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Netzwerke des Terrors

Die jüngsten Attentate in Frankreich und Österreich – bei letzterem wurde ein luxemburgischer Student verletzt – zeigen, dass nach wie vor eine islamistische Gefahr in Europa besteht. Der Autor, Terrorexperte und Ex-Geheimdienstler André Kemmer erklärt die Zusammenhänge.

Wie akut ist islamistische Terrorgefahr in Europa?
Es ist schwer einzuschätzen, ob und in welchem Ausmaß es zu weiteren Anschlägen kommen wird. Das Potenzial ist da. Es braucht auch keine Karikaturen wie die von „Charlie Hebdo“, um junge Dschihadisten zu einem Anschlag zu motivieren. Christentum und Judentum sind für sie immer das Feindbild. Die Messerattacken auf zwei Journalisten in Paris in der Nähe der früheren Redaktion von „Charlie Hebdo“ war sicherlich eine Folge der erneuten Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen und des seit September laufenden Prozesses um den Terroranschlag auf das Satiremagazin. Der Anschlag des jungen Tunesiers auf die Notre Dame in Nizza zeigt, dass es für die Attentäter immer einen Anlass für einen Anschlag gibt. Vor allem der Wahhabismus, die unter anderem in Saudi-Arabien vorzufindende fundamentalistische Strömung des sunnitischen Islam, spielt hierbei eine Rolle. Er verbreitet sich wie ein Virus und versucht moderne Strömungen zu unterwandern.

Hängen die Ermordung des Lehrers Samuel Paty, der Anschlag in Nizza und das Attentat in Wien miteinander zusammen?
Patys Mörder (Abdullah Anzorov, Anm. d.Red.) war ein Tschetschene. Nach dem Ende des Tschetschenien-Krieges 2009 wollten die radikalisierten Tschetschenen ein freies Kalifat nach dem Vorbild des Islamischen Staates (IS) im Kaukasus aufbauen. Viele von ihnen sind für den IS in Syrien in den Krieg gezogen oder beteiligten sich am sogenannten Euro-Dschihad. Übrigens hat allein Österreich mehr als 30.000 Tschetschenen aufgenommen. Diese Leute wurden angeworben. Es bedurfte nicht viel, um sie zu einem Attentat zu bewegen. Als der französische Lehrer Paty seinen Schülern anhand der Karikaturen ein westliches Weltbild nahebringen wollte, wurde dies schon als Provokation betrachtet. Dahinter stand ein aus Marokko stammender, einschlägig bekannter Hassprediger, der den Lehrer mit einer „Fatwa“ quasi zum Freiwild erklärt hatte. Er ist auch in Polizeigewahrsam genommen worden. Der Attentäter war 18 Jahre alt und leicht zu manipulieren. Die kurze Zeitspanne zwischen den Anschlägen in Frankreich und Wien lassen darauf deuten, dass sobald im Westen ein Attentat verübt wird, es kurz danach zu weiteren kommt. Die Täter könnten sich gegenseitig inspiriert haben. Allerdings ist ständig von der logistischen Bereitschaft auszugehen. Die Dschihadisten sind immer bereit. Es ist nur eine Frage der Zeit, des richtigen Moments und die Frage, ob sie die richtigen jungen Leute finden, um zuzuschlagen.

Steckt also ein Netzwerk dahinter oder handelt es sich nur um einen losen Zusammenhang?
In Wien war das Netzwerk vorhanden. Es handelt sich um ein Zusammenspiel zwischen den bosnischen Dschihadisten mit ihren Moscheen und tschetschenischen Extremisten, die Leute rekrutieren und die ganze Logistik für Dschihadisten für den Einsatz bereitstellen. Das wissen die österreichische Polizei und der Inlandsgeheimdienst. Es kam in den vergangenen Jahren vermehrt zu Hausdurchsuchungen und auch zu Prozessen. Der Hassprediger Mirsad Omerovic, genannt Ebu Tejma, predigte in der Altun Alem Moschee in Wien Leopoldstadt, dass es die Pflicht eines jeden jungen Muslims sei, in den Dschihad zu ziehen. Er wurde 2016 von einem Gericht in Graz wegen der Bildung einer terroristischen Organisation und einer kriminellen Vereinigung sowie für Mord und schwere Nötigung zu 20 Jahren Haft verurteilt. Es ist nicht auszuschließen, dass der 20-jährige Nordmazedonier (Kujtim Fejzulai, Anm. d. Red.), der das Attentat verübte, im Umfeld der bosnischen Extremisten rekrutiert worden war. Er hatte auch Kontakt zur Islamistenszene in der Schweiz und – das ist bewiesen – zu den Tschetschenen.

Es gibt also eine bosnische und eine tschetschenische Islamistenszene in Österreich.
Ja, und ihr gemeinsamer Nenner ist der Dschihad. Die beiden radikalen Netzwerke arbeiten eng zusammen. Sie haben ein gemeinsames Fundament. Viele Tschetschenen, die einen wahhabistischen Islam praktizieren, kamen als Asylbewerber nach Österreich.

Es SCHIEN nur ruhig zu sein. Doch der Schein trog.

Was ist mit den nordafrikanischen Islamisten? Schließlich stammte der Attentäter von Nizza aus Tunesien?
Die Nordafrikaner spielen nach wie vor eine Rolle. Es gibt die „Al-Qaida du Maghreb“. Wir sprechen immer vom IS, aber Al-Qaida ist auch noch da. Der IS stand bis 2014 unter der Führung der Al-Qaida. Erst dann löste er sich davon. Heute ist der IS besonders in Nordafrika, Afghanistan und im Euro-Dschihad aktiv. So wie die bosnischen Dschihadisten, die sich in Moscheen wie in Österreich, aber auch in Luxemburg treffen. Mazedonien beziehungsweise Nordmazedonien – neben Bosnien-Herzegowina – Kosovo und Albanien, spielt ebenso eine Rolle. Dort begann der Wahhabismus Anfang der 90er Jahre sich durchzusetzen. Damals wurden Koranschulen gegründet, finanziert aus Saudi-Arabien. Und dort wurden auch junge Dschihadisten aus Bosnien in den Bergen ausgebildet. Darüber berichtete der bosnische Inlandsgeheimdienst bereits vor Jahren. Der nordmazedonische Attentäter von Wien ist also kein Zufallsprodukt.

Schien es nicht eine Weile ruhig zu sein? Nur ein Trugschluss, oder war der IS wirklich geschwächt?
In der Frage liegt die Antwort: Es SCHIEN nur ruhig zu sein. Doch der Schein trog. Die Terroristen haben einen Vorteil gegenüber den Nachrichtendiensten: Sie haben Zeit. Außerdem kämpfen sie an vielen Fronten – in Afghanistan, in Libyen, in anderen afrikanischen Ländern. Der Euro-Dschihad ist nicht ihre Priorität, aber nachdem sie in Syrien an Einfluss verloren haben, fördern sie auch ihn wieder verstärkt. Ihr Ziel eines panislamischen Staats im Stile eines Kalifats – je größer, desto besser – bleibt bestehen. Ebenso ihr Feindbild, das Christentum und das Judentum. Die Finanzierung läuft und reicht von Boko Haram (die islamistische Terrorgruppe aus dem Norden Nigerias, die auch in den nigerianischen Anrainerstaaten aktiv ist, Anm. d. Red.) bis zu der palästinensischen Terrororganisation Hamas. Das Geld stammt unter anderem aus dem Drogenhandel, Waffenhandel, aus Dokumentenfälschung und anderen kriminellen Aktivitäten. Um Terrorismus zu finanzieren, braucht man Geld.

Emmanuel Macron sagte einmal mehr, dass die Finanzierung der Dschihadisten gestoppt werden soll. Warum wurde dies nicht schon längst getan?
Er sagt das, was er schon gesagt hatte und was schon bekannt ist – und verkauft es als Neues. Das Geld geht über menschliche Kuriere an Moscheen, wo der jeweilige Imam es dann verteilt. Dabei werden immer wieder neue Wege gefunden. Das Ganze ist schwierig nachzuweisen. Zu dieser Ideologie gehört auch, Asyl in Europa zu beantragen und die Dschihadisten finanziell zu unterstützen. Aber das haben wir immer noch nicht richtig verstanden – oder wir haben es verdrängt.

Was wiederum Wasser auf die Mühlen der Islamophoben ist. Leider wird oft hinter jedem muslimischen Asylbewerber ein potenzieller Terrorist gesehen.
Ja. Man muss aber bedenken, dass ein Staat für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen hat. Das war im Zuge der Flüchtlingskrise nicht mehr möglich. Es war nicht mehr zu bewerkstelligen. Selbst wenn man sogenannte Gefährder ausfindig macht, hat man nicht immer die rechtlichen Möglichkeiten.

Der Attentäter von Wien war einschlägig bekannt. Warum wurde er nicht vorher aufgehalten?
Das Attentat hätte verhindert werden können. Nicht nur weil er bekannt war, sondern weil eine Information des slowakischen Geheimdienstes hinzukam. Dieser informierte über den Kauf der Waffe, die aber nicht aus der Slowakei kam, und den versuchten Munitionskauf – was darauf hinwies, dass es etwas passieren würde. Vielleicht hat es mit der bisweilen auftretenden Arroganz der Behörden zu tun, das nicht ernst genommen zu haben. Eine Kalaschnikow zu bekommen, ist jedenfalls kein größeres Problem.

Foto: Philippe Reuter

Zweiter Teil nächste Woche: Der Dschihadismus – auch eine Gefahr für Luxemburg.

André Kemmer
1973 in Luxemburg geboren, trat 1991 in die luxemburgische Armee ein und nahm an UN-Missionen im ehemaligen Jugoslawien teil. Danach wechselte er in den Polizeidienst und arbeitete unter anderem als Kriminalbeamter im Rauschgiftdezernat und in der Antiterroreinheit. Von 2004 bis 2008 war er für den Geheimdienst tätig und bei Auslandseinsätzen im Nahen Osten. Bis 2012 war er im Wirtschaftsministerium. Heute ist er als Schriftsteller tätig. Unter anderem veröffentlichte er Romane wie „Aminas letztes Geheimnis“ und „Das Geheimnis des Blutmondes“, ebenso „Der Geheimdienst Insider“.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Philippe Reuter

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