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Lügengeschichten

In Zeiten von Facebook und Co. verbreiten Falschmeldungen sich in Lichtgeschwindigkeit. Wie gefährlich „Fake Facts“ sein können, zeigt die gleichnamige Theaterperformance.

Was die Covid-19-Pandemie nicht alles möglich gemacht hat: Im März vergangenen Jahres schwimmen zwei Delfine in den plötzlich wieder sauberen Kanälen von Venedig ihre Runden. Das vielfach geteilte Video geht in den sozialen Medien um den Globus. Bis diverse Websites und Magazine die Fake News richtig stellen: Die echten Bilder der Großen Tümmler sind nicht in der Lagunenstadt aufgenommen worden, sondern im Hafen von Cagliari auf Sardinien. Von einer Rückeroberung kann demnach keine Rede sein. „Och ech sinn deemools drop eragefall“, gesteht Daliah Kentges. Vielleicht weil man sich in den ewig langen Wochen des ersten Lockdown nach guten Nachrichten regelrecht gesehnt hat. Trotzdem: Bei derart skurrilen Meldungen sollte man extrem vorsichtig sein. „Genee dorëms geet et eis an eiser Theaterperformance.“

Anhand eines Backrezepts wird in „Fake Facts“ dargestellt, wie leicht eine frei erfundene oder absichtlich verfälschte News in die Welt gesetzt werden kann. Man nimmt ein Schlagwort, fügt ein manipuliertes Foto hinzu, würzt mit einem Hashtag – fertig. „Et ass tatsächlech immens einfach“, beteuert die 36-jährige Regisseurin. Und liefert prompt ein weiteres Beispiel. Als der Event auf der Facebookseite des Echternacher Trifolion angekündigt wird, hagelt es unangebrachte Kommentare. Leute, die keine Ahnung und sich auch nicht näher darüber informiert haben, um was es in der Textcollage überhaupt geht, werfen Daliah Kentges und Sarah Rock unter anderem Regierungspropaganda vor. „Mir hunn och dat an engem Text verschafft.“

Für Donald Trump ist das Wort Fake „one of the greatest of all terms“.

Obwohl „Fake Facts“ eine Auftragsarbeit des Echternacher Trifolion ist, das 2021 eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Fake News?!“ ins Programm aufnimmt, haben die Regisseurin und die Dramaturgin freie Hand gehabt, was die Ausrichtung ihres Beitrags betrifft. Recht schnell werden sich die beiden jungen Theatermacherinnen einig, wie sie ihr Projekt in Angriff nehmen möchten. Eine Collage soll es sein. Mit historischen Fakten und Auszügen aus Interviews, Talkshows und Reden der letzten Jahren. Dazu kommen diverse Begriffserklärungen. Im Oxford English Dictionary wird „fake“ mit „of obscure origin” erklärt. Im amerikanischen Slang bedeutet es Schwindel und Täuschung. Im Deutschen verweist es auf ein Verfahren des Fälschens. Für Donald Trump ist das Wort „one of the greatest of all terms“.

Trifolion---Fake-Facts-II-©-Pierre-Weber-19„Well d´Performance och viru Schoulklassen opgefouert gëtt, hu mir versicht, dat didaktescht op eng spilleresch Manéier eriwwerzebréngen. Dat war eis ganz wichteg.” Das jüngere Publikum soll sich bewusst werden, dass niemand vor Falschmeldungen sicher ist. Nicht alles, was im Internet oder Fernsehen und in den sozialen Medien präsentiert wird, ist pure Wahrheit. Sogar offizielle Versionen von Ereignissen sind mitunter zu hinterfragen. Daher ist selbstständiges Denken unabdingbar. Vor allem in unsicheren Zeiten, die – Historikern zufolge – die Popularität von Fake News und Verschwörungstheorien ziemlich begünstigen. Gelogen wird allerdings bereits seit Adam und Eva, wie Schauspieler Pitt Simon feststellt: „Kaum dass sie in den Apfel vom Baum der Erkenntnis gebissen haben, sagen sie Gott nur noch die halbe Wahrheit! Und Kain, dem das Blut des erschlagenen Abel noch an den Händen klebt, behauptet achselzuckend gegenüber Gott, er habe keine Ahnung, wo sein kleiner Bruder geblieben ist.“ Allein dieser kurze Auszug macht Lust auf mehr. Und mehr gibt es tatsächlich, denn Daliah Kentges und Sarah Rock haben gründlich recherchiert. Dass sie dabei immer wieder festgestellt haben, dass das Spiel mit der Manipulation eine anthropologische Konstante ist, bringt Spannung in die Performance. Früher bemühte man sich um ein vorteilhaftes Ölbildnis. Heute bearbeitet man sein Selfie so lange, bis es toll aussieht. Andere Beispiele sind bedrohlicher.

Trifolion---Fake-Facts-II-©-Pierre-Weber-2Als im Jahr 64 ein Großbrand in Rom ausbricht und große Teile der Stadt zerstört, wird der scheinbar verrückt gewordene Kaiser Nero beschuldigt, das Feuer gelegt zu haben. Heute geht man indes davon aus, dass es sich um einen ganz normalen Herdbrand gehandelt hat, der durch starken Wind zum Flammeninferno geworden ist. Nachdem Schauspielerin Anouk Wagener dies klar gestellt hat, weiß Pitt Simon es besser: Nero kann die Hauptstadt seines Reiches gar nicht niedergebrannt haben. Das war nämlich Peter Ustinov. Nun, wer in Geschichte nicht aufgepasst hat und den Film „Quo vadis?“ aus dem Jahr 1951 nicht kennt, wird bei diesem Gag überfordert sein, macht aber nichts. Im Gegenteil. „Fake Facts“ ist zwar recht lustig, nicht jedoch reine Comedy, eher ein gelungener Mix aus Lehrreichem und Humorvollem. Obwohl: Über die Tatsache, dass die Konstantinische Schenkung, welche zur Gründung des Vatikans führte, eine Fälschung gewesen ist, kann nicht jeder schmunzeln.

50 Minuten lang liefern sich Anouk Wagener und Pitt Simon ein fulminantes Text-Pingpong-Spiel. Einen Punktesieger gibt es am Ende nicht. Gewinnen wird das Publikum. An Einsicht. An Lachfalten. An der Erkenntnis, dass man viel zu viel Zeit mit Surfen, Liken und Teilen beschäftigt ist. Andererseits: Den Satz „Qu´ils mangent de la brioche“, den Königin Marie-Antoinette gesagt haben soll, habe ich nicht gekannt. Also habe ich gegoogelt und die ganze Geschichte gelesen. Danke, Daliah Kentges und Sarah Rock. Dazulernen ist wunderbar.

Text: Gabrielle Seil // Fotos: Pierre Weber

Am 13. Oktober um 20 Uhr im Centre des arts pluriels in Ettelbrück, www.cape.lu

Author: Philippe Reuter

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