, ist eher negativ, solange es eine Politik der Abschottung wie im Mittelalter betreibe. Denn das Klima schert sich nicht um Grenzen. Auch Südamerika und Australien müssten über kurz oder lang vermutlich aufgegeben werden. Ein Positivbeispiel hingegen sieht Khanna in Singapur, wo er selbst seit einiger Zeit mit seiner Familie lebt. In dem Stadtstaat entstehe durch eine „kluge und weitsichtige Politik“ ein „wahrhafter, friedlicher Schmelztiegel“ aus verschiedenen ethnischen Gruppen, schreibt der Autor. Verwegen mutet es an, den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen, indem „temporäre Pop-up-Städte“ je nach Jahreszeit an verschiedenen Orten auf- und wieder abgebaut werden. Aus technischer Sicht hält der Politologe und Strategieberater dies schon jetzt für möglich. Das klingt alles zu schön, um wahr zu sein. Doch Khanna ist kein blauäugiger Visionär. Er kennt die Gefahren einer kriegerischen Weltunordnung. Er weiß auch, dass das 19. Jahrhundert, häufig als „Zeitalter des Nationalismus“ bezeichnet, zugleich ein Jahrhundert der Massenmigrationen war. Überhaupt würden Populismus und Nationalismus kaum überdauern. Heute nationale Identität, morgen globale Solidarität.

Die Zukunft der menschlichen Mobilität weist in nur eine Richtung: immer mehr. Parag Khanna

Khanna_Parag_(C)-Hart-Tan-001-Kopie„Der April 2020 wird für alle Zeiten als der Monat in Erinnerung bleiben, in dem die Welt stillstand“, schreibt Khanna eingangs seines Buches. Doch der Lockdown war nur ein kurzes Intermezzo. Vielmehr habe er gezeigt, und Khanna sieht darin „die vielleicht größte Ironie des Lockdowns“, wie selbstverständlich die weltweite Mobilität für uns geworden sei. Das Jahr zuvor erbrachte nicht nur ein Rekordjahr für den Tourismus, mit weltweit über 1,5 Milliarden internationalen Flugreisenden, sondern verzeichnete mehr als 275 Millionen Menschen internationale Migranten, „von indischen Bauarbeitern und philippinischen Kindermädchen in Dubai bis hin zu amerikanischen leitenden Angestellten und Englischlehrern in ganz Asien – ebenfalls ein Rekord“. Der Lockdown sorgte urplötzlich für eine beispiellose Rückführung: „Aus jedem Winkel der Welt kehrten Touristen, Studenten und im Ausland lebende Bürger in das Land ihrer Geburt oder Nationalität zurück.“ An der globalen Entwicklung wird die Pandemie nichts ändern. Sie werde künftig eher zum Alltag gehören. So wie Mobilität längst menschlich ist: „Ein gewaltiger Anteil der Weltwirtschaft und der globalen Lieferketten funktioniert nur dann, wenn Menschen mobil sein dürfen“, stellt Khanna fest. Er nennt ein anschauliches Beispiel: „Wenn man auf dem Fahrrad aufhört zu treten, kippt es irgendwann um. Unsere Zivilisation ist dieses Fahrrad. Und wir werden eifrig treten.“ An einer anderen Stelle schreibt er: „Mobilität ist Schicksal.“

Dagegen sind Staaten „durchlässige Behälter, die von den Strömen der Menschen und Ressourcen in ihrem Innern wie nach außen hin geformt werden“. Nicht zu vergessen ist jedoch, dass der größte Teil der Menschen nie eine Staatsgrenze überschritten hat. Was nicht heißt, dass sie keine Migranten seien. Nach Angaben der International Organization of Migration (IOM) migrieren etwa dreimal so viele Menschen innerhalb eines Landes wie länderübergreifend. Sie sind sogenannte Binnenflüchtlinge. Die wohl größte Migration überhaupt hat in Form von Landflucht und Urbanisierung stattgefunden. 2008 lebten weltweit erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Oft hat die Armut auf dem Land ökologische Ursachen, wie zahlreiche Beispiele aus Afrika, Asien und Lateinamerika zeigen. Die Folgen der „Urbanisierung der Armut“ beschreibt der US-Stadtforscher Mike Davis in seinem Buch „Planet der Slums“ (2006).

Der Klimawandel schert sich nicht um Grenzen – und der Nationalismus sollte langfristig ausgedient haben.

Der Klimawandel schert sich nicht um Grenzen – und der Nationalismus sollte langfristig ausgedient haben.

Die „Humangeographie“, mittels der untersucht wird, wie die Menschen über die 150 Quadratkilometer Land auf sechs Kontinenten verteilt sind, sei aus dem Gleichgeweicht geraten, stellt Khanna fest. Was heißt, dass in den reichen Ländern in Europa und Nordamerika 300 Millionen alte Menschen leben, Tendenz steigend, und nach den Berechnungen der Weltbank weltweit mehr als 700 Millionen Menschen in extremer Armut leben, also weniger als 1,90 US-Dollar am Tag zum Leben haben. Einerseits gibt es nutzbares Ackerland in Staaten wie Kanada und Russland, andererseits Millionen mittelloser afrikanischer Bauern, die durch Dürren von ihrem Land vertrieben werden. In vielen Ländern des Nordens haben sich die politischen Systeme bewährt, in anderen herrschen autoritäre Regime oder Diktatoren, andere sind zu „failed states“ geworden.

Khanna verweist auf die großen Migrationen der Geschichte des frühen „Homo sapiens” über die Germanen, Slawen und Hunnenstämme sowie die nomadischen Mongolen bis heute. Das bevorstehende Zeitalter der Massenmigration werde die bisherigen Migrationen nicht einfach nur fortsetzen, sondern sie beschleunigen. Der Strudel der Menschheit werde sich noch schneller drehen. Der Autor weist darauf hin: „Die Zukunft der menschlichen Mobilität weist in nur eine Richtung: immer mehr. Woher sie auch kommen, die heutigen jungen Männer und Frauen sind die größte und physisch wie digital mobilste Generation der Menschheitsgeschichte.“

Text: Stefan Kunzmann // Fotos: Yoda Adaman, Vicky Sim, (Unsplash), Olivia Soto, Hart Tan, Philippe Reuter

Move: Das Zeitalter der Migration – Parag Khanna, 2021,
Rowohlt Berlin, 24,00 Euro
ISBN: 978-3737101158

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Author: Philippe Reuter

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