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Musik für die Augen

Die Antwoord — I Fink U Freeky

Die Antwoord — I Fink U Freeky

Vor allem Fans von Musikvideos kommen bei „The World Of Music Video“ in der Völklinger Hütte voll auf ihre Kosten, denn die Ausstellung bietet einen fesselnden Einblick in die Geschichte dieser speziellen Kulturform.

Audioguides sind so eine Art Influencer der Ausstellungs- und Museumswelt. Sprich, sie sind irgendwann in den 10er-Jahren aufgetaucht, sind in der Regel mehr Schein als Sein, mehrheitlich überflüssig und grassieren mit einer Virulenz um sich, die selbst eine höchst infektiöse Corona-Variante vor Neid erblassen lässt.

Klar ist allerdings auch, dass manche Ausstellungskonzepte ohne diese Kopfhörer-Gedöhns (ja, ich hasse Audioguides) nicht möglich wären. „The World Of Music Video“ gehört dazu. Die 84 Musikvideos aus 30 Ländern, welche aktuell in der Gebläsehalle der Völklinger Hütte auf 62 Großleinwanden und 22 Kubus-Monitoren gezeigt werden, hätte man in keiner anderen Form dem Publikum präsentieren können. Und die gute Nachricht gleich vorweg: Die Technik funktioniert. Der Audioguide switcht (meist problemlos) vor jeder Leinwand zum entsprechenden Musikstück und liefert eine kurze textliche Erklärung gleich mit. Die schlechte direkt hinterher: Die Kopfhörer des Audioguides scheinen ein Direktimport von irgendeinem chinesischen Elektro-Ramschwarenversand zu sein und von einer solch schäbigen Klangqualität, dass sie das Erlebnis in „The World Of Music Video“ leicht verhageln. Sie mögen im normalen Museumsbetrieb vielleicht ihren Dienst leisten, aber für eine Ausstellung, die Musik in den Fokus stellt, völlig unzulänglich. Sie sind also vorgewarnt: Den eigenen Kopfhörer beim Besuch in der Völklingerhütte einzupacken, ist auf jeden Fall mehr als nur empfehlenswert.

Baloji — Peau de chagrin / Bleu de nuit

Baloji — Peau de chagrin / Bleu de nuit

Die Ausstellung selbst bietet einen Streifzug durch die Landschaft der Musikvideos. Diese sind nicht nur ein fester Bestandteil der Gegenwartskultur, welche dank Internet weltweit verbreitet ist und auch global abgerufen werden kann, sondern auch eine schöpferische Spielweise für Künstler, Regisseure und Choreografen. „Über 80 der interessantesten Musikvideos der letzten Jahre und Jahrzehnte verdichten sich im Weltkulturerbe zu einem großen Parcours und Panoptikum der Kunstform. Wir wollen emotional wie intellektuell inspirieren, körperliche Erfahrung ist garantiert in diesem veritablen Musikvideo-Kosmos“, wird Dr. Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte und Kurator der Ausstellung im Pressetext zu „The World Of Music Video“ zitiert.

Es mach auf jeden Fall Spaß, das ein oder andere kreative oder visuell ausdrucksstarke Video (neu) zu entdecken.

Und es mach auf jeden Fall Spaß, das ein oder andere kreative oder visuell ausdrucksstarke Video (neu) zu entdecken, auch weil die Ausstellung sich nicht nur als geschichtliche Aufarbeitung des Kulturgenres versteht, wo musikalische und filmkünstlerische Aspekte eine Rolle spielen, sondern auch Videos zu aktuellen Themen wie Künstliche Intelligenz („All Is Full Of Love“ von Björk) oder Corona-

Mashrou' Leila — Radio Romance

Mashrou’ Leila — Radio Romance

Pandemie („Phenomen“ von Thao & The Get Down Stay Down) zeigt. Selbst verstörende oder Videos über psychische und physische Gewalt (jedes Mal gesondert gekennzeichnet) werden gezeigt. Und so kann man zum Beispiel Nine Inch Nails „Closer“ (eine Hommage an den Fotografen Joel-Peter Witkin) bestaunen, ein Vergnügen, das beim Erscheinen des Clips nur selten der Fall war, weil Musiksender ihn aufgrund der Textzeile („I wanna fuck you like an animal“) und verschiedener Bilder (es wird unter anderem ein ans Kreuz gebundener Affe und menschliche, lebende Organe gezeigt) wenn überhaupt, meist nur in zensierter Fassungen über den Äther schickten.

Genetikk — Vielleicht

Genetikk — Vielleicht

Ähnlich erging es dem Clip zu „Stress“ von der Band Justice. Dass ihr Musikvideo (es wird eine Jugendgang gefilmt, die alles, was sich ihnen in den Weg stellt, in Schutt und Asche legt und damit maximale Unsicherheit verbreitet) polarisieren würde, war Justice bewusst, nicht jedoch, welche Ausmaße die Diskussion darüber annehmen sollte. Die Vorwürfe lauteten auf Gewaltverherrlichung zu Marketingzwecken und Rassismus. Dabei wollte das Electronic-Duo vor allem einen Denkanstoß zu der Darstellung von urbanen Vororten in den Medien sein.

Make the Girl Dance — Baby Baby Baby

Make the Girl Dance — Baby Baby Baby

Neben sehr bekannten und klassischen Videos wie etwa Queens „Bohemanian Rhapsody“, „Hit Me One More Time“ von Britney Spears, „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana, der witzige Clip zu Deichkinds „Keine Party“ (welcher um einen einsamen Tänzer kreist), die virtuose Zeichentrick-Umsetzung zu Pearl Jams „Do The Evolution“, das aus der goldenen Ära der Musikvideos stammende Video zu Tom Pettys „Into The Great Wide Open“ (fast ein Kurzfilm, der um einiges länger ist als die Albumversion des Songs) oder der grandiose One-Take zu The Verves Welthit „Bitter Sweet Symphony“, die jeder schon irgendwie einmal gesehen haben dürfte, sind zahlreiche weniger oft gesehenen Clips (das dürften allerdings bei jedem Besucher andere sein), die zeigen, wieviel Kreativität in dieser Kunstform steckt.

Die Ausstellung richtet sich natürlich vor allem an Fans von moderner Musik und von Videos.

Egal, ob es das älteste Video der Ausstellung (ein kurzer Animationsfilm von Len Lye aus dem Jahr 1936 zum Lied „Rainbow Dance“), der durchgeknallte Clip zu „Kolschik“ der russischen Band Leningrad, der optische Geniestreich zu „Her Morning Elegance“ von Oren Lavie oder das auf Skandal-getrimmte (Nacktheit funkti

Vaundy — Fukakouryoku

Vaundy — Fukakouryoku

oniert eigentlich immer) „Baby, Baby, Baby“ von Make The Girl Dance – sie alle harmonieren und komplettieren auf ihre ganz eigene Art und Weise die dargebotene Musik. Besonders angetan (weil mir bisher unbekannt) hat es mir die Animation zu dem experimentellen Metal-Sound von „Spokes For The Wheel Of Torment“ des Gitarrenvirtuosen Buckethead (dessen musikalisches Schaffen mir durchaus geläufig ist). Scheinbar hatte Buckethead schon beim Schreiben des Liedes das Werk des niederländischen Ausnahmekünstlers Hieronymus Bosch vor Augen. Das wäre an sich nicht spektakulär, aber Syd Garon, der mit Eric Henry die Regie und Animation des Clips übernahm, der davon nichts wissen konnte, präsentierte Buckethead einen ersten kurzen Entwurf, ebenfalls auf Grundlage von Bosch-Gemälden. Das Ergebnis ist eine spätmittelalterliche Höllenvision, die einen durchaus verstört zurücklassen kann.

Deichkind — Keine Party

Deichkind — Keine Party

Die Ausstellung richtet sich natürlich vor allem an Fans von moderner Musik und Videos, aber nicht nur. Die zahlreichen Referenzen an andere Künstler und Kunstformen bieten an sich Grund genug, den Weg nach Völklingen zu finden. Außerdem wird eines deutlich: Um zu einem kreativen Endergebnis zu kommen, braucht man meist nur eine geniale Idee, denn manche Videos in der Ausstellung dürften kaum Geld verschlungen haben, während andere (von Madonna bis Guns’n’Roses) fast schon mit einem Hollywood-Budget gedreht wurden.

Über zwei Stunden sollte man schon einplanen, auch wenn es natürlich aufgrund der Fülle an Videos unmöglich scheint, sich alle in voller Länge anzuschauen. Etwas erstaunt kann man sich als Musikfan durchaus darüber zeigen, dass kein Video von „OK Go“ den Sprung in die Ausstellung geschafft hat. Schließlich sind die Amerikaner vor allem durch ihre äußerst kreativen und kongenialen Videos (egal, ob zu „This Too Shall Pass“, wo eine gigantische Rube-Goldberg-Maschine synchron zur Musik abläuft oder die herrlich schräge Laufband-Choreografie zu „Here it goes again“) erst bekannt geworden. Im „Museum of Pop Culture“ in Seattle haben OK Go längst ihren Platz gefunden. Vielleicht auch in einer zweiten Auflage von „The World of Music Video“, dann aber ganz sicher mit eigenem Kopfhörer im Gepäck.

Text: Hubert Morang // Fotos: Ralf Beil, Tom Gundelwein, Oliver Dietze / Weltkulturerbe Völklinger Hütte, Sultan Günther Music / Auge Altona, Roger Ballen, Bella Union / [PIAS], Roy Music, Stardust Records, ShoopShoo

Ausstellungsansicht THE WORLD OF MUSIC VIDEO, Gebläsehalle, Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Ausstellungsansicht THE WORLD OF MUSIC VIDEO, Gebläsehalle, Weltkulturerbe Völklinger Hütte

„The World of Music Video“, noch bis zum 16. Oktober in der Gebläsehalle der Vöklinger Hütte. Täglich von 10 bis 19.00 Uhr geöffnet. Alle Infos und Tickets unter: https://voelklinger-huette.org

Author: Philippe Reuter

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