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Neuer Lebensweg

Raphael Betti hat einer angestrebten Karriere als Lehrer den Rücken gekehrt, um seiner Leidenschaft für das Cocktailmixen nachzugehen. Mit rasantem Erfolg.

Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass der 28-jährige Barkeeper mit den langen Locken, der runden Brille, dem sehr ernsthaften und konzentrierten Blick, der sich hinter dem Tresen des „Paname“ voll und ganz auf seine Aufgabe konzentriert, im kommenden September in Sydney für Luxemburg im Finale eines der weltweit renommiertesten Cocktailwettbewerbe stehen wird? Wahrscheinlich nicht viele. Raphael Betti gehört nicht zu dieser Spezies, die mit Flaschen jongliert und die Bartheke in Brand steckt. Nein, er wirkt eher… todernst. „Ich bin dermaßen auf meine Cocktails fokussiert, dass ich nichts mehr von dem mitbekomme, was um mich herum passiert“, meint er mit einem großen Lächeln im Gesicht.

Es ist beeindruckend, mit welcher Präzision und welchem Fingerspitzengefühl er nichts dem Zufall überlässt. Jede Geste, jede Bewegung scheint perfekt abgestimmt. „Es ist ein Handwerksberuf“, meint er. „Eine Herausforderung, die ich versuche zu meistern. Ich kann hier meiner Kreativität freien Lauf lassen. Es motiviert mich, mein bisheriges Können zu verfeinern.” Er habe in nur wenigen Monaten einen ganz neuen Beruf erlernt, mit seinen Codes und seinen Regeln. Es gibt kaum Gemeinsamkeiten mit seinem Studentenjob im Nachtclub Jahre zuvor. All dies bestärkt natürlich auch die Ambitionen des Neuankömmlings. Das „Paname” auf dem Pariser Platz ist bekannt für sein ganz apartes Ambiente, für seine schmackhaften und originalen Cocktails, die auf unendliche Feierabende einladen oder als fruchtige Wachmacher perfekt zum unverwechselbaren Sonntagsbrunch, mit den kultigen „Mac & Cheese & Truffe”, passen.

 ”Was ist ein guter Job? Das ist ein Beruf, der einen erfüllt.”
Raphael Betti, Bartender

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Hier fühlt sich Raphael Betti wohl, hier lebt er seit vergangenem Jahr seine Leidenschaft aus. Das Resultat eines fest entschlossenen Lebenswechsel. Raphael hatte mit Sicherheit eine erfolgreiche Karriere als Lehrer vor sich, mit einem angenehmen Gehalt, einer gewissen Berufssicherheit und einer sehr interessanten Anzahl an bezahlten Urlaubstagen. Trotzdem hat er den Job an den Nagel gehängt. „Ich wollte später nichts bereuen“, betont der junge Barkeeper. „Ich verdiene weniger und arbeite mehr“, verrät er. „Doch schlussendlich übe ich einen Beruf aus, der mir gefällt. Dementsprechend steht der finanzielle Aspekt nicht an erster Stelle.“ Eine Wahl, die natürlich für Überraschung gesorgt hat, sei es bei Freunden oder bei der Familie. Gerne gibt Raphael zu, dass die Eltern am Anfang eher skeptisch waren, trotzdem haben sie seine Entscheidung akzeptiert. Zugegeben, der Beruf hinter dem Bartresen wird noch zu oft als nicht gutbürgerlicher Job angesehen, wenn nicht sogar als abwertend abgestempelt, weil wahrscheinlich zu weit entfernt von einem klassischen „Nine-to-five“-Job. „Was ist ein guter Job?“, fragt Raphael Betti. „Das ist ein Beruf, der einen erfüllt.“

Ein Lebenswandel kombiniert mit einem steilen Aufstieg. Zwischen Longdrinks und Cocktails hat Quereinsteiger Betti einer Porridge-Mischung seinen Karriereschub zu verdanken. Denn der Drang, sich mit Gleichgesinnten zu messen, scheint den talentierten Bartender zu motivieren. Bereits mehrmals hat er an Wettbewerben teilgenommen, doch im vergangenen Frühjahr war es der „World Class“, ein weltweit angesehener Bartender-Wettbewerb. „Zum ersten Mal gab es auch eine Vorentscheidung in Luxemburg. Diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen“, erinnert sich Raphael. Von den insgesamt 20 Kandidaten gab es nur fünf erfolgreiche Bartender, die wiederum gegen die besten fünf Barkeeper aus Belgien antreten mussten. „Die vier besten sind anschließend nach Amsterdam geflogen, um sich dort mit den vier besten niederländischen Mixologen zu messen. Bei jeder gewonnen Etappe ist mein Ehrgeiz gewachsen. Es war unglaublich und so aufregend zugleich.”

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Den letzten Schritt aufs Siegertreppchen hat Raphael Betti einer Essgewohnheit aus Zeiten der Ausgangssperre während der Corona-Pandemie zu verdanken. „Zum Frühstück habe ich mir jeden Morgen Porridge zubereitet und damit herumexperimentiert“, verrät er ganz stolz. „Ich habe die erlernten Techniken und zahlreichen Erfahrungen aus dem ‘Paname’ angewendet, und so entstand ‘The Amazing Chocolate Banana Porridge’“. Bestehend unter anderem aus einem hausgemachten geklärten Bananensirup, geklärter Erbsenmilch und mit in Whiskey getränkten Bananen ist das Endresultat ein überraschender Drink, der anhand seines eher durchsichtigen Äußeren nicht erahnen lässt, welchen Geschmack er haben wird. „Dieser Sieg gibt mir nun die Möglichkeit, im kommenden September in Sydney gegen die weltweit 40 besten Barkeeper anzutreten.”

Aufgeregt ist er zurzeit noch nicht. Es ist vielleicht noch ein bisschen zu früh, doch er ist zuversichtlich. „Ich möchte mir einen Namen in der Branche machen”, verkündet er lachend. Träumt er vom Ruhm hinter der Bar? „Ich bin ehrgeizig“, betont er nur aufs Neue. „Mit Sicherheit möchte ich irgendwann meine eigene kleine Cocktailbar besitzen. Doch das geschieht nicht von Heute auf Morgen.“

Fotos: Georges Noesen

Paname
50, rue Sainte-Zithe
L-2763 Luxembourg
Tel. 24 87 31 62
www.paname.lu

 

Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, gibt es nichts Erfrischenderes als einen leckeren Cocktail. Bartender Raphael Betti hat sich für revue drei einzigartige Durstlöscher einfallen lassen. Einen finden Sie hier als Rezept der Woche, die anderen beiden in der aktuellen revue. Wir möchten Sie trotzdem daran erinnern, dass Alkohol mit Vorsicht zu genießen ist.

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Himbeer-Explosion

Fruchtig, erfrischend, rauchig und sommerlich zugleich

 

Zutaten:

4 cl rauchiger Whiskey
2 cl frischer Zitronensaft
4-5 frische Himbeeren
6 cl Ginger Ale

 

Zubereitung:

Alle Zutaten, bis auf Ginger Ale, im Shaker mischen. Die Himbeeren zerdrücken und mit Eis schütteln. Ins Glas gießen und mit Ginger Ale auffüllen. Mit zwei Himbeeren dekorieren und in einem Longdrink-Glas genießen.

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Dario Herold