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Mädels auf die Decks

Vor einem Jahr waren Dina und Lisa die einzigen Frauen im Skatepark Péitruss. Heute bringen sie dort vielen Mädchen Fliptricks bei. Jedes Wochenende ziehen die „Sisters of Shred“ viele Anfänger in den Skatepark im Grund.

Dina muss heute etwas aufpassen. Vergangene Woche hat sie sich am Knöchel verletzt. Dennoch kann sie es sich nicht nehmen lassen, ihre Tricks zu zeigen. Am wichtigsten ist, dass sie cool vor der Kameralinse aussehen. Etwa zehnmal rollt sie die Rampe hinunter, dicht gefolgt von Lisa, beide nehmen auf der ebenen Fläche Fahrt auf, und springen dann hintereinander mit ihren Boards auf die Rail, so heißt die Metallstange, auf der sie grinden, also mit der Unterseite des Skatedecks entlangschlittern und versuchen, dabei das Gleichgewicht zu halten, nur einen halben Meter hintereinander. Die Stange war einst gelb lackiert, heute ist nur noch unten Farbe, die Oberfläche von unzähligen Boards blank gescheuert.

Noch einmal. Lisa und Dina sind Perfektionistinnen. Dina nähert sich lieber vorsichtig der Rail, war für Lisas Geschmack also zu langsam, dreimal wäre sie ihr fast hinten reingefahren, sie springt also kurz vor knapp vom Board, dessen Kante weiter über die Rail schlittert und in Dinas Wade landet. „Alles okay?“, fragt Lisa. „Ja, wie ist das Foto?“ Ein letzter Versuch. Dann noch einer.

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Im Februar letzten Jahres haben die beiden sich im Skatepark Péitruss in der Hauptstadt kennengelernt. Dina war gerade nach Luxemburg gezogen und die beiden die einzigen Mädels im Grund. Heute sind an einigen Samstagen um die 20 dort, immer mindestens fünf. Gemeinsam geben Dina Hein-Hartmann und Lisa Simon Skate-Workshops an Mädchen, Jungen und Kinder – an alle, denen es nichts ausmacht, von Frauen unterrichtet zu werden. Jedes Wochenende treffen sie sich im Skatepark – vorausgesetzt es ist trocken. Neulich sind zwei Mädels aus Dortmund extra nach Luxemburg gefahren, weil sie von den „Sisters of Shred“ gehört haben. So nennen Dina und Lisa ihre Crew. „to shred“ ist ein Szene-Wort für skaten. Auf Instagram kündigen sie ihre Workshops an, fast jedes Wochenende finden sie statt. Nachdem im Sommer der Skateshop Olliewood anfing, die Gruppe zu promoten, ging es richtig los. Fast jede Woche kommen Anfänger dazu. Auch für den Skateshop macht sich das bezahlt, denn jede Woche kommt ein Mädel ein Board kaufen.

„Wenn ich einen Trick lande, fühle ich mich grandios.“
Lisa Simon

Anfänger kostet es viel Überwindung, sich das erste Mal in einem Skatepark aufs Brett zu stellen. Die Hemmschwelle wird zu einer Granitmauer, wenn man dabei das einzige Mädchen unter 70 Jungen ist. Das weiß jede hier aus eigener Erfahrung. Viele Mädels fangen deshalb gar nicht mit dem Skaten an. Die „Sisters of Shred“ nehmen diese Angst, heißen jeden willkommen. Gemeinsam als Crew haben sie mehr Anrecht auf einen Platz. Inzwischen weiß jeder, wer sie sind.

„Als Mädchen fühlt man sich nicht willkommen“, weiß Lisa. „Du suchst dir einen Ort aus, wo niemand fährt, probierst einen neuen Trick aus, und auf einmal sind hundert Typen an deinem Spot, die den Trick ohne Probleme machen. Wir nehmen schon nur einen ganz kleinen Platz ein.“ Eigentlich gibt es im Skatepark Regeln. Die stehen nirgendwo, aber jeder kennt sie: Alle sind mal dran, jeder nimmt auf den anderen Rücksicht. Wenn man sich zweimal gesehen hat, grüßt man. Man hilft sich gegenseitig, wenn das Board Probleme oder sich jemand verletzt hat, gibt Tipps, um die Tricks richtig zu landen.

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Lisa trägt Cap und Nasenring. Mit 13 stand sie das erste Mal auf dem Skateboard, lernte einen Ollie, heute ist sie 27. Zwischenzeitlich ist sie kaum gefahren, Schule und Uni nahmen zu viel Zeit ein. „Im vergangenen Jahr bin ich mehr gefahren als in den letzten zehn Jahren.“ Wer gut bleiben will, muss regelmäßig üben, jede Woche. Während sie die anderen Mädels begrüßt, einige mit Umarmung, andere mit Faustschlag, steht sie auf ihrem Board, verlagert das Gewicht auf den hinteren Fuß, sodass das Board sich vorn hoch neigt. Indem sie das Board nach unten klappt, bewegt sie sich vor- und seitwärts. Stillstehen geht kaum. Ihr Skateboard hat sie auch im Alltag immer dabei, zieht rollend an Autos vorbei, die sich in der Innenstadt stauen.

Lisas und Dinas Spielwiese begrenzt sich nicht auf den Grund. Oft ziehen sie nach ein paar Tricks in der Halfpipe durch die Stadt, die Treppen an der Kathedrale, die Bänke bei der Philharmonie. Wenn es regnet, wird ein leeres Parkhaus zur Bühne. Boombox auspacken, Handys auch, sie filmen sich gegenseitig.

An den Felsvorsprüngen des Grunds und den Brückenpfeilern hallen die Sounds des Skateparks wider. Um die 60 Leute sind dort, der Jüngste etwa vier Jahre alt, am Rand sitzen einige Eltern. Für Dina ist der Skatepark in Luxemburg ein Schlaraffenland, einer der besten in Europa. „Oft werden Skater an den Stadtrand abgeschoben, hier ist der Park mitten im Stadtzentrum, es wirkt, als hieße die Stadt Skater willkommen. Es gibt viele verschiedene Hindernisse, auch große Flächen für Anfänger.

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Dina ist im ländlichen Wales aufgewachsen, „dort gab es gar nichts zu tun. Wie Luxemburg im Lockdown“, sagt sie. Mit Skaten war sie nie in Berührung gekommen, bis sie mit 15 im Auto an einem Skatepark vorbeifuhr. Sie und ihre Zwillingsschwester waren neugierig. „Da waren keine Mädchen, was soll das? Wir sind trotzdem hin, haben gefragt, ob wir‘s mal probieren können mit einem der Boards der Typen.“ Zum nächsten Geburtstag gab es Skateboards. Der Skatepark war eine Stunde mit dem Bus entfernt, wenn sie den an Sonntagen verpassten, mussten sie zwei Stunden auf den nächsten warten. Das hielt sie nicht davon ab, sich jede Woche in die Halfpipe zu schwingen. „Wir waren schon alt, um anzufangen, Zehnjährige konnten mehr als wir, aber immerhin waren wir zu zweit.“

Dina und ihre Schwester haben im College mit dem Skaten weitergemacht. „Überall, wo man mit einem Skateboard hingeht, lernt man sofort Leute kennen. Das ist eine sehr große Community.“ Dass Skaten in diesem Jahr zum ersten Mal olympische Disziplin ist, interessiert die Community wenig. Nur einige hätten sich darüber geärgert, erzählt Dina. Das würde dem Skaten die Subkultur nehmen. Die Aufregung kann Dina nicht verstehen, für sie sind das zwei sehr verschiedene Sachen. Skaten als Subkultur in der Stadt und Skaten als olympische Disziplin, indoor, Leistung, Wettbewerb.

„Überall, wo man mit einem Skateboard hingeht, lernt man sofort Leute kennen.“
Dina Hein-Hartmann

Bis Dina ein anderes Mädchen kennenlernte, das skatete, sollte es anderthalb Jahre dauern. Auch deshalb ist „Sisters of Shred“ für Dina wichtig. Leute laufen durch den Park, sehen sie, und merken, skatende Mädels, das ist normal. Als Dina und Lisa sich im Februar kennenlernten, waren beide begeistert – davon, ein anderes Mädel im Skatepark zu sehen, und besonders, eines, das so gut ist. „Wir ergänzen uns sehr gut“, sagt Dina. „Ich war beeindruckt, ich kenne kein anderes Mädchen, das so viele Fliptricks kann wie sie, das ist echt etwas Besonderes.“ Beim Grinden und in der Halfpipe ist es Dina, die Eindruck hinterlässt. Als sie sich kennenlernten, war Dina gerade dabei, die Workshops zu starten. Lisa war sofort im Boot.

Der Weg ist oft langwierig. Das wissen alle „Sisters of Shred“. Selina übt heute Kickflip. Lisa steht daneben, sieht, wo die Fehlerquellen sind. „Fuß anwinkeln“, sagt sie. „Jetzt spring dahin.“ Sie zeigt auf einen Punkt ein paar Zentimeter seitlich. Dann liegt Selina auf dem Boden. Ein paar Meter weiter hinten bringt Dina einem Mädchen einen Ollie bei, ein Lächeln im Gesicht, Mut machen, gut zureden. Lisa macht den Kickflip noch einmal vor, dann liegt sie selbst mit dem Hintern auf dem Boden. Als es zum 13. Mal nicht geklappt hat, atmet Selina tief durch, sammelt Konzentration. Weiter. Sie stellt sich aufs Board, geht tief in die Hocke, das Brett quietscht, als sie den Fuß noch ein bisschen zurücksetzt. Sie springt und – dann hat sie es! Das Board landet wieder auf den Rollen und Selina drauf. Einen Moment lässt Selina sich ins Gras unter dem Baum fallen, blickt erschöpft ins Leere, ändert die Musik, die aus ihren Ohrstöpseln kommt, dann sucht sie sich einen Platz weiter hinten, übt zusammen mit Jordan weiter.

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Seit dem Sommer sind Selina und Jordan dabei. Schon vorher sind sie geskatet, haben aber immer wieder aufgehört. Erst mit den „Sisters of Shred“ üben sie regelmäßig. Seit dem Sommer sind sie am Kickflip. Einmal von hundert klappt es. „Ich schaffe es meistens einmal pro Session. Aber es gibt auch Tage, wo es gar nicht klappt“, weiß Jordan. Oft ist sie frustriert. Doch wenn man es einmal gut ging, muss es auch wieder gehen. „Das Gefühl einen ersten Trick zu landen nach einer langen Zeit ist unvergleichbar, pure Euphorie“, sagt Selina. „Man fühlt sich on top of the world“, meint Jordan.

Auch für Dina und Lisa geht es beim Skaten um das Gefühl. Varial Flip, Hospital Flip – Lisa mag gern kreative Tricks. Dina ist etwas vorsichtiger. Manchmal fährt sie in die Halfpipe, hoch an die Kante, bricht den Trick aber ab, denn es fühlte sich nicht richtig an. Was beide gleichermaßen süchtig nach Skaten macht: das Adrenalin, die Angst, teils der Schmerz, Frustration und Hoffnung. „Wenn ich dann einen Trick lande, fühle ich mich grandios“, sagt Lisa. „Bin ich schlecht drauf, stell ich mich aufs Brett, dann krieg ich gute Laune. Das Brett steht immer zu dir – außer es bricht.“

Text: Franziska Peschel, Fotos: Georges Noesen

Author: Dario Herold

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