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Klimastreik oder Klimaschultag?

Nach einer pandemiebedingten Pause haben die Klimastreiks der Jugendlichen dieses Jahr Ende September wieder in vielen Ländern stattgefunden. So auch in Luxemburg. Einige Gedanken des Philosophen Norbert Campagna*.

Am Anfang war Greta Thunberg. Die schwedische Schülerin traf vor einigen Jahren – genauer: 2018 – die Entscheidung, freitags nicht zur Schule zu gehen, sondern vor das schwedische Parlament. Aus dieser Initiative entstand dann die „Friday for Future“-Bewegung.

Dass die Jugendlichen sich weltweit Sorgen um den Klimawechsel machen, ist verständlich und vollkommen legitim, werden sie und ihre Kinder doch in Zukunft die Hauptleidtragenden der globalen Klimakrise sein, deren erste Anzeichen wir jetzt schon auf eine dramatische Weise erleben – auch wenn man natürlich nicht jedes schlimme Klimaereignis als Konsequenz des Klimawechsels deuten darf.

Dass die Jugendlichen ihrer Sorge auf der Straße Ausdruck verleihen, ist an und für sich auch legitim. Was mich nur stört, ist, dass dies während der Schulzeit geschieht. In meinen Augen sollte man statt des Schulstreiks einen ganzen Schultag – den Klimaschultag – darauf verwenden, die Schüler und Schülerinnen so vollständig wie möglich über die unterschiedlichen Aspekte der Klimafrage aufzuklären. Damit wäre der Sache meines Erachtens mehr gedient als mit einer Demonstration, wo hohle Sprüche und lautes Geschrei eine sachliche Auseinandersetzung mit einer im wahrsten Sinne des Wortes brennenden Menschheitsfrage ersetzen.

Ohne im Folgenden den detaillierten Verlauf eines solchen der Klimakrise gewidmeten Schultags zu präsentieren, möchte ich nur einige allgemeine Hinweise geben, wie man sich den Ablauf eines solchen Tages vorstellen könnte.

Statt des Schulstreiks sollte man einen ganzen Schultag darauf verwenden, die Schüler und Schülerinnen über die unterschiedlichen Aspekte der Klimafrage aufzuklären.

Das Thema Klimakrise kann in vielen Fächern diskutiert werden. Im Fach Geographie, das sich mit der rein meteorologischen Dimension der Frage befasst. Hier könnte man den Schülern und Schülerinnen die nötigen wissenschaftlichen Informationen liefern, ohne die es kein klares Bewusstsein der Klimakrise geben kann, sondern lediglich eine diffuse Angst. Lehrer der Fächer Geschichte und Ökonomie könnten die Jugendlichen über die geostrategischen und ökonomischen Dimensionen der Klimafrage aufklären und mit ihnen die Frage diskutieren, wie man Länder wie China, Indien oder die Vereinigten Staaten dazu bringen kann, ihre CO2-Emissionen drastisch zu senken.

Denn wie tugendhaft wir Luxemburger auch in Klima- und Umweltsachen sein mögen, solange die Großen nichts tun, sind unsere Anstrengungen für die Katze oder den Kater. Hier sollte den Jugendlichen auch klar gemacht werden, dass aufgrund der komplexen politischen, sozialen, ökonomischen, usw. Verhältnisse eine, wie die Franzosen sagen würden, „il n’y a qu’à“- Politik Unsinn ist. Politiker, die es ehrlich meinen, haben es heute nicht einfach und stehen vor der Frage, wie viel Wasser sie in ihren Wein schütten sollen, wenn sie überhaupt eine Aussicht auf einen minimalen Erfolg haben wollen.

DSC_6579-KopieDie Geschichtslehrer, die meistens auch Bürgerkundelehrer sind, könnten den Jugendlichen auch klar machen, dass man in einer parlamentarischen Demokratie nicht primär mit der Regierung diskutieren sollte, sondern mit dem Parlament. Insofern, so eine Bemerkung, die ich hier machen möchte, versetzt die Bewegung „Youth for Climate“ der parlamentarischen Demokratie einen Dolchstoß, wenn sie sich primär an die Regierung wendet. Es wird höchste Zeit, dass wir uns wieder der Tatsache bewusst werden, dass die exekutive Gewalt die Dienerin der legislativen Gewalt ist, und dass das Volk sich an Letztere zu wenden hat. Doch schließen wir diese Klammer und sehen wir, wie auch noch andere Fächer in einen Klimaschultag eingebunden werden können.

Als Philosoph würde ich über die Klimaethik sprechen, die in der Zwischenzeit zu einer florierenden Unterdisziplin der Angewandten Ethik geworden ist. Hunderte von Büchern und Tausende von Aufsätzen behandeln das Thema und bieten einen Überblick über fundamentale Fragen und über mögliche Lösungsansätze, wobei ganz oft die transnationale und generationelle Gerechtigkeitsfrage aufgeworfen wird (siehe: Norbert Campagna, ‚Climate migration and the State’s duty to protect‘. In: De Ethica. A Journal of Philosophical, Theological and Applied Ethics. Vol 1: 3. 2015. P. 5-21).

In diesem Kontext wäre es auch angebracht darauf hinzuweisen, dass es nicht nur die Politiker sind, die mittels Gesetzen das Verhalten der Großindustriellen verändern können, sondern dass unser eigenes Konsumverhalten eine solche Veränderung herbeiführen kann und dabei wahrscheinlich viel wirksamer ist als die Politik. Wenn ein Industrieller weiß, dass es keinen Absatz mehr für seine klimafeindlichen Produkte gibt, dann wird er ihre Produktion aufgeben. Hier müsste man auch auf die Zusammenhänge zwischen der Politik und der Industrie hinweisen und auf die Macht der Industriellen über die Bestimmung der politischen Agenda.

Auch die Sprachenfächer können mobilisiert werden, indem man sich dort mit literarischen Texten befasst, in welchen die Klimakrise oder Klimaproblematik aufgegriffen wird. Während Sachtexte eher die rationale Dimension unserer Psyche ansprechen, wenden sich literarische Texte eher, wenn nicht sogar in allererster Linie, an die ästhetische Dimension unseres menschlichen Seins.

Genauso wie es falsch wäre, nur letztere zu berücksichtigen und Abschied von der Vernunft zu nehmen, unter dem Vorwand, dass es die Vernunft ist, die uns in die Krise geführt hat – es war die rein instrumentelle Vernunft, die sich in der Moderne gegen die praktische Vernunft durchgesetzt hat –, wäre es falsch, sich nur auf die Vernunft zu verlassen und auf die motivierende Kraft unseres ästhetischen Gefühls zu verzichten.

Am Schluss des Klimaschultages könnte man die Jugendlichen dazu anregen, über ihr eigenes Konsumverhalten nachzudenken und sich vorzunehmen, in Zukunft bestimmte Dinge zu tun oder nicht zu tun. Ich denke nicht, dass viele Jugendliche sich nach der Teilnahme an der Klimademonstration mit ihrem eigenen Verhalten befasst haben. Die Teilnahme an der Demonstration verlangte kein Opfer von ihnen, umso mehr als das Erziehungsministerium ihnen die Möglichkeit gab, ihr Fernbleiben von der Schule als entschuldigt anerkannt zu sehen.

Der hier präsentierte Klimaschultag würde von den Jugendlichen verlangen, dass sie von acht Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags, selbstverständlich mit einer Mittagspause, die Schulbank drücken und sich während dieser Zeit die Mühe geben das zu verstehen, was man ihnen zu erklären versucht. Auf diese Weise können sie dann über die Informationen verfügen, ohne die man sich keine aufgeklärte Meinung bilden kann. Und eine Meinung hat nur dann einen Wert, wenn sie aufgeklärt ist und nicht lediglich auf einen blöden Spruch reduziert wird.

Während „Youth for Climate“ und das Erziehungsministerium den Jugendlichen einen freien Schultag schenken, habe ich ihnen mit meinen Klimaschultag eigentlich nur „information, self-questioning, toil and reflexion“ anzubieten. Wer bereit ist, Letzteres über sich ergehen zu lassen, zeigt, dass er die Klimafrage wirklich ernst nimmt.

Text: Norbert Campagna // Fotos: Alain Rischard (Editpress)

* Eine Entgegnung folgt in einer der nächsten Ausgaben.

Author: Philippe Reuter

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