Home » Lifestyle » Mehr als „Hygge“

Mehr als „Hygge“

Dänen sollen mit die glücklichsten Menschen der Welt sein.
Nach meinem Aufenthalt in der Hauptstadt Kopenhagen,
fange ich langsam an zu verstehen, was hinter dahintersteckt.

„Hygge“ ist ein typisch dänischer Ausdruck, der sich laut meinem Tourguide mit „gemütlich und glücklich“ am besten übersetzen lässt. Ein Café kann „hyggelig” sein, ein verwunschener Garten oder ein verregneter Nachmittag mit einem guten Buch unter einer kuscheligen Decke. Diese Idee hat mich gefesselt und so habe ich mich in Kopenhagen auf die Suche gemacht, „Hygge“ zu finden und zu verstehen.

Nach zwei Jahren Reiseverbot hat mich dieses Jahr das Reisefieber gepackt: Ich wollte schon immer eine Reise alleine antreten, um ungefilterte Eindrücke zu sammeln und mir einen Ort bewusst unter die Haut gehen zu lassen. Wohin die Reise ging, war mir egal – Hauptsache ich kannte niemanden, meine Familienmitglieder waren mindestens ein Land entfernt und ich war auf mich allein gestellt. Und daher fiel meine Wahl auf Kopenhagen – Glückshauptstadt und familiär unbemanntes Territorium.

web_steven-lasry-5smN_wd02_c-unsplash_110mm-Kopie

Im März nach Kopenhagen zu reisen ist ein Glückspiel – aber die Wettergötter haben es gut gemeint und mir die sonnigste Märzwoche seit 30 Jahren beschert. Die Reise nach Kopenhagen war unkompliziert und wer denkt, in einem gut organisierten Land zu leben, der war anscheinend noch nie in Dänemark. 40 Minuten zwischen Landung und Ankunft vor meiner Airbnb-Unterkunft im Stadtzentrum mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind beeindruckend effizient.

Meine Unterkunft befand sich im entzückenden Nyhavn oder „neuer Hafen“. Früher war Nyhavn ein etwas rauerer, quirliger Teil der Stadt, Hafen und Rotlichtmilieu, heute ist der gentrifizierte Stadtteil einer der Hauptsehenswürdigkeiten von Kopenhagen. Dort kann man bei gutem Wetter Dänen sowie mutige Touristen entdecken, die schon im Frühjahr bei drei Grad Celsius Arm an Arm in Decken gewickelt sitzen und an Feuerstellen geschmiegt die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings genießen.

web_20220326_133023-Kopie

Mein erstes Unterfangen war eine Bootstour durch die Häfen Kopenhagens. Hier wird einem kristallklar, wieso Dänemark Vorreiter in Sachen Umweltschutz ist: Die Gewässer des Hafens sind so klar und sauber, dass man im Sommer darin baden kann. Es gibt sogar schwimmende Saunen, in denen man sich aufwärmen und eine ungewohnte Aussicht auf die Stadt genießen kann. Umweltschutz und Vorreiterdenken ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel in diesem Land: Die Natur besser verlassen als man sie vorgefunden hat, ist das Motto. Ganz besonders nett fand ich die Idee des grünen Kayak – kostenlos in den Kanälen und Häfen Kopenhagens damit umherfahren, solange man eine Tüte Müll aus dem Wasser aufsammelt und mit an Land bringt.

Nyhavn ist ein idealer Ausgangspunkt, um die Stadt zu Fuß zu erkunden, da sich die meisten Sehenswürdigkeiten in bequemer Gehdistanz befinden. Wer mag, kann sich auch die Kopenhagen Card zulegen, die den Eintritt zu den verschiedenen Touristen Attraktionen sowie öffentliche Verkehrsmittel beinhaltet. Am liebsten bewegen sich die Dänen aber zweirädrig fort, denn Kopenhagen ist eine Idylle für Radfahrer. Überall gibt es Fahrräder zum Ausleihen, die meisten davon sogar E-Bikes, die einem das Erkunden der Stadt ungemein vereinfachen.
Ganz besonders sind auch die geführten Radtouren durch die Stadt, bei denen man alle Attraktionen auf einmal erleben darf. Kopenhagen ist auch die Stadt mit der besten Infrastruktur für Radfahrer. Aber Achtung: Als Tourist muss man sich an die strengen Regeln halten, sonst geht man im Drahtesel-Strom leicht unter. Dort gibt es keine Gnade für Zögerer!
Das pittoreske Nyhavn befindet sich im Stadtzentrum „Indre By“ – dem Stadtteil mit den meisten Sehenswürdigkeiten. So befinden sich hier unter anderen das Schloss „Amalienborg“, Residenz der dänischen Königsfamilie, und das Schloss Rosenborg, frühere Sommerresidenz des Königs und Hüterin der Kronjuwelen.

web_20220321_104153-Kopie

Weiter geht es zu den „Torvehallerne“ – diese überdachten Markthallen haben mein Foodie-Herz höherschlagen lassen. Dort gibt es alles was das Herz begehrt, aber bemerkenswert sind die kleinen Geschäfte und Restaurants, die ganz klassische Gerichte wie Smörrebröd oder das allgegenwärtige Aquavit neu interpretieren.

In meinem Reiseführer stand, dass das dänische hochprozentige Aquavit schon fast als Medizin gilt und daher gern einmal zwischendurch genossen wird. Ich schmunzelte und nahm an, dass das für touristische Zwecke ein bisschen übertrieben ist. Ich wurde eines Besseren belehrt. Nicht nur in den Markthallen befinden sich filigrane Schnapsgläser als Standardausrüstung auf jedem Restaurant oder Bartisch. Und der gemeinsame Genuss von Aquavit ermöglicht einem einen Einblick in das warme Herz der Dänen.

Dänemark hat auch eine ausgeprägte Kaffeekultur, ich würde sogar so weit gehen, dass ich dort den besten Kaffee meines Lebens getrunken habe. Ob es am Wasser oder am Kaffee liegt, ist unklar, aber dieses aromatische Gebräu ist rund, gar nicht bitter im Abgang und nimmt einen ganz wichtigen Stellenwert ein. Eine unerwartet freudige Entdeckung, die mich auf dem ein oder anderen Spaziergang begleitet hat. Fast schon hyggelig.

web_20220323_120859-Kopie

Besonders angetan hat es mir auch das Smörrebröd, die dänischen belegten Brote, die gerne zu Mittag gegessen werden. Das getoastete Roggenbrot mit reichhaltigem Belag ist mittlerweile eine Sehenswürdigkeit an sich, und wird sogar von den besten Köchen der Welt neu interpretiert. Traditionell aber werden die Brote mit gesalzener Butter beschmiert und reichlich mit Räucherlachs, gebackenem Fisch, Roastbeef oder Rindstatar belegt.

Weltberühmt ist auch das dänische Plundergebäck oder „danish pastries“, vergleichbar mit unseren „Kaffis Ki-chelcher“. Lustigerweise heißt dieses Gebäck in Dänemark „Wienerbröt“ also „Wiener Brot“ da es anfänglich von einem Wiener Konditor für die königliche Familie hergestellt wurde. Meine kulinarische Neugierde hat mich also in einen Backkurs in Kopenhagen geführt, bei dem ich von einem französischen Patissier gelernt habe, wie man „Wienerbröt“ macht. „Terrible“…so hieß der Patissier.

Kopenhagen beherbergt auch das „beste“ Restaurant der Welt – das Noma. Rene Redzepi gilt als Vater der neuen nordischen Küche, die viel Wert auf saisonale und regionale Zutaten legt und sich durch innovative Kochtechniken charakterisiert.

Im Stadtzentrum befinden sich noch andere Sehenswürdigkeiten, wie der „Rundetarn“, der runde Turm. Ein gepflasterter Wandelgang führt einen hoch auf die Aussichtsplattform, die eine unschlagbare Aussicht auf Kopenhagen bietet. Anscheinend stieg König Christian IV nicht gerne Treppen und ließ so den Wendelgang bauen, damit er mit seinem Pferd hoch ins Observatorium reiten konnte!

web_20220321_100337-Kopie

Der berühmte Vergnügungspark Tivoli war leider in Winterpause, bietet aber für jedes Alter etwas an. Ob Spiele, Essen, Konzerte oder Kunstaustellungen – Tivoli ist sicherlich einen Besuch wert! Bewusst oder unbewusst ist uns aber einer der bekanntesten Dänen aus unserer Kindheit bekannt: Hans Christian Anderson. Der berühmte Dichter und Schriftsteller ist bekannt für Märchen wie „Die kleine Meerjungfrau“, „Das hässliche Entlein“ oder „Die Prinzessin auf der Erbse“. Das Märchen der kleinen Meerjungfrau diente auch als Inspiration für eines der bekanntesten Wahrzeichens Kopenhagens: die Statue „Den Lille Havfrue“. Diese überraschend kleine Statue befindet sich unweit von Nyhavn, an der Hafenpromenade.

Wer Skandinavien schon einmal besucht hat, kennt das typische nordische Design, für das Kopenhagen und Dänemark auch bekannt sind. Klare und filigrane Linien, warme naturverbundene Töne und Materialien sowie höchste Qualität sind die Merkmale von diesem Design, das sich in vielen Facetten des Lebens wiederfindet – bei Architektur, Mode, Kunst oder Möbel. Einfachheit, Funktionalität und Alltag charakterisieren dänisches Design und sind auch in den Designs der berühmtesten dänischen Unternehmen wie LEGO, Bang & Olufsen und Bolum nachvollziehbar.
Nach zehn Tagen ging meine Reise zu Ende und ich kann sagen: Kopenhagen geht einem unter die Haut. Ich nehme „Hygge“ mit nach Hause und habe schon Pläne geschmiedet, im Sommer die dänische Riviera zu besuchen. Stay tuned.

Text: Myriam Visram
Fotos: Myriam Visram, Steven Lasry (unsplash)

Author: Dario Herold