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Kunterbunter Neuanfang

2019 nahm das Leben von Ghislaine De Poorter eine neue Wendung. Nach über 20 Jahren in der Finanzbranche entwirft und näht sie farbenfrohe Stoffdekorationen unter ihrem eigenen Label „Made by Ghigi“. Ein Neustart mit fast 50 Jahren.

In der wintergrauen Hauptstadt leuchtet das Schaufenster des Pop-Up-Stores in der rue Philippe II wie eine bunt gemischte Oase in der Wüste. Eine Fata Morgana ist es mit Sicherheit nicht, doch in der fast menschenleeren und verregneten Fußgängerzone ist es eine farbenfrohe, erfrischende Überraschung. In der Vitrine ausgestellt, handliche Pochetten, praktische Bezüge für Hocker, weiche Kissen, Mundschutzmasken mit tollen Motiven, Strandkörbe und viele andere exotische Stoffdekorationen. Ganz rechts im Ladenfenster, fast zu übersehen in einer Ecke, das Kernstück un-
serer Geschichte: eine antike Nähmaschine der Marke „Singer“, vermutlich aus den 50er Jahren. Sie ist in intaktem Zustand, trotz jahrelangem Einsatz. Vor allem aber hat sie, ganz unbewusst, das Schicksal der kleinen Ghigi dauerhaft beeinflusst und geprägt.

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„Es war die Nähmaschine meiner Patentante“, verrät Ghislaine De Poorter. „Als ich klein war, zeigte sie mir, wie man näht, häkelt usw. Doch aus ungeklärtem Grund hatte ich diese Erinnerungen viele Jahre im Hinterkopf gelassen. Als hätte es all dies nie gegeben“.

Der Tod ihrer Patentante war wie ein plötzlicher Auslöser. Die alte Dame hatte ihr die wertvolle Nähmaschine vererbt. Und mit ihr kommen die Kindheitserinnerungen plötzlich alle wieder hoch. Es war wie eine Offenbarung. „Ich habe Nähunterricht genommen“, erinnert sich die 49-Jährige. „Zahlreiche Stunden habe ich hinter dieser Nähmaschine verbracht. Das hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. Ich fing an, unterschiedliche Stoffe zu kaufen, und in meinem Kopf keimte bereits die Idee von dekorativen Objekten.“

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Diese beginnende Wendung ist jedoch kein Zufall. Ghislaine De Poorter steht an einem Scheideweg. „Kurz bevor ich 40 wurde, fing ich an, mir viele existenzielle Fragen zu stellen. Ich denke, wenn man älter wird, sucht man nach einem Sinn in seinem Leben.“ Ein Hinterfragen und ein langsamer Kurswechsel, der sowohl das Privat- als auch das Berufsleben beeinflusst. Neue Wege sind oft das Zeichen einer tiefgreifenden Veränderung. Ghislaine De Poorter war auf professioneller Ebene nicht mehr glücklich. Die Arbeit in der Bank machte für sie keinen Sinn mehr. „Zu beklagen war ich nicht“, möchte sie klarstellen. „Ich hatte ein gutes Gehalt und einen interessanten Job. Aber trotzdem fühlte ich mich fehl am Platz. Und irgendwann war mir das alles zu viel und ich hatte schlussendlich einen Burn-out.“
Zu behaupten, eine antike Nähmaschine hätte den Lauf ihres Lebens verändert, wäre vielleicht ein bisschen übertrieben, trotzdem war sie ein wichtiger Beweggrund. „Ich hatte diese Kreativität tief in mir, aber ich habe sie lange missachtet“, meint die frischgebackene Schöpferin.

Nach fast 20 Jahren in der Finanzbranche kündigt Ghislaine Anfang 2018 schlussendlich ihren sicheren und gut bezahlten Job. Bedauert hat sie es, ihrer eigenen Aussage nach, keine Sekunde.

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„Heute mache ich, was mir gefällt. Und das ist unbezahlbar. Ich fühle mich frei. Nur arbeiten, um viel Geld zu verdienen, das macht doch keinen Sinn. Davon bin ich fest überzeugt“, betont sie mit ernster Stimme. „Was wir jeden Tag vollbringen, soll uns etwas Positives bringen.“ Aus einem eher dunklen Lebensabschnitt wurde etwas unendlich Positives, Buntes, Fröhliches. Etwas Konkretes, das ganz ihrer Lebensphilosophie und ihren persönlichen Wünschen entspricht. „Ich habe bunte Stoffe schon immer geliebt. In Bezug auf die Dekoration macht dies den Unterschied. Ein Hauch von Farbe in einem oft neutralen, skandinavisch inspirierten Interieur. Das gibt Pep. Und die vielen Blumen- und Pflanzenmotive geben einen leicht exotischen Touch.“

Ghislaine ist eine wahre Autodidaktin. Eine Designerin, die sehr viel Wert auf ihr Bauchgefühl, ihre Empfindungen und Eindrücke legt. Bei der Auswahl der kunterbunten Stoffe, die hauptsächlich aus Frankreich, aber auch aus Belgien und den Niederlanden stammen, vertraut sie vor allem ihrem kreativen Instinkt. „Es ist wirklich Handwerkskunst und dementsprechend ist jedes Modell einzigartig. Es erfüllt mich mit Freude, etwas erschaffen zu können. Vom Anfang bis zum Ende. Das ist etwas sehr Konkretes und das hatte mir bis dahin in meinem vorherigen Berufsleben gefehlt“, schildert sie begeistert.

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Den schnellen Erfolg ihrer Marke, die übrigens mit dem Label „Made in Luxembourg“ ausgezeichnet wurde, hat sie der Corona-Pandemie zu verdanken. Mit der Herstellung von Mundschutzmasken aus buntem Stoff und vielfaltigen Mustern hat sie sich einen Namen gemacht und ihren dekorativen Kreationen Sichtbarkeit und Anerkennung verschafft. „Ich habe Tausende Masken über meinen Onlineshop verkauft. Es war fast unglaublich. Bis nach New York habe ich welche verkauft. Es war absolut nicht geplant, aber es hat mich bekannt gemacht und den Verkauf meiner anderen Kreationen angekurbelt“, verrät sie amüsiert.

Zurzeit zahlt sich Ghislaine ein Gehalt aus, wenn es der Verkauf ihrer Produkte zulässt. Entmutigen tut sie das nicht. Bis zum 15. April hat sie sich in einem Pop-Up-Store in der hauptstädtischen Innenstadt niedergelassen und hofft auf neue Kunden. Sie weiß, dass sie es schaffen wird. Davon ist sie fest überzeugt, denn wer im Leben erfolgreich sein will, muss einen Traum haben und sich alle Mittel geben, um ihn zu verwirklichen.

Fotos: Philippe Reuter

 

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Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Dario Herold

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