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Kein Druck, keine Verpflichtung

Lebensträume sehen unterschiedlich aus. Für manche sind es dicke Autos, für andere viel Geld oder eine Kreuzfahrt. Kätty Kaes träumte von etwas Ungewöhnlichem: Sie wollte mit einem Hund auf Wandertour gehen. Diesen Sommer war es so weit.

Nur sie, der Hund und Hunderte Kilometer Berge, Wälder und Wasser. Das war der Plan. Seit 15 Jahren reifte er in ihr, und sie wusste, dass er irgendwann einmal Wirklichkeit werden musste. Doch vorher waren ein paar andere Dinge zu tun: studieren, einen Job finden, ein Haus kaufen, einen Hund anschaffen. „Ohne Haus keinen Hund“, sagt sie. „So ein Hund braucht doch einen Garten.“

Wer bei Kätty Kaes klingelt, wird sofort von Juna begrüßt. Zumindest nennt die 32-Jährige es so, was ihre Hündin macht: Sie bellt. Laut und aufgeregt. Und als Kätty nicht sofort die Haustür öffnet, ist Juna schon raus in den Garten und ums Haus geflitzt, um dort die Besucherin in Augenschein zu nehmen. Doch so schnell sie angeschlagen hat, so schnell beruhigt sie sich auch wieder, schnüffelt ein bisschen an Hosen, Schuhen und Tasche, bevor sie sich genüsslich aufs Sofa zurückzieht und den Nachmittag verschläft.

Der Name Juna bedeutet im Koreanischen „die Wahre, Aufrichtige“, im Keltischen „die Ersehnte, Erwünschte“. Treffe beides auf ihre dreijährige Hündin zu, meint Kätty. Typisch Labrador-Border-Collie-Mischung. Diese Hunde werden als fröhlich, freundlich und loyal beschrieben, die zwar auch erregbar und extrovertiert sein können, dabei aber nicht zu Aggressionen neigen. Gut geeignet für Familien also. „Sie sieht aus wie ein Labrador, ist aber vom Wesen Border Collie hoch dreitausend. Ein echtes Energiebündel.“

 Startfoto auf der Kaiser-Franz-Josef-Höhe am Großglockner

Startfoto auf der Kaiser-Franz-Josef-Höhe am Großglockner

So wie ihre Besitzerin, denn einen verschlafenen Eindruck macht auch Kätty Kaes nicht. Eher das Gegenteil, sie sprüht nur so vor Lebensfreude und Begeisterung. Vor allem, wenn sie von ihrem Trip erzählt, der sie diesen Sommer fast eintausend Kilometer durch Österreich, Slowenien und Italien führte. „Ich bin ein Naturkind, ich liebe es, draußen zu sein und mich zu bewegen.“

Eigentlich wollte sie den GR 20 laufen, einen Fernwanderweg auf Korsika, der 180 Kilometer durch die Bergwelt der französischen Insel führt und zu den schwierigsten und anspruchsvollsten Touren Europas gehört. Als Erzieherin hat sie aber nur während der Sommermonate mehrere Wochen am Stück frei. „Und da dachte ich, das wäre Juna wahrscheinlich zu warm mitten im Sommer“, erzählt sie. So fiel die Wahl auf den Alpe-Adria Trail, einen Wanderweg vom höchsten Berg Österreichs bis an die italienische Küste. Zur Vorbereitung nahm Kätty Juna in den letzten Jahren mit in die Berge auf ein paar mehrtägige Hüttentouren. Die Hündin erwies sich sowohl als höhen- als auch als wandertauglich. Auch enge Wege an tiefen Schluchten schienen ihr nichts auszumachen.

Aus dem eigentlich 750-Kilometer-langen Alpe-Adria-Trail machten Kätty und Juna 986 Kilometer. Sie liefen ein paar Extrarunden, weil Hunde schließlich morgens und abends Gassi müssen, egal, ob sie gerade 20 Kilometer hinter sich haben oder nicht, und weil Kätty an bestimmten Städten oder Sehenswürdigkeiten nicht einfach vorbeilaufen wollte. Anfangs musste Juna an der Leine bleiben, weil das überall auf dem Weg vorgeschrieben ist. Doch mehr als fünf Menschen am Tag sind den beiden nie begegnet, deshalb ließ Kätty die Leine irgendwann sein.

Die Soča ist der Hammer! Kätty Kaes

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Soča-Schlucht in der Nähe von Bovec (Slowenien)

45 Tage waren sie auf Wanderschaft, schliefen in Almhütten oder Hotels. An heißen Tagen verließen sie oft bereits um fünf Uhr morgens die Unterkunft, um nicht zu sehr ins Schwitzen zu kommen. Unterwegs ließen sie sich Zeit, machten viele Pausen, manchmal Mittagsschläfe und genossen die unterschiedlichen Aussichten. Ob es irgendwo am schönsten war? „Das kann ich gar nicht sagen, es war überall so traumhaft schön“, sagt Kätty. „Es gab viele Stellen, an denen ich dachte ‚hier will ich bleiben‘, und hundert Meter weiter kam schon wieder die nächste.“

Obwohl sie zuvor schon oft in Österreich gewesen war, kannte sie Kärnten überhaupt nicht. Genauso wenig wie Slowenien oder das Friaul. Das grüne Kärnten voller blauer Seen mit seinen entspannten Einwohnern habe sie sehr beeindruckt. „Und da erzählten mir viele, in Slowenien sei alles weniger entspannt und eher unfreundlich. Als ich dann aber nach Slowenien kam, fand ich das Gegenteil vor: freundliche Menschen und eine traumhafte Natur. Vor allem die Soča ist der Hammer! Diesen Fluss mit seinem kristallklaren Wasser muss man einfach gesehen haben. Ich habe so viele wunderschöne Eindrücke mitgebracht.“

Dabei hatte sie den Anfang als komisch empfunden. Irgendwie seltsam und merkwürdig. In der Woche vor der Abfahrt hatte sie sich noch von Freunden und Familie verabschiedet. Ihre beste Freundin hatte sogar eine Abschiedsparty organisiert. Und als sie dann auf einem Parkplatz am Großglöckner ihrem Freund hinterherwinkte, der sie von Luxemburg zum Start nach Österreich gebracht hatte, fühlte sie sich überwältigt und dachte: „Jetzt bin ich wirklich auf mich alleine gestellt.“ Doch anstatt sich einsam zu fühlen, genoss sie ihren letzten Ruhetag vor der Wanderung mit Juna am Gipfel des Berges. Dort traf sie dann auch auf ihre ersten Murmeltiere, die – gewöhnt an Menschen – so gar nicht scheu waren.

Aussicht vom Kamplnock auf dem „Weg der Liebe“, in der Nähe von der Millstätter Hütte

Aussicht vom Kamplnock auf dem „Weg der Liebe“, in der Nähe von der Millstätter Hütte

Warum sie überhaupt alleine wandern wollte, wurde sie oft gefragt. Sie hat immer dasselbe geantwortet: „Mit einem Hund ist man nicht allein, man hat Gesellschaft. Aber dafür niemanden, der gerade keine Lust hat oder quengelt, weil der Weg zu lang ist.“ Das Alleinsein habe ihr Spaß gemacht, sie konnte Gedanken nachhängen oder einfach mal nicht denken und nur genießen. „Kein Druck, kein Stress, keine Verpflichtungen, nur Entspannung.“ Und manchmal wenn sie in den Unterkünften Internet hatte, postete sie ein paar Fotos auf Facebook, damit sich zu Hause niemand Sorgen machte. Dass es sogar auf den meisten Almhütten gutes WLAN gab, hat sie ziemlich überrascht. Am schönsten aber empfand sie es immer, wenn es kein Internet gab. Dann kam sie nämlich mit den anderen Gästen ins Gespräch, weil niemand mehr mit dem Handy beschäftigt war.

Stappitzer See in der Nähe von Mallnitz

Stappitzer See in der Nähe von Mallnitz

Das Wandern an sich stellte sich als wenig schwierig heraus. Hündin Juna schienen die langen Tagestouren überhaupt nichts auszumachen. „Sie war sogar fitter als ich“, erzählt Kätty und lacht. Anfangs schmierte Kätty Junas Pfoten jeden Abend mit Vaseline ein. „Völlig unnötig. Sie hat das Zeug eh nur abgeschleckt.“ Einen Teil des Gepäcks musste Juna selbst tragen. Dafür bekam sie einen eigenen Rucksack, in dem höchstens vier Kilo verstaut wurden, alles Hundefutter. Nötig war das aber nur an den Tagen, an denen sie abends an eine Almhütte kamen, die vom Tal aus schwer zu erreichen war. Alle anderen konnten mit Junas Futter vorab beliefert werden.

Das Wandern mit Hund will gut organisiert sein. Nicht alle Hotels und Hütten nehmen gerne vierbeinige Gäste auf, erzählt Kätty. Deshalb hat sie bereits vor zwei Jahren begonnen, ihre Unterkünfte zu buchen. Zwei Drittel aller Schlafplätze hat sie so selbst gefunden, der Rest wurde von Reiseagenturen gebucht, die den Alpe-Adria-Trail in ihrem Programm haben. Auch das Bereitstellen des Hundefutters haben die Agenturen übernommen. Und wenn Kätty kurzfristig um eine Planänderung bat, wurde das immer sofort und ohne Probleme erledigt, schwärmt sie.

Die beiden Wanderinnen waren nicht immer allein. Zwischendurch gesellte sich Kättys Freund zu den beiden, der neun Etappen mitwanderte, auch um Kättys Geburtstag am 1. August zu feiern. Später waren dann noch zwei Freundinnen für ein paar Tage dabei, eine kam mittendrin, die andere für die letzten vier Etappen und den Einlauf ins Ziel, das Küstenstädtchen Muggia im italienischen Friaul. Bei ihrer Ankunft wurden sie bereits erwartet. Eine Gruppe von knapp zehn Leuten in schwarzen T-Shirts empfing sie am Ortseingang. Erst beim Näherkommen sah Kätty, dass es ihre Freunde waren, die extra aus Luxemburg angereist waren.

„Das war, glaube ich, der emotionalste Moment“, sagt Kätty. „Und als wir dann alle gemeinsam am Ende des Wegs – einem Steg an der Adria – ins Wasser gesprungen sind, war es einfach nur perfekt.“ Nur den geplanten Sekt-umtrunk musste sie ausschlagen. Sie hatte sich nämlich mit einem Tätowierer verabredet, der ihr ein ewiges Andenken an ihre Wanderung bescheren sollte: ein Tattoo am Oberarm mit dem Abdruck von Junas Pfote, einer Bergwelt am Meer und dem Satz: „If you can dream it, you can do it!“ Das hatte sie in einer der Hütten gelesen und als Motto übernommen.

Wenn sie jetzt im Nachhinein etwas anders machen könnte, würde sie wohl ihre Spiegelreflexkamera mitsamt Stativ zu Hause lassen. Eine Freundin hatte ihr das zwar vorher schon geraten, aber Kätty war nicht klar gewesen, wie gut die Qualität ihrer Handyfotos ist. Auf eins aber würde sie nie verzichten wollen: ihre Wanderstöcke. Die kann sie nur jedem ans Herz legen.

Text: Heike Bucher // Fotos: Georges Noesen (1), Kätty Kaes

Ausblick vom Schwarzkogel auf den Faaker See (Slowenien)

Ausblick vom Schwarzkogel auf den Faaker See (Slowenien)

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Author: Philippe Reuter

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