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Houston calling

Die Haukohl Family Collection ist die bedeutendste Sammlung Florentiner Barockkunst außerhalb Italiens. Zum Pressetermin der neuen MNHA-Ausstellung „Beyond the Medici“ war auch Vorstandsvorsitzender Sir Mark Fehrs Haukohl zugeschaltet.

Sir Mark Fehrs Haukohl ist ein Gentleman der alten Schule. Ein Mann, der ganz genau zu wissen scheint, was sich passt und was nicht. Für zwei Handvoll Luxemburger Journalisten lässt sich der im texanischen Houston heimisch gewordene Philanthrop sogar fast mitten in der Nacht aus dem Bett klingeln, um – dank Zoom Chat – mögliche Fragen zur Ausstellung „Beyond the Medici“ zu beantworten. Seit über 35 Jahren leitet er das Family Office seiner Familie, und wahrscheinlich hätte er einen ganzen Tag lang über die Sammelleidenschaft seiner Vorfahren (und natürlich seine eigene) erzählen können, aber so toll modernste Technik auch ist, eine virtuelle Begegnung kann ein echtes Gespräch nicht ersetzen.

Dennoch merkt man dem ehemaligen Investmentbanker sofort an, wie gern er über Barockkunst spricht und wie wichtig ihm dabei auch die Rolle von Museen als privilegierte Orte für informelles Wissen ist. Kamera und Mikrofon sind in einer Ecke der Bibliothek seines Domizils in Houston installiert. Die Titel der in den Regalen stehenden Bücher kann man nicht erkennen, dass in einer Vase frische Blumen stehen, schon. Sir Mark Fehrs Haukohl trägt Anzug und Krawatte. Sein Amerikanisch klingt so amerikanisch wie das von Donald Trump. Aber zum Glück hat er anderes zu sagen. Dass Sammeln genährt und entwickelt werden muss und sein erster Kauf aus einer Laune heraus stattgefunden hat und weit entfernt gewesen ist von den Florentiner Gemälden aus dem 17. Jahrhundert, die heute den Großteil seiner persönlichen Sammlung ausmachen.

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Michel Polfer, Leiter des Nationalen Museums für Geschichte und Kunst und Co-Kurator von „Beyond the Medici“, kennt den trotz seines Berühmtheitsgrades recht bodenständig gebliebenen Mann aus dem Mittleren Westen sehr gut. Und obwohl beim Pressetermin nicht der Sammler, sondern die bislang noch nie in Europa gezeigte Wanderausstellung im Mittelpunkt stehen soll, kommt er nicht umhin, ein paar Details über Sir Mark Fehrs Haukohl zu verraten. Die Einrahmungen sind ihm beispielsweise ungemein wichtig. Von den kunstvoll geschnitzten „Florentiner Rahmen“, von denen viele sogar wertvoller waren als die Gemälde, die sie einfassten, sind oft keine historischen Exemplare mehr vorhanden. Daher lässt Sir Mark Fehrs Haukohl sie rekonstruieren. Wobei er sich jedoch nicht darauf beschränkt, alte Vorbilder getreu nachzubilden, stattdessen vertraut er meisterlichen Handwerkern und verfolgt die Fertigung spezieller Rahmen oft bis ins kleinste Detail.

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Sir Mark Fehrs Haukohl
Kennengelernt haben sich Sir Mark Fehrs Haukohl und Michel Polfer als Tischnachbarn bei einem privaten Abendessen in Luxemburg. An jenem Abend wird auch die Idee geboren, das MNHA zum Organisator einer europäischen Tournee der außergewöhnlichen Sammlung Florentiner Barockkunst zu bestimmen. Obwohl der Texaner in eine Familie von Kunstsammlern hineingeboren worden ist, hätte er auch einer anderen Berufung und Nebenbeschäftigung nachgehen können, doch bereits als Jugendlicher treibt er sich bei Kunsthändlern herum und ersteht sein erstes Gemälde als Zwanzigjähriger. Weil das Bild allerdings zu groß für seine New Yorker Wohnung ist, schickt er es nach Houston. Weitere Käufe folgen dennoch. Gleichzeitig beginnt Sir Mark Fehrs Haukohl zu forschen. Er reist nach Florenz, spricht mit Experten, wird sich bald bewusst, dass fast niemand sich für die Florentiner Meister des 17. Jahrhunderts interessiert, und findet so zu einer neuen Leidenschaft. Heute ist der 69-Jährige global vernetzt mit Auktionshäusern, Händlern und Kunstagenten. Wenn eine Barocksammlung öffentlich verkauft wird, ist er – wenn möglich – vor Ort. Dass er zu einem der wichtigsten Sammler geworden ist, hat aber auch mit der Tatsache zu tun, dass er in den 1980er Jahre als Investmentbanker Geschäfte zu machen gewusst hat und zum jüngsten Managing Director von Salomon Smith Barney ernannt worden ist. Das Büro seiner Familie leitet er weiterhin mit fester Hand. „Sein Instinkt als Investor – der kauft, was gerade nicht in Mode ist – findet seine Parallele in seinem Instinkt als Sammler“, schreibt James Bradburne in seinem Beitrag über den „Blick des Sammlers“. Doch ganz gleich, wie die Haukohl Family Collection zustande gekommen ist, dass sie irgendwann Museen vermacht werden wird, ist ein Segen und verdient größte Anerkennung.

Auf die Frage, ob in den USA überhaupt ein Interesse an Barockkunst bestünde, hätte der Kunstliebhaber, der ebenfalls über eine bedeutende Sammlung zeitgenössischer Fotografie verfügt, etwas eingeschnappt reagieren können. Immerhin gibt es in den Staaten auch Menschen, die engagiert und intellektuell neugierig sind. Bereits Sir Mark Fehrs Haukohls Urgroßvater sammelte Erstausgaben von Büchern in vielen Sprachen, und in der Familienbibliothek – dem Mittelpunkt im Heim der Haukohls – befanden sich seltene Ausgaben von u.a. Dante und Shakespeare. Dass die im 19. Jahrhundert aus Deutschland nach Amerika ausgewanderte Familie auf eine klassische Bildung vertrauen kann, ist nur eine von mehreren Erklärungen dafür, dass den Haukohls Disziplin und Forschung genauso so von Belang gewesen sind wie guter Geschmack und Freundschaft. Und so ist es kaum verwunderlich, dass Sir Mark Fehrs Haukohl als 15-Jähriger eine Zeichnung auf Papier von Salvador Dalí erwirbt. Sein erstes italienisches Altmeistergemälde ersteigert er als Mittzwanziger bei Parke-Bernet (heute Sotheby´s) in New York. An einem „Januarmorgen mit Schneesturm in jenem prähistorischen Zeitalter, in dem man noch nicht per Telefon mitbieten konnte“, wie er im Vorwort des Ausstellungskatalogs schreibt. In diesem vom MNHA herausgegebenen Begleitbuch mit einleitenden Essays führender Experten sind zudem Kurzbiografien aller in „Beyond the Medici“ vertretenen Künstler und eigenständige kunsthistorische Beiträge zu jedem ausgestellten Kunstwerk nachzulesen.

Das farbenfrohe Ölgemälde auf dem Katalogcover stammt von Giovanni Domenico Ferretti, dem wohl bedeutendsten Maler des 18. Jahrhunderts, und zeigt Arlecchino mit einer Dame in einer kargen Landschaft. Das einzige ausgestellte Stillleben hat Bartholomäus Bimbi gemalt. Die Reliefs von Antonio Montauti stellen berühmte Persönlichkeiten aus verschiedenen Epochen und Wissenszweigen dar. Unter ihnen Galileo Galilei und Niccolò Machiavelli. Ruud Priem, der neue Konservator internationaler Kunst im MNHA und Co-Kurator der Sonderausstellung, könnte wahrscheinlich zu jedem religiösen Motiv, zu jeder Genreszene und jedem Maler ein Referat halten, aber es reicht auch, das in den Bildern aufblitzende Licht, die siegreichen Helden, die wunderschönen Brokatgewänder und die Märtyrer in Ekstase einfach auf sich wirken zu lassen.

Der Theatralik des Barock hat die Szenografie der Ausstellung sich auf beispielhafte Weise angepasst. Eine Art Vorhang in Rot und Gold führt in den ersten Raum. Das Muster erinnert an die Brokatstoffe, aus denen in der Spätrenaissance Kleidung für die wohlhabende Gesellschaftsschicht genäht wurde. Auch wenn die von Sir Mark Fehrs Haukohl zusammengetragene Sammlung die stilistische Vielfalt des Barock vielleicht nicht ganz vollständig wiedergibt, so handelt es sich doch um eine repräsentative Zusammenstellung der berühmtesten Maler jener Zeit. Und bemerkenwert ist zudem, dass ein Viertel der Bilder der MNHA-Sammlung angehören –
eine tolle Visitenkarte für das Museum, denn „Beyond the Medici“ ist bereits im Schaezlerpalais in Augsburg, im Arp Museum Bahnhof Rolandseck und im Städtischen Museum Braunschweig gezeigt worden und wird 2021 ins Brüssler Bozar weiterreisen.

Fotos: Tom Lucas/MNHA (4), Carla van de Puttelaar

Zur Ausstellung:

Bis zum 21. Februar im MNHA,
geöffnet von dienstags
bis sonntags von 10-18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr,
www.mnha.lu

Zum Buch:
Florenz unter den letzten Medici,
in drei Sprachen (D, IT, EN)
erhältlich im MNHA und
im Online-Shop des Museums,
288 Seiten, 28 Euro,
www.mnha-shop.lu

Rahmenprogramm

  • 12. November 2020, 18 Uhr (F),
  • 26. November 2020, 18 Uhr (LU),
  • 7. Januar 2021, 18 Uhr (EN),
  • 21. Januar 2021, 18 Uhr (FR):
    Führung zum Thema „La raison et l’état.
    Un regard philosophique sur la collection Haukohl.
  • 19. November 2020, 18 Uhr (EN):
    Konferenz von Huub Baja über die Geschichte
    und Entwicklung der europäischen Kunst des Rahmens.
  • 3. Dezember 2020, 18 Uhr (DE),
  • 16. Januar 2021, 15 Uhr (DE),
  • 23. Januar 2021, 15 Uhr (IT):
    Führung zum Thema „Herausragende Florentiner Persönlichkeiten – Marsillo Ficino, Niccolò Machiavelli, Galileo Galilei und Michelangelo Buonarotti.
  • 18. Februar 2021, 18 Uhr (EN):
    Konferenz von Huub Baja zum Thema von Auswahl und Ausführung historischer Rahmen und der
    Rolle, welche Rahmen bei der Betrachtung eines Gemäldes spielen.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Dario Herold

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