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Land im Meer

Für Urlauber sind die zeeländischen Inseln ein Traum. Für Einheimische ist das Leben in einer Welt, die aus Himmel und Erde besteht, etwas gewöhnlicher. Für Jeroen Hofman ist die Nordsee einfach nur schön.

Spektakulär sei nicht das, was man sieht. Vielmehr das, was man fühlt. Der warme Wind, die reine Luft. Doch dann schaut man auf den endlos weiten Strand, der bei Ebbe nackt und trocken ist, und kann verstehen, warum sich die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts in dieses Licht verliebt haben. Auch Jeroen Hofman ist den vielen unterschiedlichen Farben der Nordsee erlegen. Mal leuchtet das Meer so tiefblau wie der Himmel. Mal sieht es aus wie verblichenes Pergament. Oder wie grüne Grütze. Manchmal auch wie blühende Brombeersträucher. Wenn es sich allerdings schwarz färbt und zu fauchen beginnt, wird einem bewusst, wie klein und unbedeutend der Mensch angesichts der Kraft von Wellen ist.

Die bislang verheerendste Sturmflut führt ins Jahr 1953 zurück. Mit Spitzenwerten von 144 Stundenkilometern fegt ein Orkanwind am 31. Januar über die südholländischen Küsten. Dennoch feiert die Bevölkerung recht unbeeindruckt den Geburtstag von Prinzessin Beatrix. Sogar als der Sturm nach 22.30 Uhr die Gezeitenbewegung durchbricht und keine Ebbe einsetzt, das Wasser sich nicht zurückzieht, werden kaum konkrete Maßnahmen ergriffen. Als erste werden die schlecht unterhaltenen Deiche an der Südseite der Polder weggespült. Später folgen viele weitere. Insgesamt brechen in dieser Nacht 89 Dämme auf einer Strecke von 187 Kilometern. Überall werden Häuser und ganze Weiler fortgerissen. In den Niederlanden sterben über 1.800 Menschen, die meisten davon in der Provinz Zeeland, die am Morgen danach nur noch aus der Luft erreichbar ist. Die gute Nachricht: Noch während der Rettungsaktionen läuft eine beispiellose Spendenaktion an, und die Hilfsbereitschaft anderer Länder ist groß. Skandinavien liefert beispielsweise Baumaterialien und Holzfertigteile für den Bau neuer Wohnungen. Weshalb es in Zeeland viele Häuser im nordischen Stil gibt.

Jeroen Hofmans Fotografien erinnern an Gemälde niederländischer Maler des 17. Jahrhunderts.

Vor der Gefahr von Überflutungen warnten Wissenschaftler bereits in den 1920er Jahren. Immerhin liegt rund ein Viertel der Niederlande unter dem Meeresspiegel, und viele Schutzwalle waren entweder zu niedrig oder schlecht in Schuss. Heute gibt es Schutzstationen und die Deltawerke, das größte Sturmflutwehr der Welt. Es setzt sich aus 13 Bauwerken zusammen, wird auch als eines der sieben Weltwunder bezeichnet und zeigt, wie sich die Niederländer mit dem Wasser auseinandersetzen: vernünftig und nachhaltig. Trotzdem wären die zeeländischen Inseln, wie auch die Halligen in Deutschland, unter den ersten Gebieten, die Opfer des Meeresspiegelanstiegs werden und untergehen würden.

Doch nun zu den touristischen Pluspunkten des Inselreichs: Mit 650 Kilometern Küstenlinie, sauberen Stränden und einer kontrastreichen Natur ist Zeeland ein Paradies für Wanderer, Radfahrer und Vogelbeobachter. Bei Ebbe kann man im nicht eingezäunten Nationalpark Oosterschelde Austernfischer, Rotschenkel und Löffler dabei zuschauen, wie sie auf den trockenen Schlicken und Platten nach Nahrung suchen. Bei Flut ziehen sie sich in die Karrenfelder zurück. Und wenn man Glück, ein Fernglas und gute Augen hat, sind die Rückenfinnen vorbeischwimmender Schweinswale zu entdecken. Seehunde nehmen bei Niedrigwasser derweil gern ein Sonnenbad auf den warmen Sandbänken.

Jeroen Hofman hat mit seiner Kamera andere Naturerscheinungen eingefangen: die scheinbar endlose Welt aus Schlamm, Salzwiesen und Stränden, die sich mit den Gezeiten zweimal täglich verwandelt. Dabei wird seine Kamera zu einem Pinsel, der mit schlierigen Farbverläufen wunderbare Aquarellbilder schafft. Gleichzeitig widerspricht der niederländische Fotograf der Behauptung, dass die Sonne auf Zeeland freies Spiel hat. Es gibt durchaus tief hängende Wolken, die die Grenze zwischen Himmel und Erde verwischen. Alles in allem spiegeln die harmonischen Kompositionen die Schönheit der Nordsee wider, und nicht die Gefahren, denen die Küste ausgesetzt ist. Das Meer ist mächtiger als der Mensch. Es zu bändigen, bleibt eine große Herausforderung.

Text: Gabrielle Seil // Foto: Jeroen Hofman

Fotoausstellung bis
zum 15. September in der
Montée de l’Eglise in Clervaux,
www.clervauximage.lu

Author: Philippe Reuter

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