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Menschen wie du und ich

Psychische Erkrankungen sind noch immer mit einem großen Tabu belegt: Man spricht nur über sie, wenn andere betroffen sind. Das Centre Hospitalier du Nord will das jetzt ändern. Mit der Kampagne „#WéigeetetDir“.

Ein Sofa und ein paar Kissen. Mehr braucht man nicht, um Gemütlichkeit herzustellen. Selbst ein karger Krankenhausflur wird wohnlich, wenn an seinem Ende ein bequemes Möbelstück steht, auf dem man sich fläzen und ausruhen kann. „Das Sofa ist ein echter Anziehungspunkt. Es gibt fast keinen Zeitpunkt, an dem es nicht besetzt ist“, sagt Sonia Weis. Dazu steht es schön, direkt am Fenster im vierten Stock des Ettelbrücker Krankenhauses, der Blick kann weit schweifen.

Wir befinden uns in der geschlossenen Psychiatrie, seit 23 Jahren ist Sonia Weis hier als Fachkrankenschwester tätig, vor einigen Monaten hat sie die Stationsleitung übernommen. Gemeinsam mit ihrem Team und mit Unterstützung der Patientinnen und Patienten hat sie seitdem vieles verändert: Es wurden neue Möbel, Pflanzen und Bilder bestellt sowie eine Teeecke eingerichtet. Das gab es alles vorher nicht, aus reiner Vorsichtsmaßnahme und zum Schutz der Patienten, wurde stets gesagt. „Man kann nicht alles absichern, aber man kann Räume gemütlich gestalten. Die Leute schätzen das wert und sehen, dass sich etwas ändert.“

Auch das neue Graffiti ist Teil der Kampagne.

Auch das neue Graffiti ist Teil der Kampagne.

Vor 20 Jahren, erzählt sie weiter, sei es noch anders gewesen. „Wenn man bei uns auf die Station kam, war alles voller Infusionen. Jeder bekam eine intravenöse Therapie und rannte mit einem Tropf herum, was die körperliche Freiheit stark eingeschränkt hat. Unsere Arbeit bestand hauptsächlich aus Pflege. Wir hatten wenig Zeit und Möglichkeit, um mit den Patienten zu reden. Viele Mitarbeiter sind abgesprungen, weil sie das nicht wollten. Im Laufe der Jahre hat sich die medizinische und therapeutische Herangehensweise geändert, es gibt andere Medikamente. Dadurch können wir uns mehr auf die Menschen konzentrieren.“ Jetzt sind die Türen offen, die Patienten und Patientinnen laufen herum, einige stehen in kleinen Grüppchen zusammen. Berührungsängste zwischen Mitarbeitern und Patienten sind nicht zu beobachten. „Wer kein Verständnis für Menschen hat, ist hier falsch“, sagt Sonia Weis.

Mehr als ein Drittel aller Krankschreibungen gehen auf mentale Ursachen zurück.

Psychische Erkrankungen sind nicht selten. Mehr als ein Drittel aller Krankschreibungen gehen auf mentale Ursachen zurück. Über eine Milliarde Menschen weltweit sind betroffen, statistisch gesehen leidet jeder vierte Mensch im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung. Jeder kennt irgendwen, der Depression, Angststörungen oder eine Suchterkrankung hat. Trotzdem wird das Thema meist weggeschoben. Oder nur dann erwähnt, wenn es um andere Leute geht. Am besten noch, wenn diese nicht dabei sind. Sieben Jahre dauert es im Durchschnitt, bis sich eine Person mit Depressionen professionelle Hilfe sucht. Sieben Jahre voller Probleme, Leidensdruck und schlechter Gefühle. Betroffene gibt es in jeder Altersklasse.

Auch auf einer Psychiatrie-Station...

Auch auf einer Psychiatrie-Station…

... kann die Einrichtung wohnlich...

… kann die Einrichtung wohnlich…

... und individuell sein.

… und individuell sein.

Mit seiner aktuellen Kampagne „#WéigeetetDir“ rührt das Centre Hospitalier du Nord (CHdN) jetzt die Werbetrommel für einen offenen, vorurteilsfreien Umgang mit psychischen Erkrankungen. Sensibilisierung und Aufklärung sollen dabei helfen, psychische Erkrankungen als das zu sehen, was sie sind: Krankheiten und keine Charakterschwächen. Den meisten Betroffenen sieht man ihre Krankheit nicht an, deshalb gibt es viele tiefsitzende Vorurteile: „Aus der Psychiatrie kommst du nie mehr raus, wer einen Burn-out hat, hat keine Lust zu arbeiten, Alkoholiker müssen doch nur aufhören zu trinken, Depressive sind faul, psychisch Kranke sind aggressiv und unberechenbar“, heißen sie.
Sonia Weis kennt sie alle. Und sie weiß, dass keines davon zutrifft. „Zu sagen, psychiatrische Patienten seien aggressiv und unberechenbar, ist totaler Schwachsinn“, sagt sie. „Dann wären Sie und ich auch unberechenbar. Stellen Sie sich vor, Sie erhalten einen Anruf, in dem Ihnen gesagt wird, dass ihr Kind einen Unfall hatte. Oder Sie haben gerade viel um die Ohren, stehen unter Zeitdruck, und da drängelt sich beim Einkaufen jemand an der Kasse vor. Spätestens da wird jeder unberechenbar.“ Und der junge Mann, der seinen Abschluss mit zu viel Alkohol feiert und bei drei Promille anfängt zu randalieren. Ist der etwa psychisch krank? „Wohl kaum“, sagt sie.

Einer, der ebenso viel Erfahrung in der Behandlung von psychisch Kranken hat, ist der Psychiater Dr. Theo Hoffmann. Auch er ist in die Kampagne des CHdN eingebunden, gibt Interviews und wirkt in einigen Videos, mit denen die Kampagne auf Facebook und Instagram begleitet wird, mit. „Menschen, die psychisch krank sind, haben keine Lobby“, sagt er. „Sie sind anders, sie sind fremd, zum Teil verhalten sie sich in einer Weise, die man mit dem normalen Menschenverstand nicht fassen kann. Dass sie aber gefährlicher sind, ist nichts weiter als ein Vorurteil. Statistisch gesehen stimmt das nicht.“ Er vergleicht psychisch Kranke mit weißen Spatzen, die inmitten einer Schar bunter Spatzen fliegen. Mit den weißen Exemplaren wollten die bunten nichts zu tun haben, aus lauter Angst, selbst weiß zu werden. „Doch wenn eine Gesellschaft sagt, dass sie mit diesen Kranken nichts zu tun haben will, fühlen sich diese noch mehr ausgegrenzt.“

Wer kein Verständnis für Menschen hat, ist hier falsch. Sonia Weis, Stationsleiterin Psychiatrie, CHdN

Mehr Empathie würde den Betroffenen sicherlich helfen, meint Dr. Hoffmann. Vor allem, wenn es darum geht, sich Hilfe zu suchen. Besonders in der Suchtmedizin sei es schwierig, Menschen überhaupt in die Therapie zu bekommen. „Viele kommen erst dann, wenn es richtig brennt, wenn die Frau mit Scheidung droht oder man beim Trinken am Arbeitsplatz erwischt wird. Auch hier ist es wichtig zu erkennen: Eine Suchterkrankung ist eine ernstzunehmende Erkrankung und keine Charakterschwäche. Man kann nicht einfach aufhören, der Suchtdruck ist so übermäßig, dass Betroffene nichts tun können.“ Gerade beim Alkohol sei es sehr schwierig. „Es ist sozial akzeptiert, dass überall getrunken wird, wenn dann aber jemand auffällig wird, ist die Gesellschaft knallhart.“ Nur einer von hundert Alkoholsüchtigen schafft es, auf Dauer abstinent zu bleiben, und nur zehn suchen sich überhaupt Hilfe.

PR2_6310-KopieFür seine Kampagne hat sich das CHdN viel Unterstützung geholt. So sind Wencke Fiedler und Thierry Didelot mit ihrem neuen Taboo-Podcast, der sich um mentale Gesundheit und psychische Erkrankungen dreht, mit dabei. Zudem erzählen Betroffene in kurzen Videos von ihrer Erkrankung. Rund um das Krankenhaus wurde ein „Achtsamkeitsweg“ eingerichtet. An neun Stationen mit Atem-, Erinnerungs- und anderen Übungen soll man hier lernen, einen Gang runterzuschalten. Und die Rap-Musiker U.Nique & Nuxx (Andy Molitor und Nuno Pereira) haben mit „Net aleng“ einen einfühlsamen Song mit eindeutiger Botschaft geschrieben: Es ist nicht schlimm, sich schlecht und allein zu fühlen. Und es gibt Hilfe.

„#WéigeetetDir“ ist nicht die erste Antistigmatisierungskampagne in Bezug auf psychische Erkrankungen. Und wird sicherlich auch nicht die letzte sein. Das Problem mit Vorurteilen ist nämlich, dass sie hartnäckig und beständig sind. „Man muss es aber wenigstens versuchen“, sagt Theo Hoffmann. Der Zeitpunkt ist nicht schlecht gewählt. Die Coronapandemie hat vielen Menschen mental zugesetzt. Die Kampagne will zeigen, dass da niemand allein durchmuss.

Text: Heike Bucher // Fotos: Philippe Reuter

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Author: Philippe Reuter

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