Home » Home » „Nichts wird uns jemals gegeben“

„Nichts wird uns jemals gegeben“

Die Organisation JIF veranstaltet am 8. März, dem Weltfrauentag, dazu eine Demonstration in der Hauptstadt. Es gibt sie doch, die Kämpferinnen in Luxemburg. Eine von ihnen ist Jessica Lopes.

Als ich Jessica das erste Mal sprechen höre, zündelt eine fast erloschene Flamme in mir. Ihr Kopf ist eines von 35 Bewegtbildern auf meinem Bildschirm. Ihre Stimme beherrscht die Technologie. Trotz Miniaturkopf und Laptoplautsprecher zieht Jessica jeden Blick der Teilnehmerinnen zurück auf den Bildschirm, der eben kurz zum Handy gewandert ist. Die Besetzung für die Präsentation der Forderungen hat die JIF passend gewählt. Jessica Lopes fordert. Feuer in der Stimme, kein Kompromiss, kein Zurückzucken. Ihre Sätze knallen wie Betonklötze in ein Treppenhaus, Aufschlag, Nachhall. Noch einer.

Es geht in dieser Geschichte nicht um Trillerpfeifenbestellungen und Mitmachaktionen zum Transparentemalen bei Apfelschorle. Es geht um den Kampf um Gerechtigkeit. Speerspitzen statt Malstiften.

Als ich vor einigen Monaten meinen Wohn- und Arbeitsort aus Frankreich nach Luxemburg verlegt habe, wurde mein erst kürzlich kultivierter Sinn für Aktivismus von der Dampfwalze geplättet. In einem Jahr Nantes hatte ich mich daran gewöhnt, mich von Pfefferspray-Schwaden, klirrenden Schaufenstern und Polizeihundertschaften auf die Straße locken zu lassen, der Neugier und Sensationslust folgend. Der Gemeinschaftssinn ist berauschend. In Frankreich sind alle laut. In Luxemburg, so lernte ich nun, alle verhalten. Vorsicht und Diplomatie. Nicht Jessica Lopes.

PR2_4313-KopieZwei Wochen nach dem Open Meeting über Zoom sitzt sie mir im Keller der ASTI gegenüber. Dort berät sie als Sozialarbeiterin Migranten ohne Papiere. Jessica hat gerade die Permanence beendet, 18 Uhr, ihre Kollegin verabschiedet sich und bald sind nur noch die Reinigungskräfte und wir im Gebäude. Einen Kaffee braucht sie jetzt. Denn um 20 Uhr winkt noch ein Vorbereitungsmeeting für die Journée internationale des femmes (JIF). Bei der JIF vertritt Jessica die Asti, zwei Stunden ihrer Wochenarbeitszeit stehen ihr dazu zur Verfügung, oft verbringt sie auch ihre Freizeit damit. Denn in der JIF hat sie ein Zuhause gefunden. Jahrelang war sie aus Luxemburg weg gewesen, hat in Portugal in einer Einrichtung für Migranten gearbeitet, dann zum Master in Delhi. Als sie 2019 zurückkam, waren ihre Freunde von früher auf anderen Wellen, verheiratet samt Wohneigentum, während Jessica ihr Leben neu sortierte.

Der Tag, an dem Frauen ihre Arbeit niederlegen, wird das Machtgefälle klar werden. Jessica Lopes

Sie kam zum OGBL als Zentralsekretärin im Reinigungssektor, zur JIF, dann zur ASTI. In der JIF findet ihr politischer Aktivismus Gehör. „Die JIF-Mitglieder arbeiten vor Ort und kennen die Probleme. Feministische Diskussionen bewegen sich zu oft auf einem intellektuellen Level. Man streitet darüber, wie man etwas nennt. Natürlich ist eine inklusive Sprache wichtig. Natürlich ist es unfair, dass Männer ihre Brustwarzen auf Socialmedia zeigen dürfen und Frauen nicht. Aber es ist viel unfairer, dass alleinerziehende Mütter, die 40 Stunden die Woche arbeiten, nicht genug verdienen, um ihre Kinder zu ernähren oder in Luxemburg Miete zu zahlen. Migrantinnen, die kein Luxemburgisch sprechen, Reinigungskräfte, Pflegekräfte, Kassiererinnen, mit niedrigen Qualifikationen, arbeitende Mütter, die Tag für Tag die Grenze überqueren. Diese Frauen haben keine Repräsentation in der politischen Arena in Luxemburg, kein Wahlrecht. Das ist der Beitrag, den ich zu Feminismus in Luxemburg bringen möchte.”

Jessica-2020-(c)-Editpress-Julien-Garroy-KopieJessica hat den Kampf mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Mutter ist Kellnerin und hat sie und ihren Bruder in Luxemburg allein großgezogen, nachdem ihr Vater weg war. In der ASTI begegnet ihr täglich die mentale Last, die die Köpfe niederdrückt. „Es sind immer die Mütter, die Verantwortung übernehmen. Ich hatte nie einen Vater hier sitzen, der mir sagte, ich bin besorgt, ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn mein Kind krank wird, weil wir keine Krankenversicherung haben. Das passiert einfach nicht.”

Eine der Forderungen der JIF ist eine generelle Reduzierung der Arbeitszeit für alle Arbeitnehmer bei gleichbleibendem Lohn. So hätten alle mehr Zeit für die Aufgaben zu Hause. Ich unterschätze Jessicas Elan, als ich frage: „Glaubst du, dass die Regierung euch das geben wird?“ Jessica Lopes Worte stehen in keinem Skript. Sie sind ihr in die Brust gemeißelt. Überzeugung, die Gänsehaut macht. Sie hebt die Stimme: „Der Tag, an dem Frauen kollektiv ihre Arbeit niederlegen, wird das Machtgefälle klar werden. Dann ist die Frage nicht, ob sie es uns geben werden. Das Wahlrecht wurde uns nicht gegeben. Nichts wird uns jemals gegeben. Ja, ich glaube, dass wir eine Arbeitszeitreduzierung erreichen werden, ich glaube auch, dass wir eine längere Elternzeit haben werden. Ich glaube sehr stark daran. Denn Leute vor uns haben es geschafft.“

In der Wohnung ihrer Mutter hat Jessica sich ein Büro eingerichtet. Die Porträts der Bürgerrechtlerinnen Angela Davis und Rosa Parks blicken von der Wand in dem kleinen Raum, der früher das Kinderzimmer ihres Bruders war.

Text: Franziska Peschel / Fotos: Philippe Reuter (2), Julien Garroy (Editpress) (2)

Gut zu wissen
In der JIF sind 25 Frauen organisiert, Vertreterinnen der politischen Parteien und der wichtigsten sozialen Einrichtungen sowie anderer Institutionen. Das ganze Jahr über leisten sie Lobbyarbeit und Aufklärung. Zum 8. März organisieren sie den Frauenstreik. Hauptforderung des Streiks sind gerechte Arbeitsteilung und -bezahlung. Das schließt unbezahlte Care-Arbeit ebenso ein wie die Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor. Zudem sollen Väter ebenso wie Mütter nach der Geburt des Kindes einen verpflichtenden bezahlten dreimonatigen Urlaub bekommen.

Das Programm für Montag, den 8. März: 12 bis 13.30 Uhr Demonstration online. Um 17 Uhr versammelt sich der Demonstrationszug am Bahnhof von Luxemburg und zieht zur Place d‘Armes.

Weitere Infos auf www.fraestreik.lu.

Author: Philippe Reuter

Login