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Nur so nebenbei

Die junge Songwriterin Hannah Ida berührt mit ihren Songs über die Gesellschaft und die Natur. Ob Konzertreihe oder Festival – diesen Sommer bespielte sie fast alle aktiven Bühnen.  

Verschwindend klein sieht Hannah Ida aus. Schlaghose, langes Haar, schmale Gestalt, mit einer großen bauchigen Gitarre vor dem Körper, inmitten der schwarzen Untiefen der großen Bühne am Kirchberger Amphitheater. Ohne Vorgerede beginnt sie ihr erstes Lied mit butterweicher Stimme. „He smokes a cigarette and he has no plan. Badadada.“ Sie wirkt etwas nervös, als sie sich für den ersten Applaus bedankt und sagt: „Ich bin Hannah Ida und ich bin ganz froh, dass ich heute ein bisschen Musik für euch machen kann. Ich habe noch nie vor so vielen Leuten gespielt.“

Oft steht sie mit ihrem langjährigen Freund und Bandkollegen Florian Van Kooy auf der Bühne. Vergangene Woche wärmte sie allein als Voract beim Festival „Pond Eclectic“ am Amphitheater in Kirchberg das Publikum für den schwedischen Songwriter José González auf. Etwas Aufregung in der Stimme, doch sympathisch. „Das nächste Lied heißt Appletree. Das hab ich für meine Eltern geschrieben.“ Sie singt davon, wie es ist, weit weg zu sein, wenn das Zuhause fehlt. „Home is paradise.“ Mit diesem zweiten Song hat sie schon mehr Größe eingenommen. Zwei weitere, und ihre Präsenz füllt die Bühne aus.

Nachdem sie in den letzten Monaten oft zwischen Wien und Luxemburg pendelte, wird Hannah ab Oktober ganz der österreichischen Hauptstadt Tochter. Sie fängt dort ein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft an. Die Musik will sie nicht zum Hauptberuf machen. „Im Moment fühlt es sich komisch an“, sagt sie. „Mir ist neulich im Gespräch mit Freunden aufgefallen, dass ich nie sage, dass ich Musikerin bin. Letztes Jahr habe ich gesagt, ich bin Schülerin und mach ein bisschen Musik, jetzt sage ich, ich arbeite und mach ein bisschen Musik. Nächstes Jahr werde ich wahrscheinlich sagen, ich studiere und mach ein bisschen Musik.“

Nur so nebenbei eben wird sie von den großen Veranstaltern auf Bühnen gebeten, begann schleichend damit, Interviewanfragen zu beantworten und dachte irgendwann, vielleicht sollten sie doch mal professionelle Fotos machen lassen. „Ich könnte mir aber nicht vorstellen, nur Musik zu machen. Ein Lied schreiben ist etwas sehr Persönliches für mich. Ich brauche den Ausgleich.“

„Ich war immer jemand, der gerne zuhört.“
Hannah Ida

Ihr erstes Lied schrieb sie im Sommer 2018. „Da war ich auf einer Reise auf einem Segelschiff in Schweden und Dänemark und habe mich das erste Mal verliebt. Er hat ganz gut Gitarre gespielt, wir haben gejammt und ich hab dazu gesungen. Dann habe ich das erste Lied geschrieben und gemerkt, dass mir das gut tut.“ Die Liebe hat zwar das Segelschiff überlebt, die Entfernung aber nicht. Ihre Musik dafür schon, sie wurde zu einem Ventil für Hannahs Kreativität. Lange hatte sie nach dem einen Kanal gesucht, ihre Eltern sind beide künstlerisch aktiv, ihr Bruder macht Filme. Früh spielte sie Cello.

„Ich war immer jemand, der gerne zuhört“, erklärt sie. „Wenn ich durch eine große Stadt gehe, habe ich den Drang, mich den Geräuschen hinzugeben, mehr als den Bildern.“ „Landfills“, ihre im Juni erschienene Single, eröffnet sie mit Kreischen der Möwen, das sie bei einem Strandspaziergang mit dem Handy aufgenommen hat. Die Sehnsucht nach Meer, die dieses Geräusch ausdrückt, symbolisiert gut, worum es in dem Lied geht: das Gefühl der fehlenden Freiheit. „Wir haben das in einer Zeit geschrieben, wo wir super frustriert waren. Es war Winter, Corona, und wir hatten einfach Lust, rauszugehen, zu feiern.“ In dieser Zeit war das Mantra, das ihr und ihren Freunden auferlegt worden ist, Rücksichtnahme auf Ältere, auf die Gesellschaft. „Das ist natürlich nachvollziehbar, aber wir als junge Menschen haben uns im Stich gelassen gefühlt, weil auf uns auch niemand Rücksicht nimmt – darauf, dass wir einen Anspruch auf ein Leben in der Zukunft haben, ohne Umweltkatastrophen. Das Lied spiegelt einerseits den Frust, geht aber auch darum, das Leben trotzdem zu genießen, diese Wanderlust. Man braucht eine gute Balance.“

Die Möwen am Strand verdankt sie einem Praktikum bei einer Fischerei. Ebenso wie die Geschichte eines Fischers, die sie in ein Lied verwandelt hat und auf dem „Pond Eclectic“ mit den Worten einführt, diese Lebensgeschichte habe sie sehr berührt. Ebenso berührt das Lied. Über dunkle, treibende Beats aus dem Synthesizer spricht sie mit kräftiger Stimme, die nachhallt – die Einleitung zum melancholischen Song über den Fischer, der auf die Gezeiten hört und Geschichten erzählt, denen niemand zuhört. Da ist es wieder: Badadadada.

Die enge Freundschaft zu Florian wurde zum Motiv für „East of Eden“.

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Viele ihrer Lieder zeigen ihren Hang zur Natur. „Ich schreibe gern metaphorisch und glaube, dass sich viel Menschliches in der Natur widerspiegelt. Das Wetter kann zum Beispiel wütend sein wie ein Mensch oder friedlich, wenn die Sonne scheint.“ Ihre Laune richtet sich auch danach. Hannah ist perfektionistisch. Bei „Landfills“ wartete sie so lange mit der Veröffentlichung, bis sie zufällig auf die Möwen stieß. Denn etwas fehlte noch.

Nach anstrengender Arbeit im Studio, mit Co-Produzenten und Mixern für ihre erste Single, war sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Es ist nicht so geworden, wie sie sich das vorgestellt hatte. „Landfills“ und „East of Eden“ liefen, wie Hannah es will, aufgenommen in dem kleinen Zimmer von Florian Van Kooy. „Das war perfekt für uns. Dieses Gemütliche, zwischendurch Kaffee trinken, runtergehen, mit der Familie reden, dieser Bedroom-Pop, den wir ganz cool finden.“ Die enge Freundschaft zu Florian wurde zum Motiv für „East of Eden“. „Oft denken Menschen, dass wir zusammen wären. Wir haben das Gefühl, wir können in dieser Gesellschaft als Junge und Mädchen oder Frau und Mann nicht befreundet sein, das hat uns so genervt. Wenn ich mit einer Freundin zusammen Musik machen würde, wäre das eine andere Thematik. Das hat uns traurig gemacht und wütend, weil unsere Freundschaft nicht gesehen wird, sondern nur zwei Geschlechter, die zwangsläufig was miteinander haben.“ Gesellschaftskritik – dafür ist Kunst nun mal da. Und darin steht sie ihrem Vorbild, der feministischen Songwriterin Alice Phoebe Lou in nichts nach.

Für „Galaxy“ stimmt sie auf der Bühne der Coque eine repetitive elektronische Melodie auf einem Mini-Synthesizer an, den sie im vergangenen Jahr auf einem Flohmarkt gefunden hat. Nicht nur der Titel ist an Alice Phoebe Lou angelehnt, sie taucht mit Galaxy ganz in die Soundwelten der südafrikanischen Songwriterin ein. Herauskommt ein wunderschönes Lied, melancholisch und verträumt. Hannahs Stimme greift nach den Höhen und stürzt in die Tiefen, die sie so gut beherrscht. „I want to be part of your galaxy.“ Nach diesem Lied hat sie auch die Stufen des Amphitheaters eingenommen und sitzt fest in den Ohren ihrer Zuhörer.

Text: Franziska Peschel, Fotos: Sam Flammang, Pit Reding

Author: Dario Herold

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