Home » Home » Liegend durch den Wald

Liegend durch den Wald

Back To Sport ist eine Vereinigung, die sich an Menschen mit eingeschränkter Mobilität richtet und ihnen sportliche Aktivitäten trotz ihres Handicaps ermöglicht. Trainingsbesuch im Bambësch.

Viel Andrang an diesem letzten Oktober-Mittwoch im Bambësch. Mehrere Kleinlaster mit Anhänger fahren auf dem Parkplatz vor, um ihre Ladung, Liegeräder in allen Farben, abzuladen.

Die ersten Trainingsteilnehmer sind auch schon vor Ort, begrüßen sich gegenseitig und unterhalten sich aufgeregt über die vergangenen gemeinsamen Rundfahrten und über die Strecke, die heute auf sie wartet. Wenn auch verschiedenen Alters, gemeinsam haben sie eines, nämlich dass sie in ihrer Mobilität eingeschränkt sind.

Michael ist der Mechaniker der Gruppe.

Michael ist der Mechaniker der Gruppe.

Back to Sport ist eine Vereinigung, die genau ihnen, trotz ihres Handicaps, die Möglichkeit gibt, Sport zu treiben und an ihre Grenzen zu gehen. Und zwar derart, dass einige von ihnen, so zum Beispiel Carlos (auf unserem Bild auf Seite 4) mit Höchstleistungen bei internationalen Wettbewerben auftrumpft. Carlos sitzt bereits auf seinem Liegerad und erzählt von seinen rasanten Rundfahrten der vergangenen Monate. Die weiteren Teilnehmer, längst nicht alle derart athletische Spitzensportler, hören gebannt zu und nehmen sich vor, Carlos nachzuahmen. Natürlich auf ihrer Leistungsstufe und mit ihren körperlichen Mitteln. Denn das ist das Interessante an dieser Gruppe: Hier treffen sich Freizeitsportler mit den verschiedensten Behinderungen und demnach unterschiedlichsten Möglichkeiten. Mithalten kann aber jeder. Man passt sich halt an, sodass auch der Schwächste seine Freude an der gemeinsamen Ausfahrt hat. Über Krankheit und Behinderung wird übrigens wenig geredet.

In der Zwischenzeit packt Michael sein Handwerkszeug aus und legt es fein säuberlich wie ein chirurgisches Besteck aus. Michael, den alle als ihren Mechaniker schätzen, kennt jede Schraube an den Liegerädern und nimmt letzte Feinjustierungen vor. Währenddessen erklärt er die Eigenarten der verschiedenen Modelle, weiß auswendig von Newtonmeter, Watt, Höchstgeschwindigkeit, Fahreigenschaften und vielem mehr zu berichten. Nach fünf Minuten ist klar: Der Mann versteht sein Handwerk!

Jedes Liegerad, das hier zum Einsatz kommt, ist ein dreirädriges Modell, also ein Trike, das an die Bedürfnisse seines Fahrers oder seiner Fahrerin angepasst ist. Die einen gibt es mit Pedalen für den Fußantrieb, die anderen, die Handbikes, mit Kurbelantrieb. Ein Elektromotor sorgt für den nötigen Antrieb bei anspruchsvollen Passagen, Unterschenkelstützen und weitere Hilfsmittel kommen zum Schub, wo es nötig ist. All das wird von Michael fein eingestellt, bevor es auf die Strecke geht.

Da hatte ich Tränen in den Augen. 

Xavier, der Präsident der Vereinigung, erklärt noch kurz den Parcours, weist auf die Schwierigkeiten hin, und schon geht es los, durch den Bambësch. Eine Stunde dauert die Fahrt, mit hinterlistigen Steigungen und flotten Abfahrten. Und damit jeder unterstützt werden kann, begleiten Xavier und seine beiden Helferinnen Aurelie und Laurence die unternehmungslustige Bande per Mountainbike. Die sind wendiger und gestatten es jederzeit mal abzusitzen und Hilfe zu leisten, wenn Unterstützung gerade benötigt wird.

Pit und Lily

Pit und Lily

Mit uns zurückgeblieben ist Pit, der diesmal nicht mitfahren darf. Wegen einer Augenoperation muss er einige Wochen pausieren. Dennoch hat er darauf bestanden, vor Ort zu sein, um seine Trainingspartner anzuspornen. Das Radfahren fehlt ihm, weiß seine Gattin Lily zu berichten. Pit war ein Weltenbummler zu Rad, legte Tausende Kilometer zurück, in den entferntesten Regionen der Weltkugel. Bis ihn plötzlich ein Schlaganfall niederschmetterte. Die Rückkehr ins normale Leben war beschwerlich und nur Pits stählernem Willen und der ausgezeichneten Reha-Möglichkeiten in Luxemburg ist es zu verdanken, dass Pit wieder per Rad unterwegs sein kann. „Die Ärzte gaben mir anfangs wenig Chancen“, erinnert sich Pit, der glaubte, dass alles vorbei sei. Doch er arbeitete hart, bis seine Fähigkeiten allmählich wiederkehrten. „Als ich zum ersten Mal wieder am Webstuhl saß, hatte ich Tränen in den Augen“, erinnert er sich. Weben ist nämlich sein zweites Hobby. Gattin Lily betreibt in Contern eine Kunstweberei, und da will er halt mitmachen.

Der Beginn einer lustigen Rundfahrt

Der Beginn einer lustigen Rundfahrt

Doch zurück zu Back To Sport. Die Vereinigung wurde 2016 gegründet und wird geleitet von Xavier Masson, Kinesitherapeut im Rehazenter auf Kirchberg. Unterstützt wird Back To Sport vom Rehazenter und einer ganzen Reihe privater Sponsoren. Die Aktivitäten sind vielfältig. Neben Liegerad-Touren in den guten Monaten stehen als Indoor-Aktivitäten unter anderem Spinning, Schwimmen und Laufen auf dem Programm. Sogar Rollstuhl-Tennis soll nun mal versucht werden, worauf einige sich besonders freuen. Schließlich waren sie mal, vor ihrem gesundheitlichen Zwischenfall, eifrige Tennisspieler.

Back To Sport gestattet ihnen allen eine Rückkehr zu sportlichen Betätigungen. Xavier hält das Trainingsshirt des Vereins mit der Abkürzung B2S hoch. „Die 2 hat eine ganz wichtige Bedeutung: niemals allein, immer zu mehreren“, präzisiert er und meint damit die gegenseitige Unterstützung, die Grundregel im Verein ist.

Text: Nic Nickels // Fotos: Alain Rischard (Editpress)

Mehr Informationen gibt es auf www.backtosport.lu

Author: Philippe Reuter

Login