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„In finsteren Zeiten“

Die Literatur aus der Ukraine hat sich bereits vor dem russischen Überfall intensiv mit den Problemen und Gefahren in dem Land auseinandergesetzt. Jérôme Jaminet und Stefan Kunzmann geben in ihrem Literaturgespräch Einblick in die wichtigsten Veröffentlichungen der vergangenen Jahre.

Jérôme Jaminet (JJ): Fast alle, die über den Krieg schreiben, erinnern mich an das Gedicht „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht: „Ich lebe in finsteren Zeiten (…) Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Ich muss sagen, ich hätte lieber in helleren Zeiten über Literatur diskutiert, in denen es einem das Lachen nicht verschlägt. Wobei man bei Kapitelman auch lachen kann. Die beste Waffe aber, da dürften wir uns einig sein, bleibt die Vernunft. Und die Literatur kann dabei helfen, zur Vernunft zu kommen.

Serhij Zhadan - Internat

Serhij Zhadan – Internat

Stefan Kunzmann (sk): Obwohl wir nur indirekt vom Krieg betroffen sind, politisch, wirtschaftlich und, seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, durch die ukrainischen Flüchtlinge, erschüttert er uns und löst nicht zuletzt Ängste vor einer weiteren Eskalation aus. Übrigens sind mir an der polnisch-ukrainischen Grenze, wo ich im März war, immer wieder Leute unter den Flüchtenden aufgefallen, die ein Buch in der Hand hielten und gelesen haben, als würden sie darin Zuflucht oder etwas Tröstendes suchen.

Er meinte, Krieg sei nicht gemacht für Literatur. Und doch sei es unmöglich, nicht über den Krieg zu schreiben. Jérôme Jaminet

JJ: Um zwei Autoren zu nennen, die dazu etwas zu sagen haben, suchte ich mir einen ukrainischen und einen russischen Schriftsteller aus. Denn ich bin sehr dafür, dass wir die russische Literatur nicht boykottieren. Der eine ist Serhiy Zhadan, ein ukrainischer Autor, den ich vorher nicht kannte und nun zu bewundern gelernt habe. Er schreibt aus dem Innenraum des Krieges und befindet sich noch in der Ukraine, und zwar in Charkiw im Osten des Landes. Er ist sehr nah an den Menschen. Vorher tourte er als Musiker mit seiner Band. Auch schrieb er Reportagen und beeindruckende Romane, von denen ich mich mit einem etwas intensiver beschäftigte: „Internat“. Er meinte, Krieg sei nicht gemacht für Literatur. Und doch sei es unmöglich, nicht über den Krieg zu schreiben, obwohl man ihn mit der Literatur nicht verändern könne. „Aber die Bücher können dir zumindest helfen, du selbst zu bleiben, dich nicht zu verlieren, nicht unterzugehen.“ Vielleicht fangen Schriftsteller wie er schon damit an, das zu verarbeiten, was sie im Krieg erlebt haben, auch wenn Mikail Schischkin meint: „Literatur versagt immer dann, wenn ein Krieg beginnt.“

Dimitrij Kapitelman - Eine Formalie in Kiew

Dimitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

SK: Auch der ukrainische Journalist Stanislaw Assejew, 1989 in einem Donezker Vorort geborten, schreibt aus dem Innenraum des Krieges, allerdings mehr über die Vorgeschichte des aktuellen Konfliktes. Er war 2013 in seine Heimat zurückgekehrt, um über den Krieg im Donbas zu berichten. Dieser hatte 2014 mit der Ausrufung der „Volksrepublik“ Donezk durch russische Separatisten begonnen. Assejew verfasste Radiobeiträge und Texte über den Kriegsalltag, bis ihn die Separatisten im Sommer 2017 entführten. Er wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt und in ein Lager gebracht, das in dem Donezker Kulturzentrum „Isolazija“ errichtet worden war. Im Dezember 2019 kam er im Zuge eines Gefangenenaustauschs frei. Seine gesammelten Texte aus den Jahren 2015 bis 2017 sind unter dem Titel „In Isolation. Texte aus dem Donbass“ auf Deutsch erschienen. Sie tragen dazu bei zu verstehen, wie es zum Krieg kommen konnte. Wie der Titel heißt und wie der Autor in seinem Vorwort erklärt, zieht sich das Gefühl der Isolation wie ein roter Faden durch das Buch. Dagegen hat „Eine Formalie in Kiew“ von Dmitrij Kapitelman nur entfernt mit dem Krieg in der Ukraine zu tun. Es handelt sich vielmehr um Migrationsliteratur. Der Autor, 1986 in Kiew geboren, kam als jüdischer Kontingentflüchtling im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Leipzig und absolvierte die Journalistenschule in München. Schon mit seinem ersten Buch „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ (2016) hatte er Erfolg. Und im letzten Jahr „Eine Formalie in Kiew“, das als bester Familienroman ausgezeichnet wurde. Während der Ich-Erzähler Dima in Deutschland aufgewachsen ist und endlich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat, sind seine Eltern nie wirklich angekommen. Die Mutter frustriert, der Vater in sich versunken, stammen beide aus der alten Sowjetunion und behaupten, die Krim sei schon immer russisch gewesen. Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, muss Dima in die Ukraine und hat dort einige Hürden zu überwinden. Berichtet wird von den vielen Unzulänglichkeiten, der Korruption und dem Durchmogeln, die das Leben in der Ukraine prägen. Der Leser lernt so das Land von einer anderen Seite her kennen.

Andrej Kurkow - Graue Bienen

Andrej Kurkow – Graue Bienen

JJ: Der Vater wird nachgeschickt, weil er sich einer Operation unterziehen muss. Die ganz persönliche Geschichte, die der Autor erzählt, die Bürokratiesatire, das hat etwas von Kafkas „Vor dem Gesetz“. Was mir besonders gefällt an Kapitelmans Buch, ist die Komik. Dabei gelingen ihm neue Wortschöpfungen. Der Roman ist zwar voller Klischees, überzeugt jedoch durch seine Sprachspiele und eben den Humor. Schade nur, dass der nicht ganz gehalten wird und zum Ende hin etwas abflacht. Vielleicht ist der stellenweise überdrehte Erzählstil auch seine Art, mit dem persönlichen Stoff umzugehen. Aber vor allem junge Leser werden durch dieses Buch einen Zugang zur ukrainischen Literatur finden. Ein ungleich reiferer Roman ist „Graue Bienen“ von Andrij Kurkow. Der Autor erzählt mal besonnen, mal versonnen, verbindet Traum und Realität. Thematisch gibt es Parallelen zu Norbert Scheuers „Winterbienen“. Eine der beiden Hauptfiguren ist ein Imker, mit dem man gleich aufgrund seiner Menschlichkeit sympathisiert. Man hätte das Buch auch „Der gute Mensch aus dem Donbas“ nennen können. Der Krieg ist eine Art Hintergrundrauschen. Der Autor verurteilt keinen der beiden Protagonisten. Der eine ist eher prorussisch, der andere Ukrainer. Aber keiner wird an den Pranger gestellt. Kurkow, geboren in Russland, lebt selbst in den Zwischenwelten.

SK: Auch in diesem Fall, wie zum Beispiel bei Kapitelman. Aber auch generell die Situation vieler Familien aus der Ukraine, die russische Verwandte haben.

JJ: Die Bienen könnten übrigens eine Art Vorbild darstellen. Der Bienenstaat, der ein geordnetes System repräsentiert, im Gegensatz zu den chaotischen Zeiten.

SK: Wie verhält sich Serhiy Zhadans Buch im Vergleich zu den anderen Büchern?

JJ: Es ist jedenfalls sehr intensiv und kraftvoll und houchtourig erzählt. Was das Tempo angeht, ist es das genaue Gegenteil von Kurkows Buch. „Graue Bienen“ ist eher ruhig und nuanciert, mit manchmal fast märchenhaften, traumhaften Zügen. Bei Zhadan ist die Hauptperson ein Lehrer in den späten 30ern, der relativ apolitisch ist. Er wird von seinem Vater gedrängt, seinen Sohn in der Ostukraine abzuholen, weil dieser krank ist und weil der Krieg gerade ausgebrochen ist. Wie gefährlich es ist, merkt man im Laufe der Reise. Wie das dargestellt wird, ist gleichermaßen erdrückend und beeindruckend. Ich kann es nur wärmstens empfehlen. Es zeigt auch, dass niemand als Held geboren wird, was gerade zurzeit interessant ist, wenn wieder häufiger über Heldentum gesprochen wird. Der Protagonist in dem Buch wollte sich eigentlich aus allem heraushalten, genauso wie bei Kurkow, und wird dann von den Zeitumständen dazu genötigt, eine Haltung zu entwickeln. Es ist ein Entwicklungsroman, aber mehr will ich den Leser:innen an dieser Stelle nicht verraten.

Die Lektüre ist, wie ein Rezensent sagte, eine „buchstäblich traumhafte Erfahrung“. Stefan Kunzmann

Katja Petrowskaja - Vielleicht Esther

Katja Petrowskaja – Vielleicht Esther

SK: Wir haben übrigens bisher nur über männliche Autoren gesprochen. Dabei sind in den vergangenen Jahren und in jüngster Zeit einige ukrainische Autorinnen mit beachtlichen Werten hervorgetreten. Angefangen mit Katja Petrowskaja, die vor acht Jahren „Vielleicht Esther“ veröffentlichte, also in jenem Jahr, in dem der Krieg in der Ostukraine begann. Sie erzählt darin vom Genozid an der jüdischen Bevölkerung Kiews durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg. Der Roman erzählt aber auch eine Familiengeschichte, vom Studenten Judas Stern, der 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau verübt, von Sterns Bruder, der ein Revolutionär in Odessa war und sich den Untergrundnamen Petrowski gab. Die Autorin geht durch verschiedene Städte den Spuren ihrer Vorfahren nach. Wie Kapitelman schreibt Petrowskaja auf Deutsch. Die Lektüre ist, wie ein Rezensent sagte, eine „buchstäblich traumhafte Erfahrung“. Die Autorin verfasst zudem für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung eine Kolumne. Deren Texte sind jetzt unter dem Titel „Das Foto schaute mich an“ bei Suhrkamp erschienen.

Sasha Marianna Salzmann - Im Menschen muss alles herrlich sein

Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein

Beeindruckend ist auch die Erzähllust der russischstämmigen Autorin Sasha Marianna Salzmann, deren Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ im vergangenen Jahr erschienen ist: Tatjana verlässt zusammen mit ihrer Freundin Lena Mitte der 90er Jahre die Ukraine und kommt nach Jena. Lenas Tochter Edi will mit ihrer Herkunft nichts zu tun haben. Dazu kommt noch Nina, die Tochter von Tatjana: Vier Frauen, zwei Generationen in einer Gemeinschaft von Immigranten aus der früheren Sowjetunion. Die Idee für den Roman sei ihr durch Gespräche mit älteren Frauen aus der Sowjetunion gekommen, die zuerst vorgaben, sie hätten nichts zu erzählen. Dabei hat sich herausgestellt, dass jede etwas zu berichten hat: persönliche Schicksale mit vielen Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Dabei geht es um eine Zeit des Umbruchs: von der Sowjetzeit hinein ins postsowjetische Chaos. Zu erwähnen ist im Übrigen auch das „Ukrainische Tagebuch“ der Literaturwissenschaftlerin Oxana Matiychuk. Sie hat im vergangenen Jahr eine Graphic Novel über Rose Ausländer herausgebracht, eine der meines Erachtens wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen, die aus Czernowitz in der einst zu Österreich-Ungarn gehörenden Bukowina, heute ein Teil der Ukraine.

Fotos: Marc Lazzarini, Ekko Schwichow /Suhrkamp Verlag, Pako Mera /Opale /Bridgeman Images, Christian Werner, Heike Huslage-Koch, Flickr

web_Bettembourg_Welcome-to-the-Technocene_Print-300dpiMarc-Lazzarini-standart-14-KopieJérôme Jaminet

„Der Lehrer, Autor und Literaturkritiker, geboren 1979, leitete 2014 bis 2017 die wöchentliche Literatursendung „Book Look“ auf Eldoradio. Von 2018 bis 2020 war er für die Literaturrubrik „LesBar“ im Lëtzebuerger Journal verantwortlich. Seit 2021 moderiert et gemeinsam mit Bea Kneip den RTL-Bücherpodcast „BicherLies“. Als freier Literaturkritiker arbeitet er unter anderem für Deutschlandfunk Kultur, SWR2 und den Berliner Tagesspiegel. Letztes Jahr veröffentlichte er sein zweites Buch „Ein Wort in Esels Ohr“ bei Capybarabooks“.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold