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Nähkästchengeplauder

Seit drei Jahrzehnten lässt Michael Begasse die Blaublüter dieser Welt nicht aus den Augen. In „111 royale Momente für die Ewigkeit“ fasst er die schönsten und skandalösesten Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart zusammen.

Großherzogin Maria Teresa wird nicht „amused“ sein. Ursprünglich wollte Michael Begasse über die Hochzeit von Erbgroßherzog Jean und Prinzessin Joséphine-Charlotte im Jahr 1953 berichten, doch dann wird er auf den sogenannten Waringo-Bericht aufmerksam und sattelt um. Ermittlungen über Missstände an einem adligen Hof – eine solche Nachricht ist für diesen Journalisten gefundenes Fressen. Allerdings geht der Adelsexperte nicht ins Detail, sondern beschränkt sich auf ein paar harmlose Seitenhiebe und mehrere Zitate aus der 43 Seiten langen Analyse, in der von einem Klima der Angst und einer miesen Personalpolitik die Rede ist. Nichts Neues demnach. Und dass die Großherzogin anscheinend getobt hat, haben Insider ihm verraten. Eine Demontage geht anders. Aber daran ist der Autor von „111 royale Momente für die Ewigkeit“ gar nicht interessiert. Schließlich will er weiterhin als akkreditierter Kommentator zu königlichen Hochzeiten, Taufen oder Trauerfeiern eingeladen werden.

Wer regelmäßig das RTL-Starmagazin „Exclusiv“ schaut, mehrere Staffeln der großartigen britischen Fernsehserie „The Crown“ gesehen und ein Herz für Royals hat, kann selbstverständlich ein Wörtchen mitreden, wenn Michael Begasse mit dem britischen Königshaus abrechnet. Trotzdem macht es Spaß, das Kapitel über Prinzessin Dianas sexy Rachekleid nachzulesen: eine schulterfreie schwarze Kreation der Designerin Christina Stambolian, die am Tag nach der groß angekündigten TV-Dokumentation über die Liebe ihres Ex-Mannes zu Camilla Parker Bowles auf allen Titelseiten zu finden war. Allerdings setzt sich der Adelsexperte nicht nur mit beliebten Themen der Boulevardpresse auseinander, sondern erinnert ebenfalls an sehr ernsthafte und schicksalsentscheidende Momente der vergangenen Jahrzehnte.

So hat Juan Carlos von Spanien sein Land nach dem Tod Francos im Jahr 1975 vor einer Diktatur bewahrt und stattdessen mit einer neuen Verfassung in die Demokratie und die Europäische Union geführt. Dass der Monarch später in einen gigantischen Korruptionsskandal verwickelt war und sich in einer Nacht- und Nebelaktion ins Ausland absetzte, ist eine andere traurigere Geschichte. Leider kratzt Michael Begasse auch bei bereits verstorbenen Royals nur sehr vorsichtig an der Oberfläche. Andernfalls hätte er zumindest in einem Nebensatz andeuten können, dass Schah Mohammed Reza Pahlevi Persien keineswegs in eine moderne Weltmacht verwandelt, sondern pompös in den Untergang geführt hat. Tausende Kritiker und Antimonarchisten sind in den Gefängnissen des letzten Pfauenthronherrschers zu Tode gefoltert worden. Die mittlerweile 83-jährige Farah Diba soll derweil immer noch davon träumen, irgendwann in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen. Was wohl beweist, wie weltfremd manche Ex-Monarchen sind.

Darüber, dass in „111 royale Momente für die Ewigkeit“ die Frauen die Oberhand haben, darf einerseits geschmunzelt werden, andererseits beweisen die Geschichten über Filmdiva Grace Kelly, die ihre Hollywoodkarriere an den Nagel hing, um in Monaco Fürst Rainier III. zu heiraten, oder über die geheimnisvolle US-Amerikanerin Wallis Simpson, deretwegen König Edward VIII. 1936 abdankte, dass Hoheiten mit Vorliebe starke Partnerinnen an ihrer Seite haben. Weitere Beispiele: Gloria von Thurn und Taxis, die es als „Punkerfürstin“ so richtig krachen lässt, sowie TV-Journalistin Letizia Ortiz, die 2003 in einem weißen Hosenanzug von Armani an der Seite von Kronprinz Felipe vor die Weltpresse trat und den zukünftigen König im Verlauf des Interviews sogar anfuhr: „Lass mich mal ausreden!“

Für Skandale sorgen indes Prinzessin Margaret, die Kettenraucherin und Alkoholikerin, und in gewisser Hinsicht auch Máxima der Niederlande, Tochter eines Gefolgsmannes von Diktator Jorge Rafael Videla. Obwohl Jorge Zorreguieta anscheinend keine Straftaten nachzuweisen waren, war die Heirat zwischen der Bürgerlichen aus Argentinien und dem künftigen König umstritten. Königin Beatrix musste mit Premierminister Wim Kok verhandeln. Resultat: Der Vater durfte nicht zur Trauung nach Amsterdam kommen, Máxima hingegen vor dem Altar weinen. „Royals sind (zum Glück) auch nur Menschen“, folgert Michael Begasse. Madeleine von Schweden ist übrigens seine Lieblingsprinzessin, und wenn er an den tragischen Unfalltod von Prinzessin Diana oder die Corona-Rede von Queen Elisabeth II. im April 2020 denkt, bekommt er immer noch Gänsehaut. Etwas anderes hätte man auch nicht von ihm erwartet.

Text: Gabrielle Seil // Fotos: Emons Verlag/Wikimedia Commons, Britta Schmitz (1)

Michael Begasse

1966 in Trier geboren, arbeitet seit 30 Jahren als Journalist, Autor, Moderator und Sprecher. Seit 1994 ist er „der“ Adelsexperte bei RTL und berichtet über glanzvolle Thronwechsel, märchenhafte Prinzen- oder Prinzessinnenhochzeiten und königliche Taufen. Zudem scheibt Michael Begasse (unter Pseudonym) Musiktexte in deutscher und englischer Sprache, entwickelt Radio- und TV-Konzepte, bietet Medien-Coachings an und kann für royale Themenreisen auf den Schiffen der A-Rosa-Flotte gebucht werden. Begasse lebt derzeit in Köln. www.michael-begasse.de

Cover-111-Royale-Momente-für-die-Ewigkeit-Kopie

Erschienen beim
Emons Verlag, mit
zahlreichen Fotografien, 240 Seiten, 16,95 Euro.
www.emons-verlag.de

Author: Philippe Reuter

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