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Pendler

Kein Genre ist Luc Feit fremd. Vor keiner Herausforderung hat er Angst. Mal spielt er einen pedantischen Rechtsmediziner, mal einen Behinderten. In „Schtonk!“ wird er Opfer einer gigantischen Fälschung.

Das Theater ist ein magischer Ort. Weil es mit einfachen Mitteln einen Zufluchtsort schaffen kann. Dass es die Welt zudem verändern kann, wäre etwas zu viel verlangt, aber dennoch sind und bleiben Bühnen offene Häuser mit vielen Zimmern, in denen man – wenn auch nur für die Dauer einer Vorstellung – die Wirklichkeit vergessen oder über sie nachdenken kann. Das Theaterstück „Schtonk!“ beruht auf dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1992 und auf dem wohl größten deutschen Medienspektakel des 20. Jahrhunderts: die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher.

Kurze Rückblende: Im April 1983 erklärt das Magazin „stern“, dass es im Besitz geheimer Dokumente des Führers sei. Wenige Tage später werden erste Auszüge der angeblichen Tagebücher gedruckt. Auflage: 2,4 Millionen. Doch es dauert lediglich zwei Wochen, bis eine Untersuchung des Bundeskriminalamts bekannt gibt, dass es sich bei den Büchern um Fälschungen handelt. Konrad Kujau wird verhaftet und muss für vier Jahre und sechs Monate hinter Gittern. Nach seiner Haft wird das Schlitzohr zum Talkshow-Publikumsliebling, kandidiert sogar bei den Oberbürgermeisterwahlen in Stuttgart und verkauft seine mit dem Stempel „gefälscht“ versehenen Bilder zu überteuerten Preisen.

Helmut Dietl verfilmt den Skandal als Realsatire. Und als eine Warnung vor dem falschen Umgang mit dem Mythos des Dritten Reichs. Dass es fast 15 Jahre gedauert hat, bis die Story den Weg auf die Bühne findet, ändert nichts an deren Aussage. Im Gegenteil. In Zeiten von Rechtspopulisms und Fake News könnte „Schtonk!“ aktueller gar nicht sein. Zu gern hätte ich Luc Feit in der Rolle des überschwänglichen Allround-Fälschers und notorischen Betrügers gesehen, doch er schlüpft in Harald Weilers Inszenierung in die Haut des Reporters, der sich mit dem Kauf der heruntergekommenen Jacht von Reichsmarschall Hermann Göring finanziell überschätzt hat und nun auf der Suche nach einem sogenannten Knüller ist. Als ein Antiquitätenhändler ihm etwas anbietet, von dessen Existenz bislang niemand etwas zu ahnen gewagt hat – das geheime Tagebuch Adolf Hitlers –, wittert er seine große Chance. Allerdings wird aus dem ersehnten Hype (wie bereits erwähnt) ein fatales Desaster.

Bei der Erstaufführung des Stücks in Esslingen vor zwei Jahren ist viel gelacht worden. Vor allem über die Tanzeinlagen. Fast zeitgleich wird in den USA das Unwort des Jahres 2017 bekannt gegeben: Fake News. Gemeint sind nicht belegbare Nachrichten, die als Tatsachen salonfähig gemacht werden. Passt doch perfekt auf „Schtonk!“, oder? Dass sich die Buchautoren Helmut Dietl und Ulrich Limmer dafür entschieden haben, aus dem brisanten Stoff keine Geschichtsunterrichtsstunde zu machen, sondern eine unterhaltsame Komödie mit aufgedrehtem Tempo und Slapstick, kommt Luc Feit ziemlich zupass.

Die wahre Geschichte der Fälschung bricht dem Reporter Gerd Heidemann das Genick. Auch in der Bühnenfassung muss Hermann Willié um seine Reputation als ernst zu nehmender Journalist kämpfen, aber es macht Spaß, ihm dabei zuzuschauen. Und ehrlich gesagt: Es tut gut, mit Maske und mit Abstand in einem Theatersaal zu sitzen und zu erleben, wie toll die reale Begegnung mit Menschen ist. „Schtonk!“ stand bereits im April auf dem Spielplan des Escher Stadttheaters, und außer mir haben sich damals viele auf das Wiedersehen mit Luc Feit gefreut. Zwischenzeitlich tauchte der Luxemburger Schauspieler, der seit Jahren in Berlin lebt, in der dritten Staffel der deutschen Erfolgsserie „Babylon Berlin“ auf – als pedantischer Rechtsmediziner, dem winzigste Details Gesetz sind und der sicher gestellte Haarproben und Blutspuren so lange kriminaltechnisch untersucht, bis er irgendetwas Brauchbares gefunden hat.

Luc-Feit-in-Schtonk!-©-Dennis-Satin-Kopie

In „Schtonk!“ ist er alles andere als pingelig. Er geht schlampig vor, lässt sich an seiner Spürnase herumführen und tappt prompt in die Falle. Eigentlich müsste man einem Mann, der wie er vor Sensationsgier blind geworden ist, Verachtung entgegenbringen, geht aber nicht. Stattdessen ertappt man sich dabei, sich selbst zu fragen, was man in der gegebenen Situation getan hätte. Selbstverständlich geht es um Moral und darum, dass jemand sich schuldig gemacht hat und dafür bestraft werden muss, aber in gewisser Hinsicht spielt Gerechtigkeit in dieser Geschichte keine Rolle. Wichtig ist lediglich, dass etwas stattfindet. Dass man innehält und nachdenkt. Vor allem über die Kraft des Theaters, die in der Covid-19-Pandemie arg auf die Probe gestellt wird. Auch wenn es derzeit drängendere Probleme als die Aufführung eines Theaterstückes gibt, Kunst und Kultur sind durchaus systemrelevant. Ich bin jedenfalls sehr froh, wieder ins Theater gehen zu dürfen. Darüber hinaus ist ein Abend in Gesellschaft von Luc Feit immer etwas Besonderes. Und bestätigt die Behauptung der Lyrikerin Annette Andersen, dass der Mensch wie guter Wein ist und mit den Jahren reift und immer wertvoller wird.

Fotos: Dennis Satin, X-Filme

 

Am 21. November um 20 Uhr sowie am 22. November um 18 Uhr  im Cube 521 in Marnach.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Dario Herold

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