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Nervöse Gesellschaft

In seinem Buch „Die große Gereiztheit“ beschreibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen den „kommunikativen Klimawandel“ unserer Gesellschaft. Profiteure der neuen Medienwelt sind Politiker wie Donald Trump.

„Anything goes.“ Alles geht. Diesen Slogan hat der Wiener Philosoph Paul Feyerabend einst dem gleichnamigen amerikanischen Musical von Cole Porter entnommen. Übersetzt hat er ihn damals, Mitte der 1970er Jahre, mit: „Mach, was du willst!“ Der Österreicher wollte damit sagen, dass es in der Wissenschaft keine rationale und allgemeine sowie jederzeit gültige Regel gebe, was erlaubt oder geboten sei. „Anything goes.“ Alles geht. So könne man auch Donald Trumps Maxime nennen, schrieb Bernhard Pörksen kürzlich in seinem Essay „In der Pandemie können Fake News tödlich sein“. Nach einer Recherche der Washington Post hat der US-Präsident in seiner Amtszeit bisher mehr als 20.000 Mal die Unwahrheit gesagt, betont der Tübinger Medienwissenschaftler. Die Pandemie hat auch Pörksens Pläne durchkreuzt. Eigentlich hätte er dieses Jahr als Gast im Thomas-Mann-Haus in Los Angeles über Polarisierung und politische Kommunikation forschen sollen. Daraus wurde nichts.

Pörksen hat geahnt, was sich bei der US-Präsidentschaftswahl zusammenbraute. Was auch immer gegen den Amtsinhaber vorgebracht werden konnte, Trump besitze eine Skandalimmunität. Das Grundprinzip dabei, so Pörksen: „Realitätszensur durch Rauschen, Ermüdung durch Verwirrung, Zerstörung der Maßstäbe durch die Produktion von Chaos und den Ausstoß von Nonsens-Meldungen. Bis niemand mehr so genau sagen kann, was eigentlich stimmt. Bis Fakt und Meinung ununterscheidbar geworden sind. Bis Menschen im Gestöber der Halbwahrheiten und im frei umher wirbelnden Informationskonfetti auf das zurückgreifen, was sie ohnehin glauben oder doch glauben wollen.“

Ob diese „Methode permanenter Bullshit-Produktion“ noch in der Corona-Krise funktioniere, fragte sich der Medienwissenschaftler. Die zur Farce geratene US-Wahl hat es bewiesen. Trump verharmloste die Pandemie, obwohl er von der Gefahr wusste. Es spielte sie bewusst herunter und zog das Tragen von Schutzmasken ins Lächerliche. Er fand es sinnvoll, sich Desinfektionsmittel gegen das Virus zu spritzen. Pörksen weiß: „Man kann jede Menge Quatsch über Covid-19 in die Welt pusten und die Pandemie zur Erfindung umdeuten.“ Pörksen bezeichnet Trump als Mischfigur aus Reality-TV und Internet-Troll. Auch wenn der Medienforscher bis vor kurzem noch glaubte, dass die Pandemie eine Bedrohung für den autokratischen Lügner werden könne, weil sich das Virus nicht leugnen lasse, muss er jetzt erkennen: Trumps Anhängerschaft bleibt diesem treu, der Stamm hält zu ihm. Die Pandemie schien dem amerikanischen Präsidenten nichts anzuhaben. Nicht zuletzt, weil er der Profiteur einer veränderten Medienwelt ist und diese Veränderung sogar vorantreibt. Während er den klassischen Journalismus verunglimpft, peitscht Trump seine Anhänger mit Hilfe der sozialen Medien auf. Fox News dient ihm als Präsidentensender, als zentraler Knotenpunkt im ultra-konservativen Medienmilieu, in dem zusammen mit rechten bis rechtsextremen Netzplattformen die eine alternative Wirklichkeit erzeugt wird und Hassattacken, Desinformationen und rassistische Verschwörungstheorien verbreitet werden.

Ein hauptsächliches Problem unserer heutigen Medienwelt sei, konstatiert Pörksen, dass wir im digitalen Zeitalter alle zu Sendern geworden sind, und dass wir medienmächtig, aber noch nicht medienmündig sind. Wir befinden uns gewissermaßen in einem Zustand der „medialen Pubertät“. In seinem Buch „Die große Gereiztheit“, benannt nach einem Kapitel aus Thomas Manns Roman „Zauberberg“, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielt, schildert der 51-jährige Wissenschaftler die verschiedenen Effekte der Vernetzung: wie zum Beispiel gedankenlos hochgeladene Videos Existenzen zerstören oder wie Fake News Mord und Totschlag zur Folge haben können.

Der Einfluss des Internets auf liberale und demokratische Gesellschaften ist zwiespältig. Pörksen sieht es als einen großen Verzerrer, der alte Filter und Formen, die sowohl im Privaten als auch im Politischen wichtig sind, auflösen. Das Unterste wird nach oben gespült, gewohnte Rollenbilder werden durcheinandergewirbelt. Der Autor schlägt jedoch nicht in dieselbe Kerbe der kulturkritischen Skeptiker der digitalen Revolution. Vom Abschalten, Ignorieren und Digital Detox hält er wenig. Pörksen, der sich als Grenzgänger zwischen Öffentlichkeit und Forschung bezeichnet und glaubt, dass Wissenschaft, die sich abschottet, schlechte Wissenschaft sei, ist jedoch kein Kulturpessimist. Er vermeidet apokalyptische Töne. In seiner schonungslosen Analyse der Kommunikationsgesellschaft hat er nicht die Hoffnung verloren. Er sieht durchaus die Vorteile der digitalen Vernetzung im Übergang von der „Mediendemokratie“ zur „Empörungsdemokratie“. Diesen digitalen Kulturbruch nennt er den „kommunikativen Klimawandel“.

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„Die große Gereiztheit“, bereits vor zwei Jahren erschienen, beschreibt Pörksen anhand verschiedener Fälle, wie den der 13-jährigen Lisa: Die junge Deutschrussin kam im Januar 2016 nachts nicht Hause und belog ihre Mutter am nächsten Tag, von südländisch aussehenden Männern vergewaltigt worden zu sein. Kurz darauf tauchten wütende Russen vor einem Asylbewerberheim auf, berichtete ein russischer Fernsehsender darüber und forderte die NPD auf einer Veranstaltung die Todesstrafe für Kinderschänder. Der russische Außenminister warf den deutschen Behörden vor, das Verbrechen aufgrund politischer Korrektheit nicht angemessen zu verfolgen. Aus der Lüge einer 13-Jährigen war eine diplomatische Krise geworden.

Pörksen nennt zahlreiche weitere Beispiele, wie das eines jungen Mannes, der im Juli 2010 in einer kleinen Gemeinde in Florida einen Pfarrer dabei filmte, wie dieser dafür eintrat, einen Koran zu verbrennen – was über die sozialen Medien weltweite Verbreitung fand und in einigen Ländern zu Protesten und Dutzenden Toten führte. Das alles sind Beispiele „dieser großen Gereiztheit“ des gesellschaftlichen Kommunikationsklimas, das für alle spürbar und erlebbar ist. Fast jeder kennt mittlerweile jemanden, der schon einmal online attackiert oder gemobbt wurde, aber nicht jeder weiß, dass Algorithmen unsere Informationsströme manipulieren – und dass dadurch eine massive publizistische Machtverschiebung stattfindet.

In dem Buch wird die Möglichkeit der Selbstabschottung beschrieben. Zugleich gibt es aber die menschliche Bestätigungssehnsucht. Wir können für die eigenen Urteile und Vorurteile sofort eine Bestätigung finden. Zugleich sind wir konfrontiert mit den Ansichten und Vorstellungen der anderen, die immer nur einen Klick entfernt sind. Dies führt zu einer permanenten Überforderung. Früher prägte eine qualifizierte Öffentlichkeit, wie sie Pörksen nennt, also Qualitätszeitungen und öffentlich-rechtliche Medien, das Kommunikationsklima der Gesellschaft und den öffentlichen Diskurs. Doch die neuen Medien haben eine mediengeschichtliche Zäsur eingeläutet, stellt der Autor fest. Sie haben das Kommunikationsklima verändert, indem sie privates und öffentliches Bewusstsein kurzschließen. Daraus entsteht eine neue Dynamik, eine rauschhafte Nervosität und eine Gereiztheit, die oft auf Gerüchten und Falschmeldungen beruht und manchmal in Gewalt endet. Laut Pörksen wird die Wahrheit zersetzt, Autorität pulverisiert, der Diskurs durch den Extremismus ruiniert und die Reputation jedes Einzelnen angreifbar.

Wir sind gereizt, so Pörksen, weil wir online „der Gesamtgeistesverfassung der Menschheit“ schutzlos ausgeliefert sind und umso nervöser nach „Fixpunkten und Wahrheiten“ suchen. In den sozialen Medien fehlen seinen Worten zufolge „zivilisierende Diskursfilter“.

Doch wie bereits erwähnt, ist die Lage nicht hoffnungslos: Pörksen spricht von einer Übergangsphase der Medienevolution. Der Mensch wird neue Zivilisierungs- und Mäßigungsinstrumente entwickeln. Als Rettung nennt er eine „redaktionelle Gesellschaft“, wo die Spielregeln und Prinzipien eines „ideal gedachten Journalismus“ gelten. Dieser soll zur Allgemeinbildung und zum selbstverständlichen Ethos“ werden soll. Doch der Vorschlag überzeugt nicht wirklich. Pörksen will die Dauererregung im Internet mit den Tugenden und der Wahrheitssuche des Journalismus beheben: Skepsis, Distanz, Faktenprüfung, und die Suche nach Wahrheit. Das klingt angesichts der aktuellen medialen Realität utopisch. Journalisten sollen ihre Leser in einer Art Dauerdiskurs miteinbeziehen. Eine allgemeine Kommunikationsethik soll uns vor den Auswüchsen der digitalen Medien behüten. In diesem Sinne sieht der Autor in der redaktionellen Gesellschaft ein „Bildungsziel für die digitale Moderne“ und sein Buch als Aufruf zur „Bildungsoffensive“. Gut zu lesen und unterhaltsam ist es allemal. Wie es einem Grenzgänger zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft gebührt.

Fotos: Creative Commons

Miteinander reden
Bernhard Pörksen hat in seinem neuesten Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik“, das er zusammen mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun verfasst hat, weiter den „kommunikativen Klimawandel“ analysiert. Die beiden Autoren zeigen mögliche Auswege aus der Polarisierungsfalle in Zeiten der großen Gereiztheit und der populistischen Vereinfachungen.

  • Die große Gereiztheit: Wege aus der kollektiven Erregung“.
    Hanser Verlag, München 2018.
  • „Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog
    in Gesellschaft und Politik.“. Hanser Verlag, München 2020.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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