Spätestens als 2008 der mittlerweile zum Kultfilm gewordene „Bienvenue chez les Ch’tis“ bei unseren französischen Nachbarn in den Kinos alle Besucherrekorde brach, wusste ganz Europa um das sympathische Volk in Nordfrankreich. Doch nicht nur die Herzlichkeit der Bevölkerung, sondern ebenfalls die kulturelle Vielfalt und die stellenweise einzigartige Schönheit sind eine Reise wert. Text & Fotos: Gast Zangerlé
Für uns Luxemburger beschränkte sich Nordfrankreich lange Zeit auf das Radrennen „Paris-Roubaix“ mit seinen unmenschlichen Pflastersteinpassagen sowie auf den Hafen von Calais, von dem aus stündlich mehrere Fähren nach Dover übersetzen. Die wenigsten wissen, dass gerade diese Gegend, die seit dem Stilllegen der Kohlegruben zu Ende des letzten Jahrhunderts mehr Tiefen als Höhen erlebt hat, mittlerweile die höchste Dichte an Museen pro Quadratkilometer besitzt. Der Nord-Pas-de-Calais zählt über 200 Museen aller Gattungen, davon 49 mit nationaler respektive internationaler Bedeutung.
Bei der multikulturellen Bevölkerung werden Solidarität und Fleiß groß geschrieben. Während der letzten zwei Jahrhunderte zogen Tausende von Menschen, manche von sehr weit, in diese Gegend, mit einem einzigen Ziel: ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Hier liegt möglicherweise der Ursprung der Hauptwerte dieses Volkes: der unermüdliche Fleiß, die Zähheit bei der Arbeit, die Bescheidenheit und der Willen, sich nie zu beklagen. Nicht ohne Hintergrund verkleiden sich zum Karneval die Arbeiter als Arbeitgeber und die Arbeitgeber als Arbeiter.
Eine Reise nach Nordfrankreich startet man am besten in Lille, der europäischen Kulturhauptstadt 2004. Die Altstadt „Vieux Lille“ ist hier Pflichtprogramm. Der Beffroi, die Oper, die Alte Börse und die Grand’Place sowie die Häuserfassaden, die teils aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen, sind einmalig. Im alten Lille sollte man sich auf jeden Fall ein Glas Bier auf einer Terrasse genehmigen, oder besser noch, den Abend in einem der vielen schönen Restaurants ausklingen lassen.
Die traditionellen „Moules Frites“ dürfen auf keiner Karte fehlen.
In Nordfrankreich sind Radsport und Fußball Kult. Mit Lille, Valenciennes, Lens und Boulogne-sur-Mer zählte die Region zeitweilig vier Vereine in der höchsten französischen Spielklasse „Ligue 1“. Um die Solidarität und die Begeisterung eines ganzen Volkes einmal so richtig zu spüren, so ganz bis unter die Haut, sollte man einem Heimspiel der Mannschaft aus Lens beiwohnen, den Rot-Goldenen. Regelmäßig sind im „Stade Bollaert“, der 39.000 Zuschauer fasst, die Spiele ausverkauft. Fahnenschwingend wird im Chor das Lied von Pierre Bachelet gesungen: „Au nord, c’était les corons. La terre, c’était le charbon…“ („Im Norden wohnten die Arbeiter. Die Erde war die Kohle…“), ein Ambiente, das an die schönsten Zeiten des englischen Fußballs erinnert.

Restaurants: hier isst man Moules de Bouchot.
Woher stammt diese Lebensfreude? Vielleicht, weil das Land vor nichts verschont blieb. Während zwei Jahrtausenden kam diese Gegend einem einzigen Schlachtfeld gleich. Hier führten unaufhaltsam Römer, Germanen, Wikinger, Burgunder, Engländer, Spanier, Österreicher, Preußen, Deutsche und natürlich auch die Franzosen aus den anderen Regionen Krieg. Jeder wollte sich die fruchtbaren Böden und den großen Küstenstreifen zu eigen machen.
Wie ertragreich die Böden sind, und dazu noch in einer atemberaubend schönen Landschaft, davon kann man sich überzeugen, wenn man das „Marais Audomarois“ besucht. Hier fahren die Bauern mit dem Boot auf ihre Felder. Das Sumpfgebiet erstreckt sich über 35 Quadratkilometer und zählt nicht weniger als 13.000 Parzellen, die in der Hauptsache dem Gemüseanbau dienen, und die von mehr als 400 Kilometer Wassergräben und 160 Kilometer Flussläufen voneinander getrennt werden. Die Besichtigung findet selbstverständlich auch per Boot statt.
Der 120 Kilometer lange Küstenstreifen erstreckt sich von der belgischen Grenze bei Dunkerque bis nach Boulogne-sur-Mer. Bis nach Calais sehen die flachen riesigen Strände und die dazu gehörenden Dünen der ursprünglichen „Belsch Plage“ ähnlich, doch südlich von Calais – da, wo der Zug in den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal nach England fährt – wird die Gegend dann hügelig. Die Küste in der „Région des deux Caps“ besteht aus hohen Felswänden, zwischen denen sich, wie in der nahegelegenen Haute-Normandie, Buchten mit hübschen Sandstränden erstrecken. In Meeresnähe ist die Landschaft größtenteils noch so richtig wild und unverbaut. Viele aus dem Zweiten Weltkrieg stammende Bunker auf den Felsen und in den Dünen erinnern daran, welche strategische Bedeutung diesem Flecken Frankreichs zukommt. Kann man doch von hier aus den gesamten Ärmelkanal überblicken und sieht man doch greifbar nahe auf der anderen Seite der See England liegen.

















































