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Nicht völlig harmlos

Luxemburg will bekanntlich den Weg der Legalisierung gehen, auch um den Konsum von hochpotentem Cannabis, wie es oft auf dem Schwarzmarkt angeboten wird, einzudämmen. Denn vor allem Produkte mit hohem THC-Gehalt sind aus gesundheitlichen Gründen nicht unproblematisch.

Was lange währt… 2018 hatte die aktuelle Majorität im Koalitionsabkommen festgehalten, dass Cannabis zum Freizeitgebrauch freigegeben werden soll. Im Wortlaut hieß es: „Eine Gesetzgebung über Cannabis zum Freizeitgebrauch wird ausgearbeitet werden. Deren Hauptziele werden sein: die Straffreiheit oder sogar die Legalisierung unter noch festzulegenden Bedingungen der Produktion im Staatsgebiet sowie von Kauf, Besitz und Konsum von Cannabis zum Freizeitgebrauch für den persönlichen Bedarf volljähriger Gebietsansässiger, das Fernhalten der Konsumenten vom illegalen Markt, die entschiedene Verringerung der damit verbundenen geistigen und körperlichen Gefahren und der Kampf gegen die Beschaffungskriminalität.“

Knapp vier Jahre und eine Pandemie später präsentierte Justizministerin Sam Tanson (déi gréng) Mitte Juni jetzt den Text, mit dem die Luxemburger Regierung gedenkt, Cannabis zu legalisieren. In der Kurzfassung: Eigenanbau (von vier Pflanzen pro Haushalt) soll in Zukunft möglich werden. Dass man im Straßenverkehr eine Null-Toleranz-Politik anstrebt, kann man durchaus nachvollziehen. Weniger aber den Antrieb, den die Regierung dazu motiviert, den Transport sogar von Kleinstmengen (unter drei Gramm) mit einem Bußgeld von 145 Euro belegen zu wollen oder dass der Anbau der Pflanzen von der Straße aus nicht zu sehen sein darf. Man gewinnt fast den Eindruck, als hätte die Regierung zwar gemerkt, dass der repressive Ansatz hinfällig sei, aber es bei der Umsetzung dann an dem nötigen Mut fehlt, einen offen(er)en Umgang in die Realität umzusetzen. Zwar verneinte Tanson, dass es Druck von den benachbarten Ländern gegeben hätte, dennoch darf man gespannt sein, was hierzulande passiert, wenn zum Beispiel Deutschland in Sachen Legalisierung einen progressiveren Umgang wählt.

Die Legalisierung von Cannabis in Nordamerika hat laut UNODC zu einem Anstieg des täglichen Konsums geführt.

Ein Blick auf den nationalen Drogenbericht für das Jahr 2021 verrät auf jeden Fall, dass sich in Luxemburg in den letzten Jahren kaum einer durch drohende Strafen vom Konsum von Cannabis hat abschrecken lassen. Der Bericht zieht unter anderem einen Vergleich zwischen den Jahren 2014 und 2019. Die Zahlen zeigen, dass der Cannabis-Konsum leicht nach oben gegangen ist, aber derart gering, dass es statistisch gesehen irrelevant sind. Sprich: Der Konsum hat hierzulande weder drastisch zugenommen noch spektakulär abgenommen. Cannabis bleibt aber bei weitem die am häufigsten konsumierte Droge. In der Alterskategorie zwischen 15 und 64 Jahren gaben 2019 23,3 Prozent an, schon einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben, 5,4 Prozent in den letzten zwölf Monaten und 2,3 Prozent im letzten Monat.

Der Europäische Drogenbericht für 2021 gibt weitere ausführliche Informationen zur Verbreitung und zum Konsum von Cannabis. Unter anderem kann man nachlesen, dass der „Cannabis-Konsum bei EU-Einwohnern im Alter von 15 bis 34 Jahren im vergangenen Jahr auf 15,4

Prozent geschätzt wird, wobei die Spanne zwischen 3,4 Prozent in Ungarn und 21,8 Prozent in Frankreich liegt.“ Laut Luxemburger Bericht sind es hierzulande in dieser Altersklasse zwölf Prozent, die in den letzten zwölf Monaten einen Joint durchgezogen haben. 209 Millionen Menschen sollen im Jahr 2020 Cannabis konsumiert haben (rund vier Prozent der Weltbevölkerung). Aus dem europäischen Bericht, der sich auch mit Trends und Entwicklungen beschäftigt, kann man entnehmen, dass der Preis pro Gramm über die Zeitspanne zwischen 2009 und 2019 relativ stabil blieb, während der Wirkstoffgehalt (der Prozentsatz von THC, dem Rausch bewirkenden Stoff der Hanfpflanze) in diesen zehn Jahren ständig zugenommen hat. Sowohl für den Harz (2019 zwischen 20 und 28 Prozent THC-Gehalt), wie auch für das Kraut (zwischen acht und 13 Prozent THC-Gehalt). Eine Tendenz, die seit Jahrzehnten Bestand hat. Experten schätzen, dass zwischen 1995 und 2015 der THC-Gehalt in Marihuana um insgesamt 212 Prozent stieg.

Vor allem die ständige Steigerung des THC-Prozentsatzes ist aus gesundheitstechnischer Sicht besorgniserregend, denn hochpotenter Cannabis (alle Produkte, die einen THC-Gehalt von über zehn Prozent aufweisen) ist keineswegs zu verharmlosen. Die Fachzeitschrift „JAMA Psychatrie“ hat im Jahr 2020 eine Studie publiziert, welche sich mit dem Konsum von dieser Art Cannabis beschäftigt. Eine der Erkenntnisse: Menschen, die regelmäßig Cannabis mit einem THC-Gehalt von mehr als zehn Prozent konsumieren, riskieren mit größerer Wahrscheinlichkeit, von der Substanz abhängig zu werden und Angstzustände zu entwickeln. Auch wenn die Ergebnisse der Studie nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind, weil sie sich auf die Angaben der Teilnehmer stützen, diese allerdings nicht überprüft werden konnten, so besteht dennoch der Verdacht, dass regelmäßiger Konsum von hochpotentem Cannabis Psychosen auslösen kann. Nur eine von mehreren Studien, in der sich Wissenschaftler mit der Wirkung und etwaigen Langzeitfolgen vom Konsum von Cannabis-Produkten beschäftigten.

Interessant aus dieser Perspektive ist ebenfalls der kürzlich veröffentlichte Weltdrogenbericht des „United Nations Office on Drugs and Crime“ (UNODC). Das Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung gibt in dem letzte Woche veröffentlichten Bericht unter anderem an, dass die Legalisierung von Cannabis in Teilen der Welt den täglichen Konsum und die damit verbundenen gesundheitlichen Auswirkungen zu beschleunigen scheint. Die Legalisierung von Cannabis in Nordamerika (in 18 Bundesstaaten kann mittlerweile Cannabis zu Freizeitzwecken konsumiert werden) hat laut UNODC zu einem Anstieg des täglichen Konsums geführt. Insbesondere junge Erwachsene würden öfter zu starken Cannabisprodukten greifen. Der Bericht spricht auch von der Wichtigkeit der Präventionsarbeit sowie der Wahrnehmungen und Fehleinschätzungen der Risiken beim Konsum. Es sei nämlich so, dass in Ländern, wo Cannabis legalisiert worden sei, die möglichen schädlichen Nebeneffekte falsch eingeschätzt würden und eben parallel psychiatrische Probleme, Suizidversuche und Krankenhausaufenthalte in Zusammenhang mit dem Cannabiskonsum mehr werden. Rund 40 Länder hätten der UNODC zufolge angegeben, dass Cannabis die Droge sei, die in ihren Gebieten verantwortlich für die meisten auf Drogenkonsum bezogene gesundheitliche Störungen ist.

So oder so wird gekifft, mit oder ohne Legalisierung, das hat die Vergangenheit gezeigt.

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Die Legalisierung hierzulande ist also ein Schritt, der vor allem dazu dienen soll, den Schwarzmarkt und den Konsum von Cannabis-Produkten mit hohem THC-Gehalt einzudämmen. Da der Staat allerdings hierzulande darauf verzichten will, selbst in den Verkauf einzusteigen, wäre es blauäugig, zu glauben, dass man den THC-Gehalt vollends drosseln könnte. Cannabis-Sorten haben nämlich einen gewissen maximalen potenziellen THC-Gehalt.
Wer sich auskennt, über einen gewissen grünen Daumen verfügt und minimal googeln kann, der findet ohne Probleme Anleitungen, wie man diesen maximalen Gehalt erreichen kann.

So oder so wird gekifft, mit oder ohne Legalisierung, das hat die Vergangenheit gezeigt. Luxemburg ist nur eins von vielen Ländern, die dabei sind, ihre repressive Haltung gegenüber Cannabis zu ändern. Ein erster Schritt, der von sachlichen Aufklärungskampagnen (bitte nicht wieder ähnliche Lachnummern wie die „Putain, ech fannen meng Klasse net méi“-Kampagne von vor rund zehn Jahren) begleitet werden sollte, und vielleicht die ideale Gelegenheit, um parallel über die Gefahren von Alkohol zu informieren.

Fotos: jcomp (Freepik), Dad Grass (Pixabay)

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Dario Herold