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Kein Kleeblatt vor dem Mund

Hätte man den Iren vor zehn Monaten erzählt, dass ihre Pubs in nicht allzu ferner Zukunft mehr als 24 Stunden geschlossen bleiben würden, sie hätten einem den Vogel gezeigt.

Vor dem März 2020 waren die Kneipen traditionell nur an Karfreitag und am ersten Weihnachtstag geschlossen, demnach 363 bzw. 364 Tage in einem Schaltjahr geöffnet, und nur die längst abgeschaffte „holy hour“, auf Irisch „uair bheannaithe“, wortwörtlich die „gesegnete Zeit“, konnte dem Humpenproletariat damals in den urbanen Zentren von Dublin und Cork eine Stunde hopfentechnische Verschnaufpause pro Tag garantieren. Dann wurde hinter verschlossener Tür zwar munter weiter gebechert, aber immerhin blieb die katholische Fassade intakt. Das ist jetzt passé.

Am 26. Oktober 2020, um Mitternacht, verbuchte die Republik Irland 59.434 bestätigte Fälle von Covid-19-Infizierten. 1.896 Menschen sind seit dem Ausbruch der Pandemie daran gestorben, allein in den letzten vierzehn Tagen sind 14.349 Erkrankte hinzugekommen. Nach einer anfänglich relativ guten Bilanz, im europäischen Vergleich, wurden die Daumenschrauben schleunigst wieder angezogen. Denn, wie anderenorts auch, hat sich eine gewisse Quarantäne-Verdrossenheit breitgemacht. Dieser Umstand macht sich besonders dadurch bemerkbar, dass die Zahl der Infizierten im Durchschnitt jünger wird.

Jetzt werden regelmäßig illegale, kollektive Saufgelage von der Polizei aufgelöst und ganze Banden von angesäuselten Jugendlichen zu später Stunde aus Wäldern und Dünen gescheucht. Dazu sei bemerkt, dass sich ein Aufenthalt am Strand bei zwölf Grad Celsius und konstantem Nieselregen natürlich deutlich besser mit ein paar therapeutischen Schnäpsen gestalten lässt. Die Polizei setzte dabei eher auf Ermahnungen und den virtuellen bösen Zeigefinger als auf wirkliche Bestrafung. Dazu fehlte ihr bis vor kurzem das Mandat.

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Westmoreland-Street

Als meine Wenigkeit vor etwas mehr als einem Monat in Dublin am Flughafen ankam, musste ich versprechen, mich während zehn Tagen in freiwilliger Isolation zu üben. Ich musste Adresse und Telefonnummer hinterlassen, zu meiner Überraschung schickte mir der Staat täglich Ermahnungen per SMS. Einmal klingelte sogar das Telefon und eine Dame fragte mich ganz höflich, ob ich denn noch an besagter Adresse logiere. Ich bejahte, und sie wünschte mir einen schönen und sicheren Aufenthalt: „Thank you for your cooperation. Have a nice time in Ireland and stay safe!“

Dass die Iren sich so ordentlich an die Vorschriften halten, ist sehr beachtlich. Wo sie doch 753 Jahre lang die Vorschriften der Normannen und Engländer partout nicht befolgen wollten, und über diesen Umweg Australien, die Vereinigten Staaten und Liverpool fast im Alleingang bevölkerten. Es könnte daran liegen, dass die Polizisten der Nation, die Friedenshüter der „Garda Síochána“, außergewöhnlich entspannt auftreten. Die unterste akademische Schublade eines irischen Polizisten liegt auf Abitur-Höhe, nicht etwa wie in Luxemburg üblich bei einem achten Schuljahr. Dazu sind sie meistens unbewaffnet und werden systematisch aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen, damit eine drohende Kumpanei mit Freunden und Verwandten sofort im Keim erstickt wird. Das ist ein cleveres Relikt aus dunklen IRA-Zeiten. Demnach stammen alle Dubliner Streifenpolizisten ausnahmslos vom Lande, was dazu führt, dass sie einem zwar fast nie den Weg zum Bahnhof erläutern können, weil sie die Stadt ja selber nicht so gut kennen, sie dafür aber stets eine gesunde Gesichtsfarbe haben. Und, wenn die „Culchies“, was so viel wie Dorfpomeranzen heißt, dann mit ihrem schweren Akzent aus Leitrim, Kerry, Offaly oder Longford den Weg zum Bahnhof völlig falsch angeben, so sind sie doch durchwegs hilfsbereit und zuvorkommend. Anstatt ihn in die Pfanne zu hauen und dann in Handschellen abzuführen, fahren sie einen Trunkenbold nach einer kleinen verbalen Standpauke lieber höchstpersönlich nach Hause.

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Temple-Bar

Als die zweite Covid-19-Welle Mitte Oktober hereinrollte, merkten die Iren, wie so viele andere Europäer auch, dass sie die Rechnung diesmal zwar nicht ohne den Wirt, dafür aber ohne den ungebetenen Gast aus Wuhan gemacht hatten. Schleunigst wurden die Schotten – im übertragenden Sinne, nicht die mit den Röcken – dichtgemacht und eine weit umgreifende Ausgangssperre verhängt. Die Regierung von „Taoiseach“ (Kanzler) Micheál Martin bediente sich dabei eines Taschenspielertricks, indem sie zu keinem Zeitpunkt von einem „Lockdown“ sprach. Sondern in weiser Voraussicht den zu erwartenden Notstand in fünf Ebenen einteilte, so dass das jetzt erreichte Level 5 de facto einem Lockdown entspricht, obwohl es zu keinem Zeitpunkt so genannt wurde.

Die zwischenzeitliche Lockerung der Ausgangseinschränkungen hat nicht gegriffen, unter anderem weil die machtvolle Föderation der gälischen Sportarten, die GAA, sofort eine Extrawurst für ihre zahlreichen Mitglieder beantragte. So wurden die ungemein populären Spiele der Disziplinen „Gaelic Football“ und „Hurling“ zwar wie von der Regierung verlangt vor leeren Kulissen ausgetragen, das hielt die Sportler aber nicht davon ab, nach getaner Arbeit die traditionelle dritte Halbzeit zu zelebrieren und eine Vielzahl von Mitspielern, Familienangehörigen und Fans zu kontaminieren. Auch ließen sich diverse Spitzenpolitiker, wie der EU-Kommissar für Handel, Phil Hogan, dabei erwischen, wie sie sich nicht an die geltenden Einschränkungen hielten. Der Kommissar stolperte über das so genannte „Golfgate“, indem er zusammen mit 80 weiteren Personen im Golfclub in Clifden, County Galway, schmauste und brauste, prompt dabei ertappt wurde und am 26. August nach kurzem Motzen schließlich zurücktrat.

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O’Connell-Street

Man muss es den Iren zugutehalten, dass das Aussortieren von begriffsstutzigen Politikern oft im Eiltempo über die Bühne geht. Als beim Eintreten des generellen Rauchverbots an öffentlichen Plätzen am 29. März 2004 – Irland war das erste Land auf der Welt, das sich dazu bekannte – ein liberaler Abgeordneter namens John Deasy (von der „Fine Gael“, so eine Art DP mit Guinness-Aroma) zwei Tage nach In-Kraft-Treten des Gesetzes genüsslich ein Lungenbrötchen vor der Parlamentskantine anzündete, flog er prompt mitsamt seinem Mandat vor die Tür. Ulkigerweise wurde kurz danach genau dieses Areal zur ausgewiesenen Raucherecke erkoren. Das generelle Verbot wurde vom damaligen Gesundheitsminister in die Wege geleitet, und das war kein anderer als der aktuelle konservative Kanzler, Micheál Martin. Der hat folglich eine gewisse Erfahrung in der Umsetzung unpopulärer Entscheidungen, alles nach dem Motto: „It isn’t a hangover, it’s just the Irish flu.“ Es ist vielleicht ein langer Weg nach Tipperary, aber nur ein sehr kurzer bis vor die Tür. Sláinte, altes Haus!

Text und Fotos: Eric Netgen

Author: Dario Herold

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