Home » Home » Ohne Zensur

Ohne Zensur

In den Karriereinterviews, die das Fußballmagazin „11Freunde“ mit Stars wie Lothar Matthäus und Pelé geführt hat, herrscht kein eitel Sonnenschein. Gerade deshalb ist das Buch „Der Fußball, mein Leben & ich“ so interessant.

Fußballer werden nach dem Aus ihrer Karriere oft gebeten, von früher zu erzählen. Von epischen Schlachten, verschossenen Elfmetern, bitteren Abstiegen und in letzter Minute errungenen Meisterschaften. Genau das will die Redaktion von „11Freunde“ nicht, als die Reihe „Der Fußball, mein Leben & ich“ 2010 als feste Rubrik gestartet wird. Wer interessiert sich schon für altbekannte Geschichten, die in unzähligen Sammelbänden niedergeschrieben sind? Stattdessen werden Gespräche geführt, in denen Journalisten und Profikicker gemeinsam durch die Jahrzehnte spazieren und dabei skurrilen Begegnungen und witzigen Anekdoten aufspüren.

Nicht jeder Fußballer, der auf dem Feld ein Held ist, kommt mit dem Erwartungsdruck zurecht.

Allerdings gerät dieser Plan bereits beim ersten Interview ins Wanken. Sigfried Held, eine der prägendsten Figuren der Dortmunder Borussia in den 1960er und 1970er Jahren, zeigt sich nämlich ziemlich mundfaul. Erst als die Weltmeisterschaft 1966 und 1970 angesprochen wird, schmilzt das Eis, beginnt der ehemalige Profikicker über den Spaß zu plaudern, den er mit Sepp Maier und Max Lorenz auf den Straßen von London gehabt hat. Wieviel Alkohol damals mit ihm Spiel gewesen ist, verrät er jedoch nicht. Ins Buch hat es diese Anekdote letztlich nicht geschafft. Stattdessen kommen Pelé, Lothar Matthäus und Jean-Marie Pfaff sowie 17 weitere Helden des runden Balls zu Wort. Nicht jedes Mal laden die Gespräche zum Schmunzeln ein. Es geht nämlich auch um den unglaublichen Druck, der auf Fußballern lastet. Um mit den hohen öffentlichen Erwartungen fertig zu werden, greifen manche zu Schmerzmitteln oder – wie Uli Borowka – zur Flasche.

„Während des Trainings dachte ich ständig ans Trinken“, gibt der Abwehrspieler aus dem Sauerland, der seine Profilaufbahn in Gladbach beginnt, mit Werder Bremen zwei Mal Meister und Pokalsieger wird und 2011 seine Autobiografie „Volle Pulle“ veröffentlicht, offen zu. Der Alkohol hätte ihm geholfen, dass der Erfolg und der damit verbundene Stress ihm nicht über den Kopf wächst. Helfen lassen will er sich nicht. Und wenn Journalisten nachfragen, warum er beim Morgentraining fehlt, hält Trainer Otto Rehhagel schützend seine Hand über ihn: „Der Uli hat was mit dem Magen.“ Mannschaftsinterna haben nicht nach außen zu dringen. Irgendwann sind die Saufeskapaden indes nicht mehr zu verbergen. Uli baut einen Autounfall und verbringt eine Nacht in der Ausnüchterungszelle. Einmal wacht er sogar unter einer Brücke auf und kann sich an nichts mehr erinnern. Freunde bringen ihn schließlich in eine Entzugsklinik. Heute ist er mit sich im Reinen. Obwohl er es auch als trockener Alkoholiker nicht leicht gehabt hat.

Selbstverständlich liest man zuerst die Interviews mit Stars. Lothar Matthäus, zum Beispiel. Auch in seinem aktiven Leben hat es Momente gegeben, in denen er an der Belastung, immer der Beste und gleichzeitig das sportliche Vorbild einer ganzen Generation zu sein, fast erstickt wäre. „Wenn man nicht wie Messi spielt, gibt es auf dem Platz nur wenig Zeit zum Lachen.“ Damit, dass Journalisten ihm gern den Beinamen „der gelernte Innenausstatter aus Herzogenaurach“ geben, kommt er klar. Nicht jedoch mit der unfairen Art und Weise, wie er von den Medien in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Seit vielen Jahren. In Italien wird er „Il Grande“ genannt, in Deutschland ist er der „Lodda“. Dabei ist der Rekordnationalspieler des DFB der bislang einzige Deutsche, der zum „Weltfußballer des Jahres“ gekürt worden ist. Und auch ich habe meine Meinung über ihn mittlerweile geändert. So trottelig, wie er rüberkommt, ist er gar nicht. Im Gegenteil.

In „Der Fußball, mein Leben & ich“
kommen etliche Geschichten ans Tageslicht, die so noch
nie erzählt worden sind.

Gleichermaßen überrascht haben mich mehrere Aussagen von Jean-Marie Pfaff: Fußball soll vor allem Spaß machen. Aha. Oder dass er Fußball anfangs nie als Geschäft verstanden hat. Hat er? Gut, beim Provinzklub KSK Beveren bekommt er 60 Euro Grundgehalt und zusätzlich rund 100 Euro pro Punkt. Die Handschuhe und sein Schuhwerk muss er selbst bezahlen. Weshalb er mit Anfang 20 eine Ausbildung zum Bankkaufmann macht. Und als er Uli Hoeneß 1982 inkognito in einem Düsseldorfer Hotel trifft, zögert er, sein Angebot anzunehmen. Die Bundesliga macht ihm Angst. Aber da seine Frau ihm anscheinend mit Scheidung droht, falls er nicht unterschreibt, wird er Torwart beim FC Bayern München. Zum Glück. Ist doch eine schöne Geschichte, oder?

Das Tolle an dem Buch ist, dass man nicht viel von Fußball verstehen muss, um die Interviews wertzuschätzen. Man muss auch nicht wissen, wie oft Edson Arantes do Nascimento, besser bekannt als Pelé, Weltmeister und in seiner Heimat Brasilien Meister und Pokalsieger geworden ist. Weitaus interessanter zu erfahren ist, dass er einer der wenigen ist, der den Rummel um seine Person geliebt hat. Er ist gern ein Star gewesen. Das sind Klaus Thomforde, der wegen seiner aggressiven und extrovertierten Spielweise den Spitznamen „Tier im Tor“ bekommen hat, oder Tim Wiese, der nach seiner Fußballerkarriere als „The Machine“ in den Wrestling-Ring gestiegen ist, mit Sicherheit auch, aber in einem kleineren Ausmaß. Was sämtliche Gespräche verbindet, ist eine gewisse Unverblümtheit. (Fast) keiner der Protagonisten nimmt ein Blatt vor den Mund. Einzelne gehen sogar mit sich selbst recht hart ins Gericht. Und wenn René Müller darüber spricht, dass Berufsfußballer in der DDR Leibeigene gewesen sind, die nur einen Bruchteil dessen verdient haben, was Kollegen in der BRD verdienten, wird aus seinem Gespräch sogar ein zeitgeschichtliches.

Kein Wunder, dass die Rubrik „Der Fußball, mein Leben & ich“ derart beliebt wird und ist. Denn es ist genau diese Art von Interviews, die man lesen möchte. Eine unterhaltsame Mischung aus Fakten und Persönlichem, aus mitunter unschönen Erinnerungen und ernüchternden Blicken hinter die Fassade. Und wenn Pierre Littbarski, der als Sonnyboy mit Goldkettchen und blonden Strähnchen im Haar dahergekommen ist, am Ende seine Gesprächs eine japanische Weisheit zum Besten gibt und von einer Frau erzählt, die nach dem Tsunami im Jahr 2011 vor dem Schutthaufen steht, der zuvor ein Dorf gewesen ist, und dem Journalisten, der sie fragt, warum sie dort steht, antwortet: „Weil ich unser Haus wieder aufbauen werde. Aus genau diesen Steinen“, ist man schon ziemlich baff.

Fotos: Volker Schrank, Delius Klasing Verlag

web_eben-und-ich_9783667121073_Cover-KopieErschienen bei
Delius-Klasing, 176 Seiten, mit 120 Fotos und Abbildungen,
24,90 Euro,
www.delius-klasing.de

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Dario Herold

Login