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Legendenstatus

Seit 21 Jahren ist Fonsi Grethen amtierender Fünfkampf-Billard-Weltmeister. Wir haben eine der Größen des Luxemburger Sports besucht und herausgefunden, womit er sich heutzutage die Zeit vertreibt.

In seinem Hobbykeller steht immer noch ein Billardtisch. Logisch, könnte man denken. Doch Fonsi Grethen hat mit seiner alten Liebe abgeschlossen. Den Billardstock rührt er seit über 20 Jahren nur noch in absoluten Ausnahmefällen an. Bildlich gesprochen, hat er sein sportliches Lebenswerk 2002 an den Nagel gehängt. Wörtlich hängen an seiner Kellerwand unzählige Medaillen von internationalen Turnieren: ein Attest für eine große Karriere, in der der Luxemburger – bei den Senioren – dreizehnmal Europameister und viermal Weltmeister wurde.

Den Weltmeistertitel trägt Grethen auch heute noch, rund 21 Jahre nach seinem letzten internationalen Match. Das Finale 2001 in Wien dauerte sechs Tage, nicht weniger als acht Stunden pro Tag, und endete am 25. März. Die Fünfkampf-Disziplin nennt Grethen heute noch „den Marathon des Billards“. Eine weitere Austragung dieser Disziplin gab es seit 2001 nicht mehr. Offiziell ist Grethen damit also seit nun 21 Jahren der amtierende Fünfkampf-Weltmeister im Billard.

„Snooker und Pool waren schon immer beliebter als der Fünfkampf. Die lange Dauer hat es unattraktiv für Fernsehübertragungen und somit auch für Sponsoren gemacht. Dass für die Disziplin danach Schluss war, wusste ich nicht. Es war aber auch nicht sonderlich überraschend.“ Dass für ihn nach 2001 Schluss war, stand allerdings bereits länger fest: „Mir war lange vor dem Turnier in Wien bewusst, dass ich bei einem Turniersieg aufhören werde. Es war der perfekte Moment, einen internationalen Schlussstrich zu ziehen.“

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Den richtigen, persönlichen Schlussstrich zu ziehen, war Grethen schon immer wichtig. „Ich wollte die Karriere zum bestmöglichen Zeitpunkt beenden. Das ist mir gelungen. Wenn ich heute zum Beispiel Sportler wie Roger Federer sehe, die in ihren letzten Turnieren nicht mehr an ihr altes Leistungsvermögen rankommen, tut mir das leid. Ich wollte die Sportlerbühne am Höhepunkt meines Schaffens verlassen.“ Das ist Fonsi Grethen mit dem Weltmeistertitel glanzvoll gelungen. Dabei hätte auch alles ganz anders kommen können.

 Mein erster Turniersieg war ein unglaubliches Gefühl. Aber in den Jahren danach flog mir das neugewonnene Selbstbewusstsein erst mal um die Ohren. Da habe ich dann lernen müssen, wie dünn die Luft in der Weltspitze ist.
Fonsi Grethen

„Mein Vater und Onkel haben schon immer Billard gespielt. Meine große Liebe als Jugendlicher war allerdings der Fußball. Damals haben wir noch die ganze Zeit gespielt. Egal ob auf der Straße, im Schulhof oder im Verein.“ Eine langwierige Knieverletzung, die der junge Fonsi Grethen nie so richtig loswurde, hat der Liebe zum runden Leder dann allerdings irgendwann die Luft genommen. Auf die Frage, wie seine Karriere ohne Verletzung verlaufen wäre, schmunzelt Grethen kurz: „Die Frage hat man mir oft gestellt. Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte ich nie so richtig mit dem Billard begonnen. Vielleicht doch.“ Geprägt vom Verletzungspech, widmete sich der damals 15-Jährige fortan also dem grünen Tisch und den etwas kleineren Kugeln.

Und dort ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten. Mit 16 Jahren gewann Fonsi Grethen sein erstes internationales Turnier. „Das war ein unglaubliches Gefühl. Aber in den Jahren danach flog mir das neugewonnene Selbstbewusstsein erstmal um die Ohren. Da habe ich dann lernen müssen, wie dünn die Luft in der Weltspitze ist.“ Es folgten zwei, drei harte Jahre, in denen Grethen immer wieder lernen musste, was es bedeutet, sich im Spitzensport etablieren zu wollen. „Das war sportlich mit Sicherheit die komplizierteste Zeit. Aber Aufhören, Aufgeben kam für mich nie infrage.“

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Fonsis Antwort auf diese Phase war mehr Training. Interessanterweise trainierte Grethen zum Großteil ohne Trainingspartner. „Natürlich kann man manchmal mit einem anderen Spieler trainieren. Am Ende des Tages spielst du aber sogar in den Situationen gegen dich selbst. Du hast zwar einen Gegner, aber du kannst sein Spiel nicht beeinflussen.“ Durch die Individualität des Sportes verbrachte Grethen viel Zeit allein im Familienkeller: nur er, sein Billardstock und der Tisch.

Diese intensive und einsame Trainingszeit sorgte bei seinem Karriereende 2002 auch für einen harten Stopp. „Ich habe irgendwann die Liebe für den Sport verloren. Ich wollte nicht mehr allein, eingesperrt in einem Raum meine Zeit verbringen.“ Also tauschte Grethen den Billardstock gegen den Golfschläger. „Golf ist auf der einen Seite die perfekte Ergänzung zum Billard und auf der anderen Seite das komplette Gegenteil. Der Sport an sich hat sehr viel mit Konzentration und Präzision zu tun. Aber man befindet sich eben an der frischen Luft und ist unter Leuten, spricht miteinander.“

Neben dem Golf hat Fonsi Grethen nach seinem Karriereende ebenfalls eine Affinität für die Natur entwickelt. „Es ist nicht so, dass ich wahnsinnig begeistert bin von jedem Strauch oder Baum. Aber nach diesen langen Jahren in dunklen Räumen ist die Natur und dieses Gefühl, das ich habe, wenn ich in der Natur wandere, einfach unvergleichlich.“ Unvergleichlich sieht Grethen auch seine Karriere: „Ich bin schon sehr stolz auf das, was ich erreicht habe. Ich glaube nicht, dass mir das jemand aus Luxemburg so schnell gleichtun wird.“

Der mittlerweile 61-jährige Fonsi Grethen ist stolz auf sein sportliches Lebenswerk, bemüht sich allerdings, nicht zu dick aufzutragen. Auf die Frage, wie es sich anfühlt zu wissen, dass Billard unter Spielern hier im Land immer noch „Fonsis Sport“ genannt wird, kann Grethen nur schmunzeln. Grethen weiß um seinen Status im Luxemburger Sport. Er weiß, dass er eine der wenigen echten Luxemburger Sportlegenden ist, und er ist damit sichtlich zufrieden.

Text: Daniel Baltes Fotos: Julien Garroy (Editpress), Marcel Nickels, Carlo Pallucca

Fonsis Fußstapfen

Einen zweiten Fonsi werde es nicht geben, versicherte der Verbandspräsident. Die Fußstapfen der Legende sind groß. Das weiß auch Lenny Pallucca. Der 20-jährige Abiturient spielt seit sieben Jahren „Fonsis Sport“: „Immer, wenn mich jemand nach meinem Sport fragt und ich mit Billard antworte, fällt der Name Fonsi Grethen.“ Pallucca spielt für Cercle de Billard in Düdelingen und zählt zu den größten Talenten in Luxemburg. „Ich trainier vier- bis fünfmal die Woche und habe noch vieles vor.“ In diesem Sommer macht Pallucca Abitur, danach will der junge Mann Psychologie studieren. Auch sportlich hegt Pallucca Ambitionen. Die Junioren-Europameisterschaft in diesem Jahr verpasst er examensbedingt, bei den kommenden Kontinentalmeisterschaften will er angreifen: „Mein erstes Ziel ist eine Medaille bei den Europameisterschaften. Danach geht es weiter.“

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Lenny Pallucca hofft bei seinen nächsten Junioren-Europameisterschaften auf eine Medaille.

Author: Dario Herold

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