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Kaliber PS

Der Schock von der Tragödie in Trier sitzt noch tief. Schon oftmals dienten Autos oder Lastwagen Terroristen und Amokläufern als Waffe.

B. wollte die größtmögliche Zahl an Opfern. Dafür hatte er sich weder eine M4 der Marke Colt noch eine G36 aus dem Hause Heckler & Koch oder gar eine AK-47 alias Kalaschnikow zugelegt, sondern einen Lastwagen vom Typ Renault Midlum 300. Das Gefährt mit einem Kühleraufbau hatte er gemietet. Am Abend des 14. Juli 2016 fuhr der 31-Jährige damit über die für den Verkehr gesperrte Strandpromenade von Nizza und überfuhr auf einer Strecke von etwa zwei Kilometern mehrere hundert Menschen, 86 starben, unzählige wurden verletzt.

Es war nicht das erste Mal, dass ein Auto oder Lastwagen als Waffe missbraucht wurde. Und auch nicht das letzte: Ein islamistischer Terrorist steuerte ungefähr ein halbes Jahr später, am 19. Dezember 2016, einen Sattelzug in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Das Fahrzeug hatte er geraubt, den Fahrer erschossen. Insgesamt starben bei dem Anschlag zwölf Menschen, 67 wurden verletzt. Die Amokfahrt von Trier vorvergangene Woche hat uns einmal mehr die rollende, zerstörerische Gefahr vor Augen geführt.

Im Juli 2006 war während der Fußball-WM ein Mann mit seinem Kleinwagen in die Menschenmenge auf der Berliner Fan-Meile gefahren: 20 Personen wurden verletzt. Im Jahr darauf fuhr ein 38-Jähriger in den Niederlanden mit seinem Auto in eine Gruppe von Menschen, die den Geburtstag der Königin feierten, sieben starben, danach auch der Fahrer. Im Februar 2017 fuhr ein 35-Jähriger in Heidelberg mit dem Auto in eine Menschengruppe: ein Toter. Im August 2017 lenkte ein 20-Jähriger in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia seinen Dodge in eine Gruppe von Demonstranten: Eine Frau starb und rund 30 weitere Personen wurden verletzt. Im April 2018 raste ein Campingbus in eine Menschengruppe vor einer Gaststätte in Münster: Fünf Menschen starben, der Fahrer erschoss sich. Im vergangenen Februar steuerte ein 29-Jähriger sein Auto im nordhessischen Volkmarsen in eine Menge: Dutzende Menschen wurden verletzt, darunter 20 Kinder.

Nach der Horrorfahrt von Nizza wurde schnell von einer neuen islamistischen Terrormethode gesprochen. Doch diese These erwies sich bereits im Ansatz als falsch und sogar gefährlich, weil diskriminierend für Muslime. Fahrzeuge wurden, oft kombiniert mit Sprengstoff, nicht nur von Islamisten als verheerende Waffen benutzt. Tod und Zerstörung brachten mit Autobomben bzw. Sprengfallen auch andere Terroristen sowie die organisierte Kriminalität – von früheren Mafia-Morden bis zu Anschlägen im Nahen und Mittleren Osten oder den IRA- und RAF-Attentaten. Einer der ersten Massenmorde auf diese Art: Ein Amokläufer sprengt 1927 in Michigan 44 Schulkinder und sich selbst in die Luft.
Vor pozentiellen „lethal weapons“ warnte vor sechs Jahren die amerikanische Bundespolizei FBI und meinte damit autonom fahrende Autos, die zwar für mehr Verkehrssicherheit sorgen könnten, aber von Verbrechern für deren „kriminelles Multitasking“ genutzt werden könnten. Ein flüchtender Fahrer zum Beispiel hätte die Hände frei, um auf seine Verfolger zu schießen. Wie die britische Zeitung „The Guardian“ damals berichtete, ging das FBI zudem von einem möglichen Missbrauch der Autos durch Terroristen aus, die sie, mit Sprengstoff beladen, zu „self-driving bombs“ umfunktionieren könnten.

Nicht das Auto ist das Problem, sondern der Fahrer.

In den USA sind es vor allem Rechtsextremisten wie der 20-Jährige von Charlottesville, die Autos als Waffen gegen Demonstranten einsetzen. Seit den verstärkten Anti-Rassismus-Protesten vom vergangenen Mai hat es laut Medienberichten mindestens 50 Attacken mit Fahrzeugen gegeben. Meistens waren Männer die Täter, einmal eine 26 Jahre alte Frau, die im kalifornischen San Jose mit ihrem SUV in eine Gruppe von Demonstranten fuhr. Eine weitere Ausnahme bildet Olga Hepnarová. Die tschechoslowakische Lastwagenfahrerin erlangte traurige Berühmtheit mit der ersten Mordattacke per Lkw. Sie fuhr im Juli 1973 in Prag in eine Menschengruppe und tötete acht Menschen. Ihr Motiv hatte sie vorher niedergeschrieben: Für ihre psychischen Probleme hat sie die Gesellschaft verantwortlich gemacht. Gut sieben Jahre später fuhr eine Frau in Reno (Nevada) zig Menschen auf einem Bürgersteig über den Haufen – sechs starben, 23 wurden teils schwer verletzt. Die Frau wurde als psychotisch diagnostiziert. Auch bei vielen anderen Amokfahrten waren die Täter psychisch krank. Psychologen und Kriminologen nennen solche Taten, wenn sich der Täter das Leben nimmt, „erweiterten Suizid“, das heißt, dass die Täter nahe Angehörige oder so viele Menschen wie möglich in den Tod mitreißen wollen. Im Englischen heißt es noch treffender „murder-suicide“.

Doch sitzen nur todbringende Terroristen, Radikale und psychisch Kranke am Steuer, wenn das Auto zur Waffe wird? Nicht nur. Denn nicht zu vergessen sind die zahlreichen Raser, die durch ihre Geschwindigkeitsjagd Menschenleben auf dem Gewissen haben, wie zum Beispiel der 20-jährige Jaguar-Fahrer, der vergangenes Jahr in Stuttgart mit Tempo 160 durch die Stadt raste und ein junges Paar in einem Kleinwagen tötete. Er wurde wegen Mordes angeklagt. War es Mord? Und sind Autos Mordgeräte? Über die erste Frage scheiden sich die Geister, die zweite Frage kann durchaus mit Ja beantwortet werden. Doch auch Küchenmesser können Mordwerkzeuge sein. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann bringt es auf den Nenner: „Was dem Ami die Waffe, ist dem Deutschen das Rasen.“ Während in den USA die Waffe fetischisiert wird, ist es in Europa vor allem das Statussymbol Auto.

In Erinnerung bleibt das illegale Autorennen vom Oktober bei Hofheim im Taunus, das mit einem Unfall endete, bei dem eine an der Raserei unbeteiligte Frau ums Leben kam. Oder vor fast fünf Jahren in Berlin, als ein Raser das Auto eines 69-Jährigen rammte, der verstarb. Das Berliner Landgericht verurteilte die an dem illegalen Rennen beteiligten Männer wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Das Gericht sah einen „bedingten Tötungsansatz“. Die Männer hatten zwar niemanden töten wollen, aber die tödlichen Folgen in Kauf genommen. Ihre Autos hätten die Angeklagten dabei als „gemeingefährliches Mittel“ eingesetzt. Es kam zum Berufungsverfahren. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe bestätigte dieses Jahr eines der beiden Urteile, das andere hob es auf und verwies nochmal an ein Landgericht.
Welche Möglichkeiten gibt es, einer Amokfahrt durch eine Fußgängerzone zu verhindern? Falsch wäre ein SUV-Bashing. Nach dem Anschlag in Berlin vor vier Jahren wurden ähnliche Veranstaltungen wie der Weihnachtsmarkt mit Betonsperren geschützt. Die Stadt Luxemburg ließ nach der Amokfahrt von Trier die eigene Fußgängerzone mit Stahlbetonpollern sichern. Poller sind sicherlich eine Möglichkeit, eine per GPS gesteuerte Tempolimitierung eine andere. Eine hundertprozentige Lösung für das Problem gibt es jedoch nicht. Denn das Problem ist nicht das Auto, sondern der Fahrer.

Foto: Thesupermat (Wikimedia Commons) – im Bild: Killer-Auto: „Christine“, Hauptdarstellerin aus John Carpenters gleichnamigem Film von 1983.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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