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Mit drei Ausstellungen im Februar hat Serge Koch eigentlich nicht gerechnet. Doch die Corona-Krise hat so vieles durcheinander gewirbelt. Und nun freut sich der vielseitige Künstler sogar über den positiven Stress.

Aufmacher-Serge-Koch-(2)---photo-Pascale-Schloesser-KopieEs ist verflixt. Mitunter muss man jahrelang auf etwas warten, und dann riecht die Luft plötzlich nach schnellen Entscheidungen. Nach noch mehr Multitasking und neuen Herausforderungen. Zum Glück gehört Serge Koch zu der Sorte Mensch, die – trotz angeschlagener Gesundheit – stets nach vorne schaut. Sich über alles Mögliche Sorgen zu machen oder aus kleinen Problemen riesige Baustellen werden zu lassen, ist nicht sein Ding. Er hat gelernt, Ängste realistisch einzuschätzen, und konzentriert sich als Künstler derzeit auf die Projekte, die er selbst in der Hand hat und erfolgreich abschließen kann. „Am Moment sinn ech trotzdeem e bëssje wibbeleg.“ Eine Gruppenausstellung des „ARC Kënschtlerkrees“ im H2O in Oberkorn, eine Beteiligung an der „Figure in Print“-Sonderausstellung im MNHA und in der Nationalbibliothek und eine Einzelausstellung in der Galerie Schlassgoart in Esch/Alzette – darauf sei er nicht wirklich vorbereitet gewesen. Aber da die übers Jahr 2020 geplanten Termine aufgrund der Covid-19-Pandemie immer wieder verschoben worden sind, ist halt jetzt Showtime. Wieder einmal. Bereits im vergangenen Herbst sind mehrere Ausstellungen parallel gelaufen.

Laut der Devise „gut geplant ist halb gewonnen“ setzt der Vorsitzende des erwähnten „ARC Kënschtlerkrees“, der auch noch Vize-Präsident des CAL und Mitglied des „Atelier de gravure Empreinte“ ist, einen Fuß vor den anderen. Am meisten freut er sich über die Einladung von Nathalie Becker, im Schlassgoart auszustellen. Und auch über die Freiheit, die ihm dabei angeboten wird: „Fais quelque chose qui flashe.“ Anfangs ist Serge Koch etwas eingeschüchtert. Was ist, wenn ich die riesigen Räume der Galerie nicht adäquat mit interessanten Arbeiten füllen kann? Wie wird das Publikum auf meine Werke reagieren? Brauche ich einen roten Faden, der durch die Ausstellung führt? Schließlich entscheidet er sich dafür, in einem der Gänge der Galerie Zeichnungen zum Thema „Aspects de la sexualité“ zu zeigen. Arbeiten, die vor genau 25 Jahren in kürzester Zeit entstanden und dann in einer Schublade vergessen worden sind. „Elo wëll ech se weisen. Als eng Zort Jubiläum. Dat passt.“ Allerdings werden nicht die Originale ausgestellt, sondern leicht vergrößerte Drucke davon, die – zusammengenommen – an einen Comic erinnern.

Einem anderen Flur sind rund 20 kleine Schwarzweiß-Gravuren vorbehalten. Die Haupträume sind derweil für rezente Fotoarbeiten reserviert. „Am Fong ass d´Ausstellung zum Deel eng kleng Retrospektiv“, so Serge Koch. Seit sein Körper heftigst rebelliert, ist er ein bisschen achtsamer geworden. Zwar kann er nach wie vor nie „Nein“ sagen und sich feste Auszeiten gönnen, doch wie man sich vor negativen Einflüssen schützen kann, weiß er mittlerweile. „Ech probéieren, dat ze maachen, wat ech gäer maachen.“ Und das wäre? Kreativ sein. Und dabei müsste es ihm eigentlich egal sein, ob er den Erwartungen anderer entspricht. Wichtig ist lediglich, dass er etwas Authentisches schafft und etwas von sich selbst in seine Werke legt. Genau das tut Serge Koch. Er liebt Menschen. Er fotografiert Menschen. „Meng ganz Konscht ass en Hommage un de Mënsch.“

 „Meng ganz Konscht ass
en Hommage un de Mënsch.“
Serge Koch

Stilistisch sind seine biomorphen Abbildungen indes schwierig einzuordnen. Weil vieles nur angedeutet wird. Bewegungen wie Silhouetten oder Landschaften. Alles scheint zu fließen und gleichzeitig mit einer gewissen Energie aufgeladen zu sein. Mal sind die Farben warm und laden zum Eintauchen ein, mal hat man Angst, sich an den kalten Kanten des Dargestellten zu verletzen, mal fühlt man sich von einer bestimmten Dynamik angesprochen. Die stets vorhandene Unschärfe macht die Stimmungen, die die Bilder zum Ausdruck bringen, hingegen umso dramatischer und spannender. Nach einem roten Faden wird der Besucher übrigens vergeblich suchen. Es gibt nämlich keinen. Trotzdem oder gerade deswegen hat Serge Koch der Ausstellung im Schlassgoart den Titel „File rouge“ gegeben. Eine kleine Provokation. Zum Schmunzeln und als Anregung zum Philosophieren gedacht.

In der Gruppenausstellung des „ARC Kënschtlerkrees“ im H2O, die im Rahmen des 60. Jubiläums der Vereinigung vor einem Jahr stattfinden sollte und wegen der Covid 19-Pandemie bis zuletzt auf der Kippe stand, stellt der 63-Jährige lediglich ein Foto aus. Dieses jedoch in zweifacher Farbgestaltung. „Et ass e Bild vun engem Meedchen, dat mir viru Joeren virun d´Kamera gelaf ass. Eng Momentopnahm, déi ech nach ni gewisen hunn.“ Die Organisation von „waasserFest“ hat ihn Energie gekostet. Viele Mitglieder hat er persönlich kontaktiert – mit dem Resultat, dass nun über 40 Künstler und Künstlerinnen an der Ausstellung teilnehmen. Mehr Vielfalt geht nicht.

Um die Sonderausstellung „Figure in Print. Die Darstellung des Menschen in der Luxemburger Druckgrafik von 1945 bis heute“ hat er sich nicht kümmern müssen. Darauf, dass er zu den insgesamt 84 Teilnehmern zählt, von denen viele eine wichtige Rolle in der Kunstgeschichte des Großherzogtums gespielt haben und weiterhin spielen, dürfte er mehr als stolz sein, oder? Serge Koch lächelt. Er setzt sich selbst nicht gern in Szene. Stattdessen hat er eine ganz eigene Perspektive auf verschiedene Dinge, die Welt und das Leben. Diese Perspektive zu teilen, ist im Grunde genommen sein Antrieb. Kunst zu machen ist übrigens oft kein bewusster Prozess. Künstler denken nicht permanent darüber nach, was ihre Kunst mit ihnen zu tun hat. Und doch erzählen die Arbeiten, die in der Galerie Schlassgoart ausgestellt werden, auch etwas über denjenigen, der sie gefertigt hat.

Fotos: Pascale Schloesser, Serge Koch (4)

Die unscharfen Fotografien machen die zum
Ausdruck gebrachten Stimmungen umso dramatischer
und spannender.

  • „Fil rouge“
    vom 18. Februar bis zum 13. März
    in der Galerie Schlassgoart
    in Esch/Alzette
  • „waasserFest“
    bis zum 21. Februar
    im H2O in Oberkorn
  • „Figure in Print“
    bis zum 27. Juni im MNHA
    und bis zum 18. April
    in der Nationalbibliothek

www.sergekoch.com

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Dario Herold

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