Mit Legosteinen eine funktionstüchtige Kamera bauen, Negative künstlich altern lassen, Abzüge bleichen oder mit Kaffee und Vitamin C den Bildkontrast erhöhen und die Entwicklung beschleunigen: Das „Handbuch der analogen Kreativtechniken“ bietet Experimentierfreudigen die Gelegenheit, das Hobby von einer ungewöhnlicheren Seite kennenzulernen.
Ob mit Smartphone oder mit der Spiegelreflexkamera: Nie war die Fotografie zugänglicher als heute. Immer mehr Fotografen besinnen sich zurück auf die Zeiten, als es mehr als einen Druck auf einen Auslöser brauchte, um ein Bild zu machen – und damit ein kleines Kunstwerk herzustellen: die analoge Fotografie.
Dabei benötigt man, um Fotos zu machen, nur drei Zutaten: Licht, eine Öffnung, die das Licht bündelt und ein Medium, welches das Ergebnis sichtbar macht. Und schon hat man ein Grundrezept, mit dem man allerhand Freiraum für Experimente besitzt. Im „Handbuch der analogen Kreativtechniken“ finden sich auf 236 Seiten Ideen, die, sagen wir einfach mal, anders sind.
Da ist etwa das Kapitel „Kameralose Fotografie“. Wie, fotografieren ohne Kamera? Ja, das geht. Ob Bauanleitung für eine Camera obscura, Tipps zum Einrichten einer Dunkelkammer oder Anleitungen zum Erstellen von Fotogrammen, Lumen Prints oder Cliché-Verre: Auch Kreative, die keine Kamera besitzen, können mit diesen Kniffs vielleicht noch Neues lernen. Infos zum Ursprung der Techniken, aber auch zu Künstlern, die diese anwandten, runden die Erläuterungen, die kompakt und verständlich gehalten sind, ab. Wer kreativ ist, aber dennoch nicht auf eine Kamera verzichten will, für den ist vielleicht das folgende Kapitel interessant: Hier dreht sich nämlich alles um Eigenbau-, Spielzeug und Einwegkameras. Folgt man den Anweisungen im Buch, kann man schon bald eine Lochkamera oder eine Legotron – eine Kamera, gebaut aus Legosteinen oder aber aus Büchern – warum eigentlich auch nicht – sein Eigen nennen.
Operative Eingriffe, Experimente mit Abzügen und Techniken sowie Experimente mit dem fertigen Abzug – die Namen dieser Kapitel klingen irgendwie kompliziert. Doch die Anleitungen zum Herstellen von Fotos mittels Verfahren wie Kallitypie, Sonnenbrandfotografie oder Salzdruck sind klar und verständlich geschrieben, alles was man benötigt sind die vorgesehenen Materialien sowie Zeit und Muße. Die Interviews mit Fotografen, die zwischen den Anleitungen eingebracht sind, vervollständigen das Werk. Es erzählt etwa Ruth Erdt, die sich auf Fotogramme spezialisiert hat, oder Kwanghun Hyan, der Lochkameras aus Schweizer Uhrwerken baut. Aber: Ein Grundverständnis analoger fotografischer Vorgehensweise sollte vorhanden sein, um die beschriebenen kreativen Techniken umsetzen zu können. Denn auch, wenn eine Kurzanleitung zum Einrichten einer Dunkelkammer im Buch zu finden ist, fällt diese doch etwas knapp aus. Ein bisschen praktische Erfahrung kann da sicher von Nutzen sein.
Text: Cheryl Cadamuro Fotos: Prestel

Mehrfachbelichtung: Nette Kunstwerke kann man mit der Mehrfachbelichtung erschaffen. Sie wird gerne zur Manipulation oder bewussten Überlagerung eines Bildes eingesetzt. Der Effekt entsteht, wenn zwei oder mehr belichtete Aufnahmen übereinander zu einem Bild zusammengefügt werden.
Legotron: Diese Mittelformatkamera – die tatsächlich funktioniert – besteht aus Legosteinen und gebrauchten Kamerateilen. Gebaut wurde sie von dem Fotografen Cary Norton, der auch dieses Bild gemacht hat.
Lomografie: Statt digitaler Kameras setzen Lomography-Anhänger auf einfache und preiswerte Kameras aus der Sowjetunion. Diese Lomografie wurde mit einer solchen Kamera, einer Fisheye-One, gemacht. Besonders gut kommen die Fotos auf sogenannten Lomo-Wänden – bei denen bestenfalls Hunderte oder gar Tausende der kleinen Bilder hängen – zur Geltung.
Streifenfotografie: Bei dieser Technik handelt es sich um verzerrte Bilder mit psychedelischer Farb- und Formwirkung. Eine Aufnahme setzt sich aus nacheinander aufgenommenen Bildstreifen zusammen.
Upcycling: Der serbische Künstler Brana Vojnovic bastelt gerne. Hier zu sehen: Drei von ihm modifizierte Mittelformatkameras.
Sonnenbrandfotografie: So nennt der Künstler Chris McCaw diese spezielle Art, Fotos zu machen. Benötigt wird nur ein Objektiv, Licht, Fotopapier – und Zeit.




Kallitypie (Van-Dyke-Verfahren): Ähnlich wie die Cyanotypie werden zur Herstellung von Kallitypie-Bildern Eisensalze verwendet. Das Verfahren wurde 1889 patentiert – und nach dem flämischen Barockmaler Antoon Van Dyke benannt. Foto: Cristobal Pereira.


