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Mit Big Data an die Spitze

Rechtswissenschaften und Künstliche Intelligenz haben nichts gemeinsam? Von wegen. Am noch jungen Institute for Advanced Studies (IAS) der Uni Luxemburg arbeiten Forscher der unterschiedlichsten Disziplinen an gemeinsamen Projekten. Eines der Werkzeuge: Big Data. Das Ziel: Exzellenz.

Inwiefern beeinflusst der soziale Status eine Demenzerkrankung? Kann künstliche Intelligenz faire rechtliche Entscheidungen treffen? Und was sagen uns Wasservermessungen der vergangenen 200 Jahre über die Entwicklung des Lebensstandards in Luxemburg? Um solche und weitere Fragen zu beantworten, müssen Grenzen überwunden werden. Auch zwischen den Disziplinen der Forschung.

Am Institute for Advanced Studies, das im November gegründet wurde, ist genau das Programm. Das Konzept der Einrichtung ist vielschichtig, genau wie die Projekte, die dort im Mittelpunkt stehen. Soziologen und Mediziner, Rechtswissenschaftler und Computerwissenschaftler, Physiker und Historiker: Forscher aus unterschiedlichen Bereichen suchen gemeinsam nach Antworten auf Fragestellungen, die so – auch auf internationaler Ebene – noch nicht behandelt worden sind. Der Grund: „Heutzutage sind Forschungsprobleme und Probleme der Gesellschaft unheimlich komplex, das wurde nicht zuletzt durch die Covid-Krise deutlich. Extrem unterschiedliche Bereiche, wie etwa Medizin und Wirtschaft, sind auf einmal ganz nah zueinander gerückt, einfach weil die Probleme, die gelöst werden müssen, ineinandergreifen“, erklärt Professor Jens Kreisel, Vize-Rektor für Forschung der Universität Luxemburg und Gründungsdirektor des neuen Instituts.

Das Konzept basiert auf Interdisziplinarität, nur Forscher der Uni Luxemburg nehmen derweil an der ersten Projektreihe teil. „Wir haben einfach festgestellt, dass die einzelnen Disziplinen der Uni sich stark entwickelt haben, aber mehr zusammenarbeiten könnten“, so der Leiter des IAS. Das IAS bietet nun die Möglichkeit, das zu tun.

Ganz neu ist das Konzept jedoch nicht. Ähnliche Institute gibt es im Ausland bereits länger, 1930 ist das erste in den USA gegründet worden. Erst später hat sich diese Methodik auch im Rest der Welt etabliert, in zahlreichen Großstädten, darunter Paris, Bombay, Jerusalem und Berlin, gibt es ähnliche Konzepte. „Die Grundidee ist bei all diesen Instituten dieselbe, allerdings gibt es auch Unterschiede, etwa bei der Laufzeit der Projekte oder der Internationalität“, führt der Professor fort. An der Uni Luxemburg dauern die Projekte zwischen zwei und vier Jahren, an älteren traditionsreichen Unis im Ausland werden aber auch kürzere Projekte von drei bis sechs Monate angeboten. Der Verzicht auf Themenvorgaben bei Projektaufrufen ist ein weiterer Aspekt, der das hiesige Institut von den meisten anderen unterscheide, so der Physiker.

Forschung wird von Menschen vorangetrieben. Deswegen ist es so wichtig, sie zusammenzubringen.

Apropos Physiker. Wie der Professor für Physik zum Gründungsdirektor des IAS wurde ist schnell erklärt: Er war selbst Gast an einem Institute for Advanced Studies in Großbritannien und fand das Konzept klasse. Als er vor zwei Jahren seine Stelle als Vize-Rektor für Forschung an der Uni in Luxemburg antrat, bemerkte er das starke Bedürfnis nach interdisziplinärer Forschung und schlug vor, ein IAS aufzubauen. Nach zwei Jahren stand das Konzept. Immerhin galt es, die Ausrichtung des Instituts an den Standort Luxemburg anzupassen. An ähnlichen Einrichtungen im Ausland hat man sich inspiriert, an eigenen Ideen gearbeitet: Schlussendlich stand fest: Interdisziplinarität, Exzellenz und Internationalität sollten die Werte sein, für die das IAS in Luxemburg steht.

Mit zehn Projekten ist das Institut gestartet, jedes davon ist auf seine Weise komplex. Eines hat die Verbindung von maschinellem Lernen und Rechtsfindung zum Thema. Rechtswissenschaftler und Computerwissenschaftler wollen gemeinsam herausfinden, inwiefern künstliche Intelligenz im juristischen Rahmen verwendet werden kann, und wo der Faktor Mensch unabdingbar bleibt. Eine Soziologin, ein Biologe und ein Mediziner wollen derweil gemeinsam herausfinden, welchen Einfluss der soziale Status, Darmbakterien und die Ernährung auf den Ausbruch einer Demenzerkrankung haben. Welche Auswirkungen die Umwelt im Laufe der Zeit auf unseren Lebensstandard hatte sowie die Untersuchung von menschlichem Wohlbefinden mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz sind die Schwerpunkte von zwei anderen Teams.

Insgesamt 50 Mitarbeiter arbeiten an diesen ersten Projekten, die Finanzspritzen belaufen sich auf Summen von 400.000 Euro pro Projekt. Eine wichtige Bedingung für Auswahl und Finanzierung sind insbesondere mutige, risikoreiche Hypothesen. „Anders als bei angewandten Uniprojekten geht es darum, komplett neuartige Fragestellungen zu bearbeiten, bei denen noch niemand sagen kann, ob die wissenschaftlichen Annahmen stimmen“, erklärt er. Finanziert werden die Forschungen mit einem Teil des Budgets, das die Universität vom Ministerium für Hochschulwesen und Forschung bekommt. Die wichtigste Komponente, Faktor Mensch, steht derweil im Mittelpunkt: „Es sind die Leute, die hinter der Forschung stecken, deswegen ist es so wichtig, sie zusammenzubringen, mit Hilfe von Meetings der Allerbesten sowie durch den Austausch mit internationalen Experten aus der Forschung, aber auch aus der Zivilgesellschaft, Künstlern etwa oder Politiker“, fährt er fort.

Der Aufbau eines solchen Instituts in Luxemburg habe aber auch mit dem Wettkampf der Universitäten um die weltweit besten Köpfe zu tun, so Jens Kreisel abschließend. Kurz: Die Attraktivität der Universität Luxemburg soll durch das neue Institut weiter gesteigert werden. Da das IAS in Luxemburg das einzige im Umkreis von 1.000 Kilometern ist, stehen die Chancen dafür wohl mehr als gut.

Text: Cheryl Cadamuro, Fotos: Universität Luxemburg, Michel Brumat

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Jens Kreisel

Der Professor für Physik ist Gründungsdirektor des Institute for Advanced Studies in Luxemburg. Seit zwei Jahren ist er als Vize-Rektor für Forschung an der Universität Luxemburg tätig.

Ranking

Beim „Times Higher Education“-Ranking, das die besten Unis weltweit auflistet, ist die Universität Luxemburg auf den Plätzen 201-250 zu finden, in einigen Fachbereichen, etwa Computerwissenschaften, unter den besten 90. Bei dem diesjährigen „Times Higher Education“-Ranking der jungen Universitäten, die nur Universitäten berücksichtigen, die vor weniger als 50 Jahren gegründet wurden, belegt sie derweil Platz 12, 2019 war es noch der Rang 17.

Author: Dario Herold

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