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Improvisiert

Rad-Pilgern auf dem Jakobsweg gehört längst zu den Klassikern. Dass die Reise auf dem Fahrradsattel nicht weniger hürdenreich ist als das Original, hat unser Freelancer Jesse am eigenen Leib gespürt. Ein Erfahrungsbericht mit dem Drahtesel von Saragossa nach Santiago.

Der Symbol- und Wirkungskraft von Fahrradfahren, so dachte ich, scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Denn sogar auf dem Jakobsweg, dem wohl prominentesten Wallfahrtsweg des Abendlandes, pilgert es sich mittlerweile auf zwei Rädern. Weniger fromm, aber allzu fahrradskeptisch räsonierte auch ich noch bis vor kurzem. Als überzeugter Verfechter des Fußwanderns, der Fahrradfahren bis dato als rein pragmatische, bisweilen monotone Fortbewegungsart verstand, hatte ich dementsprechend meine Bedenken, als meine Freundin im Sommer letzten Jahres aus dem Stegreif vorschlug, den französischen Jakobsweg per Rad zu bewältigen. Viel Überzeugungsarbeit musste sie dennoch nicht leisten: Nachdem ich mich für eine längere Weile im urbanen Barcelona eingenistet hatte, war die Aussicht auf ein Outdoor-Abenteuer zu zweit, durch das ländliche Spanien und jenseits unserer gewohnten Wagnisse, elektrisierend.

Wir besorgten uns also ein Paar Bikes aus dem Secondhand-Laden, die gerade noch so unsere laienhafte Qualitätsprüfung bestanden, schnallten unser Gepäck samt Zelt und Schlafsack um die Rahmen – Gewicht und Ästhetik waren zweitrangig! – und nahmen den Zug nach Saragossa. Die Hauptstadt Aragoniens schien uns aufgrund ihrer relativen Nähe zum offiziellen Verlauf des französischen Jakobsweges der optimale Ausgangspunkt für unsere Tour zu sein. Einmal in Logroño angekommen, das knapp vier Rad-Tagesetappen von Saragossa entfernt lag, wollten wir uns den Pilgerscharen auf dem offiziellen Pfad über die Camino-Hochburgen Burgos und Léon nach Santiago de Compostela anschließen. Mehr Planung enthielt unser Plan dann aber auch nicht. Das etwa 800 Kilometer entfernte Santiago erreichen und uns dabei genügend Zeit für Müßiggang und Abenteuer jenseits des Weges einräumen, ohne unser ohnehin begrenztes Budget zu strapazieren: Das war die Devise.

Die Kombination aus mangelhaften Bikes und nachlässigem Fahrverhalten setzte uns den Launen des Schicksals verstärkt aus.

Angetrieben von Abenteuerlust, dem Versprechen nach Freiheit und dem Wind, der zwischen den Fahrradspeicheln hindurchzischte, kehrten wir der Großstadt im zentralen Norden Spaniens sodann den Rücken und schossen durch das ikonische Ebro-Becken. Mit den zurückgelegten Kilometern wichen die Feuchtgebiete des Deltas und die mediterranen Wälder allmählich den trockenen Böden der Berge und den bewässerten Feldern. Der Ebro-Fluss mit seinen spektakulären Schleifen, dessen urwüchsige Ufer gelegentlich von Storchpaaren bevölkert wurden, blieb dabei fast durchgehend die Landschaftsdominante auf unserem Weg zum Jakobsweg.

Als steter Begleiter und buchstäblicher Wegweiser erleichterte uns der betörende Wasserlauf das Navigieren nicht nur, er machte es teilweise obsolet – ein von uns Orientierungsmuffeln begrüßter Umstand, den wir als quasi-mystisches Geschenk des Weges zu schätzen wussten. Wir passierten eine Ortschaft nach der anderen, überquerten die aragonische, dann die Regionalgrenze zwischen Navarra und La Rioja, mit wachsendem Vertrauen in die Reise und einem Fahrflow, der jenem des Ebro-Flusses glich. Problematischer war dagegen die Schlafplatzfindung. Im Camino-Hinterland, das zu dieser heißen Jahreszeit kaum von anderen Pilgern frequentiert wurde und in dem Herbergen spärlich gesät waren, entschieden wir uns deswegen dazu, die Nächte im Freien zu kampieren.

In Calahorra, einer historisch bedeutsamen Kleinstadt unweit von Logroño, versuchten wir dann zum ersten Mal unser Glück in einer amtlichen CaminoHerberge. Aufgrund fehlender Pilgerausweise wurde uns allerdings der Eintritt verweigert – Bürokratie, eine nervi-
ge Angelegenheit in weltlichen wie in geistlichen Gefilden! So wichen wir noch spät am Abend auf eine alternative Unterkunft im lokalen Airbnb aus. Die allabendliche Suche nach dem idealen Schlafplatz, die uns entweder in rechtliche Grauzonen brachte – Wildcampen ist nur unter bestimmten Bedingungen in Spanien erlaubt – oder uns dazu bewegte, größere Umwege zugunsten einer fünf-Stunden-50-Euro-Übernachtung zu machen, war freilich nervenaufreibend.

Eine Rinderherde auf dem Camino, eine nicht ungewöhnliche Begegnung im Hochland Galiziens.

Eine Rinderherde auf dem Camino, eine nicht ungewöhnliche Begegnung im Hochland Galiziens.

Weiter auf dem letzten Teil unserer Route nach Logroño radelten wir an unzähligen Weinbergen vorbei, die unumstrittenen Wahrzeichen der autonomen Gemeinschaft La Rioja, und durch eine Handvoll verschlafener Ortschaften hindurch. Von außen wirkten die meisten wie perfekt inszenierte Geisterdörfer. Bei der Durchfahrt aber überraschten uns die wenigen Dorfbewohner mit einem ungeahnten Jakobsweg-Fanatismus und einer herzerwärmenden Offenherzigkeit – Momente, von denen wir gerade in schwereren Zeiten gerne zehrten!
Ein kurzlebiges Tief bahnte sich in Form unserer ersten Panne an: Vickys hoffnungslos überladener Gepäckträger rebellierte gegen die Diktatur des Übergewichts und brach in zwei Teile – ein kaum überraschender Zwischenfall, den wir durch eine gründlichere Wartung unserer Fahrräder hätten vermeiden können, letztlich aber heil überstanden. Glück und Pech, Freude und Leid, so schien es uns, lagen auf dem Camino äußerst nah beieinander. Zugleich dämmerte uns, dass die Kombination aus mangelhaften Bikes und einem nachlässigen Fahrverhalten uns den Launen des Schicksals verstärkt aussetzte…

Wir waren eine Spezies für sich, mit unserem ganz eigenen Rhythmus, unserer eigenen Ausstattung und Fortbewegungsweise.

Mit dieser Einsicht trafen wir schließlich in Logroño ein, unserem lang ersehnten Zwischenziel auf unserer Reise nach Santiago. Mit ihrer Geschichte, die eng mit dem Wallfahrtsweg verflochten ist, gilt die Hauptstadt La Riojas als wichtiger Knotenpunkt für Jakobswegpilger. Das monumentale Camino-Erbe der Stadt sowie die Interaktion mit anderen Weggenossen gaben uns erstmalig seit unserem Reiseaufbruch das Gefühl, wahrhaftig in die Pilgerkultur einzutauchen und Teil von etwas Größerem zu sein. Die Erfahrung krönten wir mit einem persönlichen und symbolischen Meilenstein: der offiziellen Aufnahme als Jakobspilger. Frisch initiiert, um jeweils einen Camino-Pass und ein großartiges Zugehörigkeitsgefühl reicher, ließen wir den Tag bei Diego ausklingen, unserem einheimischen Gastgeber, den wir kurz zuvor über die Warm Showers Web-Community – dem Bikepacking-Pendant zu Couchsurfing – kennengelernt hatten.

Eine erholsame Nacht, eine warme Dusche und eine Begegnung mit einem herausragenden Gastgeber später, setzten wir unsere Reise am Folgetag fort. Von nun an wechselten wir zwischen den offiziellen Streckenabschnitten, die oft holprig und nicht asphaltiert waren, und gewöhnlichen Landstraßen ab, die in Camino-Nähe verliefen. Mit jedem Pedaltritt auf dem französischen Jakobsweg wuchs unsere Ehrfurcht vor der gewaltigen Pilgertradition, die nun sicht- und greifbarer war. Den Weg zeigten uns dabei die ikonischen blauen Schilder mit der gelben Jakobsmuschel und die Ansammlungen frommer und weniger frommer Wanderer.
Unsere erste offizielle Camino-Etappe führte uns durch La Rioja-Hügelland, das von Wein- und Weizenanbau geprägt war, vorbei an den malerischen Ortschaften Navarrete und Nájera. Der schweißtreibende Anstieg kurz vor Santo Domingo de la Calzada sowie die heftiger werdenden Böen machten uns schwer zu schaffen. Zum ersten Mal nach knapp 250 zurückgelegten Rad-Kilometern am Ende unserer Kräfte angelangt, erreichten wir schließlich Santo Domingo, noch kurz bevor es das drohende Unwetter tat.

Camino-Wegweiser wie diese werden auf den letzten 100 Kilometer häufiger.

Camino-Wegweiser wie diese werden auf den letzten 100 Kilometer häufiger.

In der nordspanischen Kleinstadt, einem der vielen Orte, die ihre Gründung und Etablierung dem Jakobsweg schulden, lockte uns die ebenso traditionsreiche Herberge Albergue Cofradia del Santo in ihre schützenden Hallen. Dort, in typischen Pilger-Schlafsälen untergebracht, verbrachten wir eine besser als erwartete erste Nacht mit anderen Weggefährten, trotz der nächtlichen Schnarchkakophonien und des morgendlichen Gackerkonzertes, das aus dem angebauten Hühnerstall ertönte. In Santo Domingo gelten das Gackern der Hennen und das Krähen des Hahns als Glücksbringer. Die Stadt ist nämlich das Zuhause des sogenannten Hühnerwunders, eine der berühmtesten Legenden des Jakobswegs, die aus dem 13. Jahrhundert stammt. Inspiriert von den zahlreichen Mythen und Legenden, nutzten wir den Ruhetag entsprechend und vertieften unser Wissen über die Partikularitäten des Jakobswegs.
Unsere Reise fortsetzend, manövrierten wir durch die letzten Teile La Riojas, vorbei an majestätischen Hügellandschaften. Kurz nachdem wir die Grenze zu Castilla y León überschritten hatten, folgte ein nicht unerheblicher Landschaftswandel, der von unserem Hunger nach neuem Terrain begrüßt, von unseren müden Beinen aber gefürchtet wurde: Unebene Busch- und Waldstrecken, endlose Schleifen mit gewaltigen Auf- und Abstiegen dominierten fortan die Route!

Zwar bescherte uns die Fahrt auf dieser abenteuerlichen Strecke einen enormen Nervenkitzel, letztlich machte sie uns aber mit einer sportlichen Disziplin vertraut, die uns bis dato gänzlich unbekannt war und wir später verfluchen würden: „Fahrrad-Bergauf-Schieben“. Matschige Abfahrten hinunterzurollen, um dann vom Rad abzusteigen, es bis zum nächsten Gipfel hochzuschieben und den Zyklus zu wiederholen, machte uns die Schattenseiten unseres Fortbewegungsmittels bewusst. Vor allem aber ließ es uns zu zeitweiligen existenzialistischen Camino-Philosophen mutieren. Denn zu deutlich waren die Parallelen zwischen diesen wiederkehrenden Herausforderungen und des absurden Daseins von Camus‘ Sisyphos, der bekanntlich dazu verdammt war, einen Felsbrocken bis in alle Ewigkeit einen Hügel hinaufzurollen! Doch trotz aller Absurdität brachten uns die wiederholten Auf- und Abfahrten tatsächlich und letztendlich unserem Ziel näher.

Szenische Aussichten auf dem Camino nach Galizien.

Szenische Aussichten auf dem Camino nach Galizien.

Über einen wohltuenden längeren Abstieg auf der Landstraße – gelobt sei die Anatomie des Fahrrads! – erreichten wir Burgos, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und eine weitere wichtige Destination auf dem französischen Jakobsweg nach Santiago. Die Stadt entzückte uns mit ihrer prächtigen Architektur, allem voran mit ihrer zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden gotischen Kathedrale, und ihrer frühsommerlichen Lebendigkeit. In der Camino-Hochburg trafen wir zudem auf alte und neue Gesichter und kamen wieder kurz in den Genuss des Zugehörigkeitsgefühls, das viele Fußpilger tagtäglich, wir Fahrradpilger allerdings nur allzu selten erfuhren. Spätestens zu diesem Zeitpunkt, nachdem wir bereits mehr als ein Drittel des Wegs zurückgelegt hatten, wurden wir uns vollends unseres hybriden Status als laienhafte und überladene Fahrradpilger bewusst. Denn wir gehörten weder zu den klassischen Fußwanderern noch zu den seltener anzutreffenden leichtgewichtigen, übereifrigen und technisch hochwertig ausgestatteten Fahrradprofis. Wir waren eine Spezies für sich, mit unserem ganz eigenen Rhythmus, unserer eigenen Ausstattung und Fortbewegungsweise.

Mit dieser Erkenntnis im Gepäck gingen wir die „Mission Meseta“ an, die Strecke, die durch das zentralspanische Tafelland führt, das nach Burgos beginnt. Vor allem bei den Fußpilgern berüchtigt, stellt die Meseta mit ihrer platten und kargen Landschaft hauptsächlich den Geist des wandernden Pilgers auf die Probe. Ein weiteres Mal Lobpreisungen an unsere Zweiräder ausrufend, rasten wir über breite Feldwege durch die idyllische Hochebene, betört von den atemberaubenden Meseta-Panoramen. Wir passierten die schillernden Ortschaften Hornillos del Camino, ein einsames, 70-Seelen-Dorf, und Castrojeriz, ein am Fuße eines 900 Meter hohen Tafelbergs liegender Ort, der für seine Burgruinen bekannt ist. Nach einem letzten Kraftakt durch die Meseta gelangten wir nach Fromistá, dessen perfekt erhaltene Architektur aus der frühen Romanik unsere müden Augen nur teilweise bestaunen konnten.

Durch ländliche Ortschaften wie diese im Hochland Galiziens verläuft der Camino oft.

Durch ländliche Ortschaften wie diese im Hochland Galiziens verläuft der Camino oft.

Die darauffolgenden Etappen waren geprägt von längeren Abschnitten auf Landstraßen durch verlassenes Flachland und entlang Autobahnen, von starkem Gegenwind und Regen. Am Ende des Horizonts blickte uns schließlich Calzadilla de la Cueza entgegen. In der unscheinbaren Ortschaft fanden wir Zuflucht in einer unerwartet freundlichen Albergue, die von einem sympathischen italienischen Einsiedler geführt wurde. Einige Autobahn-Unendlichkeiten und eine regionale Grenzüberquerung später rollten unsere Räder dann zu den Toren Leóns ein. Mit knapp 320 Kilometern vor Santiago gilt León als einer der letzten städtischen Höhepunkte und beliebtesten Ausgangspunkte auf dem französischen Jakobsweg. Die alte Königsstadt strotzt nur so vor Sehenswürdigkeiten und fesselnden Camino-Geschichten. Da aber allmählich unsere dritte Woche auf dem Fahrradsattel anbrach und wir im Fahrfluss bleiben wollten, entschieden wir uns dazu, nach der obligatorischen Übernachtung in der Pilger-Herberge weiterzuziehen.

Überfüllte Pilgerpfade, überquellende Albergues, wenig Intimität und kaum Stille auf dem Weg – so malten wir uns den restlichen Verlauf des Camino Francés aus, der immerhin von der großen Mehrheit aller Pilger begangen wird. Ein Horrorszenario, das dem Heiligen Jakobus sei Dank nicht eintrat. Denn auch im zweiten Frühsommer unter Corona-Herrschaft sollte der Jakobsweg weit weniger Menschen anziehen als in den vorigen Jahren. So herrschten auch auf den letzten Etappen zur jakobinischen Pilgerhauptstadt ideale Reisebedingungen. Unterwegs nach Astorgas legten wir sodann unseren 500. Kilometer seit Tourbeginn in Saragossa zurück. Den Rekord zelebrierten wir mit einer Zeltübernachtung an den idyllischen Ufern des Rio Tuerto, unweit der Kleinstadt Astorgas.

Sisyphos und der Heilige Jakobus schienen sich gegen uns verschwört zu haben.

Eine sehnlichst erwartete Essenspause auf den letzten Kilometern nach Santiago.

Eine sehnlichst erwartete Essenspause auf den letzten Kilometern nach Santiago.

Atemberaubende und schweißtreibende Höhefahrten erwarteten uns auf der Strecke nach Molinaseca. In dem hoch in den Bergen gelegenen Dorf Foncebadón, einer ehemaligen Geisterstadt, gönnten wir uns eine ausgedehnte Verschnaufpause, wahrer Balsam für unsere geschundenen Körper und Seelen. Nachdem wir das Monument Cruz de Ferro, den mit 1.500 Metern höchsten Punkt des französischen Jakobswegs passiert hatten, schnellten wir dank kaum befahrener Landstraßen die Anhöhe wieder hinab. In Molinaseca und Villafranca del Bierzo, malerische Talortschaften, die von schillernden Flüssen durchzogen sind, verbrachten wir Momente voller Badespaß und romantischer Camping-Übernachtungen. Nach einem kurzen Ruhetag in Villafranca, einem paradiesischen Rückzugsort für Pilger aller Couleur, kehrten wir Castilla y León den Rücken und näherten uns, dem Himmel entgegenstrampelnd, den Toren zu Galizien.

Satte Grüntöne und mehrfarbige Schattengebilde, Kreationen der ineinander übergehenden Wolken, zogen auf unserem Weg nach O Cebreiro an uns vorbei. Mythische Landschaften, durch die einst die Kelten zogen, offenbarten sich uns. Der Anblick unserer ersten Pallozas, galizische Rundhütten keltischen Ursprungs, bei der Durchfahrt durch das kleine Bergdorf machte die historische Illusion perfekt. Wir ließen O Cebreiro samt seiner andersweltlichen Architektur und der ältesten Kirche am Jakobsweg hinter uns und erreichten Triacastela, Samos und Sarria, die letzten Destinationen vor der 100-Kilometer-Grenze nach Santiago de Compostela.

Auf ihrer Reise nach Santiago ließen sich Vicky und Jesse Zeit, um die Landschaft zu bestaunen. Hier ein typisches Bergpanorama, das Pilger ab Galizien begleitet.

Auf ihrer Reise nach Santiago ließen sich Vicky und Jesse Zeit, um die Landschaft zu bestaunen. Hier ein typisches Bergpanorama, das Pilger ab Galizien begleitet.

Langsam, aber sicher bereiteten wir uns auf die Zielgerade unserer Fahrradreise vor. Die vielen Steinkreuze am Wegesrand sowie die erhöhte Dichte an euphorischen Pilgern kündigten an, dass es nicht mehr weit bis Santiago war. Ab Melide führten uns die letzten 50 Kilometer entlang tiefgrüner Wiesen und durch Eichen- und Eukalyptuswälder. Der Endspurt schien reibungslos zu verlaufen – bis zu dem schicksalhaften Moment, in dem ich, im Eifer des Gefechts, über eine Grube im Waldboden schnellte. Das Ergebnis: eine in ihre Einzelglieder zerlegte Fahrradkette! Jeweils 15 Kilometer vom letzten Fahrradgeschäft und von Santiago entfernt, ereignete sich der Zwischenfall zum denkbar unpassendsten Zeitpunkt. Mit Irrwitz und Unglaube, wie ihn nur zwei Camino-müde Radpilger in einer solch tragisch-komischen Situation hätten an den Tag legen können, nahmen wir den Schicksalsschlag hin und machten uns wieder ans Fahrrad-Schieben. Sisyphos und der Heilige Jakobus schienen sich gegen uns verschwört zu haben…

Das Abschlussfoto vor der Kathedrale von Santiago: ein Muss für jeden Pilger.

Das Abschlussfoto vor der Kathedrale von Santiago: ein Muss für jeden Pilger.

Nach einer Weile verebbten unsere Flüche für den Pilgerpatron und machten Gefühlen von Dankbarkeit und Wonne Platz, die ihren Höhepunkt auf dem Monte de Gozo, dem „Berg der Freude“ erreichten. Das Ziel war in greifbarer Nähe! Von der Anhöhe aus blickten wir zum ersten Mal auf die eindrucksvolle Kathedrale von Santiago, zu deren Füßen wir kurz danach lagen – erschöpft, er-leichtert, wehmütig, stolz, erfüllt, gefangen in einem langanhaltenden Moment absoluter Surrealität. Was in Barcelona als Schnapsidee geboren wurde, hatten wir trotz mangelhafter Vorbereitung und Ausstattung 21 Tage, 18 Tagesetappen und 873 Kilometer später in die Wirklichkeit umgesetzt. Der Jakobsweg hat vieles bezweckt und verändert, vor allem aber hat er mir meine Skepsis vor dem Fahrradfahren genommen! Ein Lob an unsere Drahtesel!

Text: Jesse Dhur // Fotos: Jesse Dhur, Vicky Lahier

Author: Philippe Reuter

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