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Keine weiße Weste

Das Großherzogtum Luxemburg hatte keine Kolonien, doch das bedeutet nicht, dass es keine koloniale Vergangenheit hat. Wo diese noch heute sichtbar ist, zeigt das Aktionskunst-Kollektiv Richtung22 in Zusammenarbeit mit der Asbl Lëtz Rise Up. 

Luc Lamesch singt. Wir stehen auf dem Trottoir neben den Tram-Gleisen, die den Stadtpark teilen, und Luc trällert die dritte Strophe des Volksliedes „De Jhangli fiert den Houwald erop“ – nicht aus Frohsinn und Heimatliebe, sondern um deren rassistischen Inhalt hervorzuheben: „Am Kongo freet sech haut all Af. Well mir hunn onsen Zichelchen dohin verkaf. All Neger ass geschwënn gutt drun. Wann si emol de Jhängelchen dohannen hunn.“ Luc ist Schauspieler, Teil des Kollektivs Richtung22 und seit Juni auch Stadtführer.

Seit Juni führen Luc Lamesch, Lars Schmitz und die anderen Mitglieder des Kollektivs Richtung22 durch die Innenstadt und zeigen an 29 Stationen, wo Spuren, Indikatoren und Belege für die Rolle Luxemburgs in der Kolonialpolitik noch heute zu sehen sind.
Ähnliche Touren in Deutschland und Belgien haben sie inspiriert. Für die Forschungsarbeit, die dahintersteckt, und die Ausarbeitung des Projektes wurde das Kollektiv von der Asbl Lëtz Rise Up unterstützt. Ein Jahr haben Recherche und Ausarbeitung der Tour gedauert. „Am Anfang haben wir uns gefragt, ob wir überhaupt genug Material finden, aber dann wurde es immer mehr und mehr“, sagt Lars. Die Rolle Luxemburgs in der Entwicklung der Kolonialgebiete ist wenig erforscht. Eine gesellschaftliche Debatte fehlt.

Ankündigung der Menschenausstellung 1929

Ankündigung der Menschenausstellung 1929

„Wir wollen aufzeigen, wie groß dieses Thema ist“, sagt Lars. „Und dann in der Folge natürlich zu fordern, hier muss mehr gemacht werden. Das soll ein erster Ansatz sein und wir hoffen, dass andere da nachziehen. Es wird in der Schule nicht behandelt, weil es nicht als ein Teil der luxemburgischen Geschichte gesehen wird.“ Einen PhD-Posten habe die Regierung im vergangenen Jahr für die Aufarbeitung dieses Kapitels an der Uni geschaffen, zu wenig, bemängelt Lars. Der Kongo ist ein Beispiel dafür, dass Luxemburg, obwohl kein offizieller Kolonialherr, Einfluss auf die Entwicklungen vieler besetzter Gebiete genommen hat. Die Rolle Luxemburgs im Kongo ist inzwischen durch die Forschungsarbeit des Historiker Régis Moes etwas bekannter. „Es ist wichtig, die Einzelteile aus dieser Perspektive des Kolonialismus zusammen zu betrachten.“

Das Volkslied wurde im vergangenen Jahr vom INECC (Institut Européen de Chant Choral) neu verbreitet, samt dritter Strophe, die die Menschen im Kongo als Affen und die Luxemburger als Heilsbringer inszeniert. 1885 wurde der Kongo König Leopold dem II. als Privatbesitz zugesprochen. In der Freihandelszone wurde eine Bahnstrecke am Fluss entlang gebaut, um Ressourcen vom Innenland an die Küste zu bringen, der Kolonialherr Nicolas Cito aus Bascharage war verantwortlich. Nach hiesiger Ansicht ein Aufschwung für die Menschen im Kongo. Doch Lars Schmitz kontert: „Die wirtschaftliche Ausbeutung mit der Infrastruktur war nur gebaut, für Vorteile, die europäische Firmen darin gesehen haben. Straßen, Schienennetze waren überhaupt nicht nützlich für den Alltag der Bevölkerung, um eine Nation aufzubauen, ein Miteinander. Die waren nur sinnvoll, um Ressourcen nach Europa zu bringen.“ Luc fügt hinzu: „Die Hälfte der Bevölkerung ist bei der Sklavenarbeit ums Leben gekommen.“

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Denkmal des Kolonialherren Nicolas Cito in Bascharage

Im vergangenen Jahr hat Richtung22 mit einer Kunstaktion am Monument von Nicolas Cito in Bascharage Aufsehen erregt. Reaktionen auf diese Aktionen sind oft negativ. Schnell fallen die Worte Cancel Culture und der Vorwurf, das Kollektiv wolle das Ansehen beschmutzen und in den Dreck ziehen. Rassismus sei zu der Zeit nun mal üblich gewesen. „Das war auch zu der Zeit nicht moralisch legitim“, sagt Lars. „Humboldt ist um 1800 um die Welt gereist und war ein entschiedener Gegner des Kolonialismus. Wir wollen auch nichts canceln, sondern im Gegenteil, in Kontext setzen. Bei Nationalhelden wird ein Mythos geschaffen, wo ganz bewusst Dinge weggelassen werden, eine Propaganda passiert. Wir wollen Aspekte der Geschichte sichtbar machen, von denen ich denke, dass sie besser erklären, wie die Gesellschaft funktioniert als diese Mythenfiguren des guten Kolonialherren.“

Am Beispiel Kongo bedeutet das: „Wir haben heute dieses Bild von einer schwachen afrikanischen Nation, einem Failed State, der es nicht schafft, sich selbst zu organisieren. Dieses Bild steht im Gegensatz zu dem, was wir von einer organisierten Kolonie in Erinnerung haben. Die Kolonisatoren sind raus, das Chaos bricht aus. Aber der Zusammenhang fehlt. Das ist nicht naturgewachsen.“

Wir halten am Gebäude des Ordens St. Elisabeth und Luc sagt: „Auch als der Kongo selbstständig wurde, war die Kirche noch immer präsent. 1960 war in der drittgrößten Stadt des Kongos ein Luxemburger Erzbischof.“ Lars erklärt, die Kirche habe einen großen Einfluss gehabt, wie die Menschen zu sehen sind, und hätten das Bild der seelenlosen Wilden geprägt. „Die Schwestern von St. Elisabeth waren am längsten noch mit Missionen auf dem afrikanischen Kontinent, im Togo, in Benin und im Kongo, noch bis 2011“, sagt Lars. Auch seien Luxemburger Jesuiten an der Missionierung in Mittel- und Südamerika durch die Spanier und Portugiesen beteiligt gewesen.

Der Start der Tour ist an der Villa Louvigny. Wo heute das Gesundheitsministerium ist, war früher ein Veranstaltungshaus. Luc setzt zu einer Geschichte an, in der die Wörter Menschenzoo, Weiber, nackt, gefangen und Spektakel prominent sind. „Im Jahr 1900 gab es hier eine Ausstellung, die hieß ‚Exhibition et spectacle des amazones du Dahome‘.“ Dahome ist der frühere Name des afrikanischen Landes Benin, kurz vor der Jahrhundertwende wurde das Land von Frankreich kolonialisiert. „Die Franzosen haben die Kriegsgefangenen, die Amazonen, von denen hier die Rede ist – das war ein weiblicher Elitetrupp an Kämpfern – hier nach Europa gebracht und als Ware, oft nackt, zur Schau gestellt.“ Solche Menschenausstellungen habe es noch vor hundert Jahren oft gegeben. „Sie wurden entmenschlicht und der Bevölkerung war das gar nicht so klar, weil sie als Wilde dargestellt wurden. Das ist eine Hierarchisierung von Menschen.“ Lars fügt hinzu: „Das war für viele der erste Kontakt, den sie zu Menschen von einem anderen Kontinent hatten. Da wurde ein bestimmtes Bild aufgebaut, das eine Wurzel für die Stereotypen, die wir heute haben.“

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Die Villa Louvigny im Stadtpark

In der Tour „Decolonize Luxembourg“ geht es auch dem Luxemburger Wohltäter Pescatore an den Kragen. Wir laufen weiter durch den Stadtpark vorbei an der Villa Vauban, die bei Erbauung noch Musée Jean-Pierre Pescatore hieß, nach dem Stifter der Kunstsammlung. 500.000 Franc war diese wert, noch einmal die gleiche Summe spendete er für die Fondation, von der das Altenheim im Park Pescatore gebaut wurde. „Das ist einer der Orte, an dem der koloniale Reichtum in Luxemburg noch sichtbar ist“, sagt Lars. Die Frage, die wir hier aufwerfen wollen, ist, wie konnten einige Regionen der Welt reich werden, während andere diese Entwicklung nicht mitgemacht haben? Die Familie Pescatore war sehr einflussreich und man muss sich fragen, woher das Geld kommt.“ Er erzählt, im Jahr 1817 sei in Kuba das Monopol der spanischen Krone auf den Export von Tabak gefallen. Die Liberalisierung habe die Familie Pescatore genutzt, um eine Monopolstellung für den Tabakexport nach Frankreich zu organisieren. „Einige Jahre lang waren sie die einzigen, die Tabak von Kuba nach Frankreich exportieren durften, und sind unfassbar reich geworden. Auf den Plantagen arbeiteten Sklaven, der Profit war komplett auf einer Seite, auf der anderen blieb gar nichts übrig, um irgendetwas aufzubauen.“ Das Stadtbild beeinflusse bei Besuchern heute noch die Bewertung von Städten und Ländern.

Kolonialer Reichtum ist eines von drei Kapiteln, in die die 29 Stationen eingeteilt sind. Die restlichen beschäftigen sich mit den Themen Macht und Institutionen und koloniale Wurzeln des Rassismus. Sie zeigen, wie bestimmte Luxemburger an sehr hohe Positionen in den Kolonien kamen, erklären, dass Luxemburger Söldner in den Java-Kriegen in Indonesien gekämpft haben, und fragen, wie irgendjemand noch die Teilhabe Luxemburgs in der Kolonialisierung bestreiten kann, wenn doch 1925 der Cercle Colonial Luxembourgeois als Dachverband der in den Kolonien tätigen Luxemburger gegründet wurde.

Seit dieser Woche ist die Tour „Decolonize Luxembourg“ auch als App verfügbar. Infos unter www.richtung22.org

 

Text: Franziska Peschel
Fotos: Richtung22, Philippe Reuter (3)

Author: Dario Herold

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