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Miteinander!

Im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft lädt die Stadt Luxemburg zu einer Freilichtausstellung ein, die sich unter dem Titel „InDoor-OutDoor“ mit dem Thema des Zusammenhalts und der Ausgrenzung auseinandersetzt.

Fotos: Patrick Pepe Pax

Blaue Fäden sind über den hauptstädtischen Theaterplatz gespannt. Einerseits verbinden sie die Figuren der Skulptur von Bénédicte Weis miteinander sowie mit den diversen künstlerischen Projekten der Ausstellung, andererseits soll die Installation „Sans titre“ der Klasse 01DC des Lycée technique des Arts et Métiers an die obersten Ziele der Europäischen Union erinnern: Frieden erhalten, Menschen zusammenführen, neue Perspektiven schaffen. Darüber hinaus wirft das Werk die Frage auf, was aus dem Europa geworden ist, das sich 1952 vereint hat.

„Europe: talk, stay, go“ heißt dementsprechend der Beitrag von Florence Hoffmann, die neun Sitzbänke zu einem Stern gruppiert hat und Passanten dazu auffordert, kurz innezuhalten, Platz zu nehmen und sich Gedanken darüber zu machen, ob es gute und schlechte Europäer gibt. Oder wie die Zukunft Europas aussieht. Oder was es überhaupt bedeutet, Europäer zu sein und europäische Nachbarn zu haben. Wie lang man auf einer der Bänke ausharrt, kann jeder für sich selbst entscheiden. Wie schnell man als Flüchtling in Europa aufgenommen wird, ist eine ganz andere Geschichte.

„Euphobia“ nennt sich das kleine Büro, das Max Thommes und Julie Schroell im Eingang des Parkhauses eingerichtet haben. „All immigrants must sign in at the office“ lautet die Forderung, und wer mitmacht und den Fragebogen ausfüllt, ist sich nachher einer lustigen Überraschung sicher. Euphobia ist eigentlich die Angst vor guten Nachrichten, die Unfähigkeit, Glück zu empfinden oder das Glück anderer zu teilen. Wie also kann es ein Land namens Euphobia geben, in dem es keine Arbeitslosigkeit gibt, die Menschen unsterblich sind, dem Wirtschaftswachstum keine Grenzen gesetzt und alle willkommen sind?

Die Schlagbäume, die abgerissen worden sind, dürfen nicht wieder wachsen. Nicht in Europa und auch nicht in den Köpfen der Europäer.

Claude Thoma scheint die Antwort zu wissen: Europa ist eine unrealisierbare Utopie. Ein Nicht-Ort. Ein verlorengegangenes Paradies. Und so zeigen die Kollagen, die auf einer Sammlung von Fotografien basieren, die auf Reisen quer durch Europa entstanden sind, unberührte Naturräume und Landschaften, die noch nicht von Menschenhand umgeformt worden sind und trotzdem perfekt wirken. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt.

Eines der interessantesten Projekte geht auf 15 großformatige Schwarzweißaufnahmen aus dem Jahr 1985 zurück, als das Gefängnis im Grund geräumt wird, um sich in ein Kulturzentrum zu verwandeln. Die engen Zellen, das bescheidene Mobiliar, die Gitterstäbe vor den winzigen Luken, die verschmierten Wände vermitteln nicht nur eine düstere Atmosphäre, sondern lassen auch erahnen, welche Schicksale sich dort abgespielt haben müssen. Patricia Lippert, die 1985 eine kleine Rolle in Andy Bauschs Film „Troublemaker“ spielt und daher Einlass zu dem verlassenen Gebäude hat, stellt ihre damals entstandenen Bilder und Zeichnungen in einer ersten Einzelausstellung in der Galerie Beaumont aus – und genau 30 Jahre später entsteht das Projekt „K&G“ – Kunst und Gefängnis. Eine Installation, die acht Inhaftierten des „Centre pénitentiaire de Luxembourg“ in Schrassig die Möglichkeit gegeben hat, zu dem Thema „InDoor-OutDoor“ Stellung zu nehmen.

Ein weiterer Beitrag der Luxemburger Künstlerin trägt den Titel „Die ewige Wiederkehr der Karotten“ und bezieht sich auf die griechische Sage von Gott Hades, der seine Gattin in die Unterwelt entführt, wo er ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, während die Mutter der verlorenen Tochter aus Trauer alles Leben auf der Erde verderben lässt. Was – zum Glück – Zeus zum Eingreifen zwingt, da sonst die ganze Welt verhungert wäre. Schließlich wird eine Einigung erzielt, die es Persephone erlaubt, einen Teil des Jahres wieder im Sonnenlicht zu verbringen. So werden die Jahreszeiten geboren. Doch zurück zum Jetzt und der Tatsache, dass es – laut Patricia Lippert – immer wieder Geschichten von Rettern gibt, die sich für die Sünden der Welt opfern. So wie es auch stets Unbelehrbare geben wird, die mit verseuchtem Wasser in verseuchter Erde fruchtbaren Samen züchten wollen: die Künstler.

Das dritte Lippert-Projekt „Game of Thrones“ zeigt einen Altar aus Stühlen. Doch nicht Jesus oder die Mutter Gottes werden angebetet. Stattdessen thront das Abbild eines mit seinen Hörnern von unten nach oben stoßenden Stiers in luftiger Höhe. Und das Tier hat einen Namen: Geld. „Ihm opfern wir unser Leben, unsere Lust, unsere Zeit“, so die Künstlerin. Weitaus weniger kritisch nähern sich Benjamin Nicaud, Paul Bourigan und Berta Cusa der Auseinandersetzung mit dem Thema Europa. Das im Rahmen des internationalen Architekturwettbewerbs „Concordia Lighthouse Competition“ entworfene Projekt „Le phare“ ist Wunden gewidmet, die nie heilen, und ist als Aufforderung zum Nicht-Vergessen zu verstehen. Gemeint sind damit nicht allein die Opfer der Kreuzfahrtschiff-Katastrophe vor der Mittelmeerinsel Giglio, sondern alle, die zwischen Himmel und Hölle leben. So toll die Idee auch ist, eine Open-Air-Ausstellung im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft zu organisieren, der ungemein ausdrucksstarke Beitrag „Lightpainting“ von Yann Ney, die wertvollen Glaskreationen von Pascale Seil sowie die Bilder von Vanessa Buffone hätte einen „passenderen“ Rahmen verdient.

Bis zum 30. August auf dem Place du Théâtre in Luxemburg-Stadt.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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