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Nachlass des Scheiterns

Kein Verlag hat Bernward Vespers drogenberauschte Aufzeichnungen drucken wollen. Doch dann kommt der Deutsche Herbst, und „Die Reise“ wird als literarisches Highlight der 1968er Bewegung gefeiert. Dessen Bühnenfassung steht nun im TNL auf dem Programm.

Bernward Vesper hat gelitten. Soviel steht fest. Sein 1962 verstorbener Vater war Nationalsozialist, hat sich wie kaum ein anderer Schriftsteller in den Dienst von Hitlers Propaganda gestellt und schrieb zahlreiche „Führergedichte“. Ob der Sohn deswegen LSD-abhängig wird? Man könnte es verstehen. Und dann verliebt sich der Geschichts- und Germanistik-Student in Gudrun Ensslin, die spätere Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion. Die beiden gründen einen Kleinverlag, setzen sich bei der Bundestagswahl 1965 aktiv für SPD-Spitzenkandidat Willy Brandt ein, werden Eltern eines Jungen (Felix Ensslin arbeitet heute u.a. als Dramaturg und Hochschullehrer). Ein einigermaßen „normales“ Leben wäre damals vielleicht möglich gewesen. Es kommt hingegen anders. Als die Pastorentochter ihren Freund wegen Andreas Baader verlässt, setzt Bernward Vesper sich an den Schreibtisch und beginnt eine Art Tagebuch.

02-Kopie„Die Reise“ besteht aus einer Aneinanderreihung von Kindheitserinnerungen, politischen Einschätzungen der Situation in Deutschland und wirren Gefühlserfahrungen unter dem Einfluss unterschiedlicher Drogen. Mal kommt eine unbändige Wut zum Ausdruck, mal klingen einzelne Abschnitte großartig poetisch. Und selbstverständlich setzt sich der Autor, der 1971 in einer psychiatrischen Anstalt Selbstmord begeht, nicht nur intensiv mit dem übermächtigen Vater und dessen faschistischen Vergangenheit auseinander, sondern ebenfalls mit dem eigenen Scheitern und dem kollektiven Scheitern der 1968er Bewegung. Dennoch will kein Verlag das Manuskript drucken. Erst Anfang 1977 erscheint das Buch unbemerkt und in kleiner Auflage. Um keine sechs Monate später als „wichtigste literarische Neuerscheinung des Jahres“ von der Frankfurter Rundschau gepriesen zu werden. Was ist passiert?

In einer multimedialen Bühnenperformance versuchen drei Schauspieler, einen der radikalsten Texte des 20. Jahrhunderts erfahrbar zu machen.

Die Todesnacht von Stammheim, in welcher die RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe sterben, verwandelt Bernward Vespers chaotische Suche nach sich selbst in einen einzigartigen Bestseller, ein wahres Zeitdokument. Es ist absolut nicht wichtig, all diese Hintergründe zu kennen, um Kathrin Herms Bühnenfassung der Schilderung eines 24-stündigen LSD-Trips zu verstehen, aber es hilft. Genau wie im 700 Seiten dicken Textlabyrinth setzt sich das Stück aus autobiografischen Passagen, mehr oder weniger einleuchtenden Gesellschaftsanalysen und zum Teil sehr wirren Traumfetzen zusammen. Dabei versuchen drei Schauspieler, dem Publikum den Nazi-Sohn und Fast-RAF-Angehörigen greifbar zu machen. Gespielt wird in einem Haus, das jederzeit einzustürzen droht und Vespers seelische Grundstimmung, sein Leiden an der Welt und ihrer Unzulänglichkeit nahezu perfekt widerspiegelt.

Die wortgewaltigen Texte eines vom Schreiben Besessenen zu „spielen“, ist kein Zuckerschlecken. Angesichts der Videoausschnitte, die ich gesehen habe, wird der recht aggressive Körpereinsatz von Aleksandra Corovic, Aaron Friesz und Robert Huschenbett mitunter schwer zu ertragen sein. Andererseits gibt es keinen anderen Weg, um den extremen Gedanken und der Widersprüchlichkeit des Protagonisten gerecht zu werden. Bernward Vesper selbst wäre von der Art und Weise, wie sich Kathrin Herm seiner Reise annimmt, begeistert gewesen. So wie er auch davon überzeugt gewesen ist, dass sein Buch Erfolg haben wird. In einem seiner Briefe an den Verleger Jörg Schröder heißt es: „Wir werden ihnen eine Melodie vorsingen, die ihnen hundert Jahre in den Ohren dröhnen soll.“ Zwar sind erst rund 50 Jahre seit der RAF-Gründung vergangen, doch aktuelle Emanzipationsbewegungen wie die „Fridays for Future“- oder „Black Lives Matter“-Demonstrationen beweisen, dass soziale Ungerechtigkeit, Fremdenhass und Radikalismus nach wie vor zum Standardprogramm der Nachrichtenlandschaft gehören.

Das fragmentarische Bühnenbild spiegelt die Zerrissenheit des Protagonisten nahezu perfekt wider.

01-Kopie„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, hält George Santayana in „The Life of Reason“ fest. Im originalen Zusammenhang argumentiert der spanische Philosoph mit diesem Zitat gegen einen naiven Fortschrittsglauben. Das Performance-Kollektiv tangentCOLLABORATIONS verwendet es hingegen in einem historisch-moralischen Sinn, um darauf hinzuweisen, dass man aufgrund des zunehmend bedrohlicher werdenden Rechtsextremismus aufmerksam sein sollte. Vor allem jetzt, da ganz andere Feinde im Mittelpunkt stehen: die Corona-Virus-Mutationen. Davon, dass sich im Herbst 1977 alles um die RAF gedreht hat, hat Bernward Vesper nichts mehr mitbekommen. Die Parallelen zwischen der damaligen Verunsicherung in der Bevölkerung und der heutigen Angst vor einer unsichtbaren Bedrohung bleiben derweil offensichtlich. Auch wenn es in „Die Reise, ein Trip“ nicht vordergründig um die Trümmerhaufen geht, die der RAF-Terror zurückgelassen hat und die jeder Terrorist zurücklässt, so sind die Wunden, an denen sich Bernward Vesper in seinem Romanessay abarbeitet, gleichermaßen tief.

Text: Gabrielle Seil  Fotos: Myriam Stängl

Cover-Die-Reise-Kopie

Am 20., 21. & 22. Mai um 20 Uhr im TNL, www.tnl.lu

Author: Philippe Reuter

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