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Ich. Zersplitterung.

Der neue Roman „Lärm“ von Guy Helminger beschreibt die vielstimmige Spurensuche nach einem Verschwundenen.
Ist er ein hilfsbereiter Zeitgenosse oder ein Terrorist?

Ein Psychotherapeut verschwindet. Konrad Schnittweg, so sein Name, hat vorher noch einen Brief an die Presse geschrieben. Zumindest wurde dieser in seinem Namen abgeschickt. Aufgrund der Ankündigung, einem Politiker das Leben zu nehmen, deutet der Boulevardjournalist Axel Keider den Brief als Drohbrief. Er zieht Parallelen zu einem Fall sieben Jahre zuvor, als einige Minister Briefe von einer Terrorgruppe namens „Revolutionäre Zellen“ erhalten haben, mit denen die Politiker eingeschüchtert werden sollten. Schon wird Schnittwegs Verschwinden in einen politischen, terroristischen Kontext gesetzt. Der Sensationsreporter Keider ist sich sicher: „Nun also ist der linke Terror zurück.“ Für ihn handelt es sich um eine Attentatsplanung. Es kann auch kein Zufall sein, dass Schnittwegs Praxis abgebrannt ist.

Was zuerst wie ein Kriminalroman erscheint, entpuppt sich als Versuch der Rekonstruktion eines Lebens mit Hilfe von Aufzeichnungen und Aussagen der Personen, die den Verschwundenen kannten oder ihm zumindest begegnet sind. Nach wenigen Seiten in Guy Helmingers neuem Roman „Lärm“ fühlt sich der Rezensent an jene „Bleierne Zeit“ im Deutschland der alten Bundesrepublik erinnert: bleiern im Sinne von Margarethe von Trotta Film aus dem Jahr 1981 über die Schwestern Ensslin; die eine wurde Journalistin, die andere ging in den bewaffneten Untergrund der „Roten Armee Fraktion“ (RAF). Prägend für die bundesrepublikanische Gesellschaft der 70er Jahre und Anfang 80er Jahre war eine Atmosphäre der Paranoia, als hinter jeder nur ansatzweise linkspolitischen Aktivität die Nähe zum Terrorismus vermutet wurde. Die „Revolutionären Zellen“ gab es übrigens wirklich: antiimperialistisch, sozialrevolutionär, linksextremistisch. Diese Zeit stand hauptsächlich im Kontext verschiedener politischer Ereignisse, die der Autor in seinem Roman kurz anreißt: die Islamische Revolution im Iran 1979, der Einmarsch der Sowjettruppen in Afghanistan, die Iran-Contra-Affäre, der rechtsextremistische Terroranschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980, und schließlich der „Nato-Doppelbeschluss“ 1983, gegen den Hunderttausende auf die Straße gingen, oder gegen die Atomkraft wie in Brokdorf – so auch Konrad Schnittweg. Eine Zeit, um sich zu radikalisieren?

Damals nahm übrigens Guy Helminger, 1963 in Esch geboren, sein Studium der Germanistik und Philosophie in Heidelberg auf, das er 1985 in Köln fortsetzte und mit einer Arbeit über Elias Canettis „Die Blendung“ abschloss. Damals arbeitete er in der Kölner Punkkneipe „Station“, die Eingang fand in den Roman „Die Ruhe der Schlammkröte“. Das Buch erschien erstmals 1994 und wurde später neu aufgelegt. „Punk, meine Damen und Herren, hat mich tief geprägt, hat mich gelehrt, dass man Dinge wagen muss, ohne Rücksicht auf Verluste, dass man nichts einfach zu akzeptieren, aber alles zu hinterfragen hat, dass nichts für die Ewigkeit, sondern im Gegenteil schnelllebig und vergänglich ist, dass die Gegenwart wichtig ist und ein Leben in der Zukunft an der eigenen Existenz vorbeiführt (…) Ich glaube heute noch nicht an Ordnung und daran, dass sie sein muss.“ Dies sagte Helminger in einer seiner Poetik-Vorlesungen über „die Biographie als Basis der Literatur“. Vielleicht ist es auch der Punk gewesen, der den Rezensenten, selbst mit Punk aufgewachsen, von der ersten Lektüreerfahrung mit Guy Helminger, dem Kurzgeschichtenband „Rost“, besonders mitriss.

Helminger hat immer wieder Neues ausprobiert, als Lyriker wie auch als Dramatiker, Autor von Erzählungen und Short Storys, von Romanen und Hörspielen sowie von Online-Tagebüchern. Ob er als luxemburgischer Autor bezeichnet wird oder einfach als deutschsprachiger Autor, tut dabei wenig zur Sache. Lokalkolorit kommt bei ihm selten vor. „Dass Deutsch für ihn keine Muttersprache ist“, schrieb Claude Conter, damals Leiter des Merscher Kulturarchivs, heute Direktor der Nationalbibliothek, habe Helminger nicht als Nachteil begriffen. Er zitiert den Schriftsteller: „Ich habe das Gefühl, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist, meinen Schreibprozess vereinfacht, weil ich von Anfang an aus der sprachlichen Distanz heraus schreibe.“ Daraus dürfte Helminger seinen Realismus entwickelt haben, seine „nüchternen Narrationen“, nennt es der Literaturwissenschaftler Wilhelm Amann von der Universität Luxemburg. Helmingers realistischer, schnörkelloser Stil der Aussparung ist ein Hauptmerkmal geworden.

Nachdem er in seinem letzten Buch „Die Lombardi-Affäre“ (2020) einen spezifisch luxemburgischen Fall aufgriff und mit biografischen Elementen versah, spielt dies hier kaum eine Rolle. In „Lärm“ steht die Spurensuche nach dem vermeintlichen Durchschnittsmenschen Schnittweg, der aus soliden Verhältnissen stammt und plötzlich abgedriftet zu sein scheint, im Vordergrund. „Das Umfeld von K. Schnittweg wirkt auf den ersten Blick solide“, heißt es. Schnittweg war verheiratet, hatte zwei Söhne, die Familie wohnte in einem Reihenhaus. Aus den einzelnen Blickwinkeln verschiedener Personen in den 50 Kapiteln ergibt sich das Mosaik vieler Stimmen – der Ehefrau, der Ex-Frau, von Freunden und Kollegen. Sie alle äußern sich zu Schnittweg. Selbst der Autor Guy Helminger kommt im Roman vor. Im Vorwort schreibt er: „Ich habe Konrad Schnittweg nicht wirklich gekannt.“ Begegnet ist der Schriftsteller ihm, als er mit dem Auto abbiegen wollte und der Psychotherapeut bei ihm auf der Windschutzscheibe landete – bei einem Unfall. Und nun will er einen Roman über ihn schreiben.

Der Autor gehört also zu jenen Personen, die sich in unterschiedlicher Weise über Schnittweg äußern. Weil er das Buch über ihn schreibt, wird er von Schnittwegs erster Frau angerufen:
„Sie können kein Buch über Konni schreiben und mich nicht erwähnen.“ Aus den verschiedenen Perspektiven ergibt sich alles andere als ein einheitliches Persönlichkeitsbild, sondern eher ein Netz aus verschiedenen Wahrheiten. Und aus dem Individuum Schnittweg werden Fragmente seines Ichs, seiner Identität. Letzteres wird nicht klarer wird, sondern löst sich allmählich auf. Helminger nähert sich Schnittweg mit den Mitteln der Dekonstruktion. Dabei trifft er bei den Personen, die in dem Roman zu Wort kommen, auf Gegensätze und Widersprüche. Die einzelnen Stimmen sind unterschiedlich zuverlässig. Zum Beispiel hat der Polizist Schnok ein Archiv über Schnittweg angelegt. Dessen Frau Rieke wiederum kommt in Monologen zu Wort: „Aber mein Mann ist nicht durchgedreht. Er ist Psychotherapeut.“ Ihr Mann habe immer gesagt, „dass das geistige Monadentum, die einzelnen, in sich geschlossenen Systeme, dass das der Ursprung aller Probleme ist“. In einer Befragung erzählt ein gewisser Matteck, wie er Schnittweg beim Militärdienst kennengelernt hat. In einem Sitzungsprotokoll mit dem Therapeuten erzählt Guylain Kisula von seiner Kindheit am kenianischen Naivasha-See, in einem anderen Protokoll schildert eine Frau namens Constanze Sommer, Tochter eines CDU-Politikers, wie sie als Kind mit ihren Eltern nach Chile auswanderte, wo ihr Vater mit Lachs reich wurde und sie Bekanntschaft mit der Colonia Dignidad machte. Zitiert wird aus dem Romanfragment „Das Leben des Konrad Schnittweg“, aus Tonaufnahmen, immer wieder aus dem Schnok-Archiv und Interviews des Journalisten Axel Keider.

Die Vielstimmigkeit ergibt ein Mosaik. Helminger sucht immer wieder neue Ausdrucksformen, ob bei seinen ersten Gedichten, mit seinen Romanen wie „Morgen war schon“ oder „Neubrasilien“ (2010), Kurzgeschichten und Erzählungen, im Kinderbuch oder in Theaterstücken wie „Venezuela“. Die Multiperspektivität von „Lärm“ spiegelt den zum Scheitern verurteilten Versuch des Kriminalbeamten wider, Schnittwegs Leben und Person zu rekonstruieren. Stattdessen findet eine Fragmentierung und Zersplitterung des Individuums, hier Schnittweg, statt. Der Einzelne ist nichts anderes als die Summe einzelner Teile, Identität ist genauso Illusion wie auch die Wahrheit. Folgt man den Aussagen der jeweiligen Personen, entsteht auch der Eindruck, dass es mehrere Wahrheiten nebeneinander gibt. Guy Helminger schließlich scheitert nicht. Er fesselt.

Fotos: Guy Helminger, Cabybarabooks

web_1415859230239-KopieGuy Helminger: Lärm. Capybarabooks. Luxemburg 2021. 328 Seiten. 23 Euro

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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