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Mutter sein

Die Geburt von Kindern verändert alles. Diese Erfahrung macht Fotokünstlerin Cristina Dias de Magalhães, als ihre Zwillingstöchter auf die Welt kommen. Und genau davon erzählt „Instincts. Same but different“.

Was versteht man unter Mutterinstinkt? Wie stark wird mütterliches Verhalten von gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten beeinflusst? Und wird der Fortbestand der Menschheit tatsächlich dadurch gesichert, dass Mütter ohne nachzudenken wissen, wie sie sich um ihr Kind zu kümmern haben? Cristina Dias de Magalhães ist keine Wissenschaftlerin, sondern Fotografin. Dennoch setzt sie sich in ihren Projekten bewusst und zudem intensiv mit dem auseinander, was in der Entwicklungspsychologie als Verhaltensmuster bezeichnet wird. Ihre Fotoserie „Vu(es) de dos“ konfrontiert den Betrachter beispielsweise mit Rückenfiguren und der Frage, ob der Betrachter sich mit einer Person ohne Gesicht identifizieren kann. Und ob das Porträt eines Menschen von hinten etwas über seine geheimen Sehnsüchte oder versteckte Narben preisgibt.

 ”Meng Kanner sinn en Deel vu mengem Liewen. En Deel vu mir selwer an elo och den Deel vu menger Konscht.”
– Cristina Dias de Magalhães

Bei „Instincts. Same but different” steht ihr Blick auf einen persönlichen Kosmos im Mittelpunkt. Seit ihre Zwillingstöchter auf der Welt sind, ist vieles anders geworden. Als Mutter geht man plötzlich neue Wege. Was früher vielleicht selbstverständlich war, ist es plötzlich ganz und gar nicht mehr. Man setzt andere Prioritäten. Man lernt, Verantwortung zu übernehmen. Das Leben geht zwar unbeirrt weiter, allerdings nicht wie vorher. „Meng Kanner sinn elo en Deel vu menger Welt. En Deel vu mengem Liewen an natirlech och en Deel vu mir selwer“, erklärt Cristina Dias de Magalhães. Ein Kind beim Aufwachsen zu begleiten sei ebenfalls eine Reise zurück in die eigene Kindheit. Es hat der Fotokünstlerin Spaß gemacht, sich auf diese Reise zu begeben und zusammen mit Victoria und Helena, die vor ein paar Monaten noch ein Schwesterchen bekommen haben, den gemeinsamen Lebensraum neu zu entdecken. „Dobäi hunn ech geléiert, wat et heescht, instinktiv ze handelen.”

Während die Fotoreihe „Embody“ Selbstporträts mit Landschaftsaufnahmen kombiniert, stehen sich bei „Instincts. Same but different“ Bilder von und mit den Kindern der Künstlerin und Naturbilder gegenüber. Die Fotografien aus dem privaten Bereich sind angeschnitten, die anderen nicht. Trotzdem entsteht ein Ganzes. Was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass Cristina Dias de Magalhães bei der Auswahl ihrer Diptychen nichts dem Zufall überlasst. Licht und Farbgebung müssen perfekt zueinander passen. Auch der Kairos spielt erneut eine wichtige Rolle. Und es gelingt der 1979 in Luxemburg geborenen Künstlerin immer wieder, diesen flüchtigen und dennoch alles entscheidenden Augenblick, der etwas Besonderes und Seltenes ist, mit der Kamera festzuhalten. In Zeiten, in denen eine Pandemie die Menschheit und das Menschsein auf eine harte Probe stellt, macht die Ausstellung im Düdelinger Centre d´art Nei Liicht auf leise Weise unmissverständlich deutlich, was (neben der Würde) unantastbar bleiben muss: Liebe. Liebe ist nicht handelbar und unverkäuflich. Es gibt sie nur komplett. Ohne Wenn und Aber.

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Dass Cristina Dias de Magalhães die international bekannte finnische Video- und Fotokünstlerin Elina Brotherus zu ihren Vorbildern zählt, kommt nicht von ungefähr. Beide schaffen überraschende Bilderfindungen, mit denen sie die Möglichkeiten der Fotografie neu auslotsen. Zudem werden Konzepte früherer Generationen überprüft und aktualisiert. Wobei dem Blick von außen eine eigene Sichtweise gegenübergestellt wird. Mutterschaft ist ein Prozess. „Ech hu mech am Laf vun deem Prozess missen nei definéieren. Als Fra an och als Kënschtlerin, mee virun allem als Mamm.“ Als tagebuchartig ist „Instincts. Same but different“ nicht zu beschreiben. Stattdessen handelt es sich um eine Art Anthologie besonderer Momentaufnahmen, die eine gewisse Wärme ausstrahlen und dem Betrachter vielfältige Assoziationsmöglichkeiten bieten.

Bis zum 21. Februar im Centre d´art Nei Liicht in Düdelingen, www.galeries-dudelange.lu, www.cristina-dias.com

Fotos: Cristina Dias de Magalhães

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Dario Herold

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