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Psychologische Kriegsführung

Der Mensch liebt den Sport. Vor allem aber liebt der Mensch das Gefühl des Gewinnens. Damit das gelingt, greifen Athleten jeder Art und Qualität gerne zu mehr als nur ihrer Bewegungskunst. Auch die kommunikative Waffe des Trash-Talking kommt zum Einsatz.

Fußball-WM 2006. Beim Stand von 1:1 stichelt das italienische Enfant Terrible Marco Materazzi gegen Frankreichs Superstar Zinédine Zidane, danach folgen Beleidigungen. Erzürnt wendet sich Zidane dem Italiener zu und verpasst ihm einen Kopfstoß. Materazzi sieht Gelb. Zidane fliegt mit Rot vom Platz. Am Ende gewinnt Italien das WM-Finale im Elfmeterschießen. Ein großer Moment der Sporthistorie, der eben nicht alleine durch sportliche Klasse entschieden wurde, sondern auch durch kommunikative Kriegsführung. Durch Trash-Talking.

„Sollst du nicht eigentlich einer der besten Spieler sein?“ Allen voran die Amerikaner haben Frank Muller während seiner aktiven Karriere beim T71 Düdelingen immer wieder wissen lassen, wenn er schlecht spielte. „Aussagen dieser Art sollen den Gegner in seiner Konzentration stören oder ihm das Selbstvertrauen rauben“, erklärt Muller die Idee hinter Trash-Talking. Universell zeichnet sich der Sport als solches durch den Vergleich körperlicher und mentaler Leistungen aus. Das direkte Beeinflussen der mentalen Leistungsfähigkeit des Gegners erscheint daher wie ein geschicktes Mittel auf dem Weg zum ultimativen Ziel: dem Sieg.

490_0008_14677567_23_10_2016_Editpress_335436-KopieTrash-Talking historisch auf den Grund zu gehen ist knifflig. Einige Historiker sehen seinen Ursprung im martialischen Kontext. Demnach sei es üblich gewesen, in Kriegssituationen mithilfe gezielter Nachrichten an die Gegner, deren Truppen zu verunsichern. Das Kriegsfeld mit dem Spielfeld zu vergleichen, ist gewagt. Doch liegt sowohl den Aktionen der Kriegsführenden als auch denen der Sportler der gleiche Wille zugrunde: die Destabilisierung des Gegners in der Hoffnung, den Sieg einzufahren. Wenngleich sich der Einsatz unterscheidet.

Jeder Sportler reagiert anders. Der eine ist danach komplett aus dem Konzept. Der andere nimmt dich danach komplett auseinander. Frank Muller

Frank-Muller-Kopie„Es ist ein Teil vom Sport“, erkennt Muller. Der mittlerweile nicht mehr aktive Basketballer habe persönlich nur selten daran teilgenommen: „Mein Fokus lag auf meiner Leistung und nicht darauf, die des Anderen durch Worte zu schmälern. Wenn überhaupt, habe ich auf Aussagen anderer reagiert, aber auch nur selten.“ Sein langjähriger Mitspieler Tom Schumacher sei anders vorgegangen: „Tom hat sich öfter daran beteiligt. Er war einer der Spieler, die dadurch besser werden konnten. Es hat ihn scheinbar nochmal extra motiviert.“ Ein Beweis dafür, dass Trash-Talking durchaus auch den gegenteiligen Effekt haben kann. „Jeder Sportler reagiert anders. Der eine ist danach komplett aus dem Konzept. Der andere nimmt dich danach komplett auseinander.“

Mirko Mosr

Eishockey / 24 Jahre
„Im Eishockey wird quasi dauerhaft Trash-Talking betrieben. Es ist ein sehr physischer Sport, weswegen man sich prinzipiell auch etwas mehr erlauben kann als in anderen Sportarten. Man versucht unter die Haut des Gegners zu kommen und ihn aus dem Konzept zu bringen. In den Situationen muss man sich natürlich selbst unter Kontrolle haben. Das Coole ist, dass nach den Spielen normalerweise alles wieder in Ordnung ist, ganz egal, wie viel geredet wurde.“

Joy Krier

Handball / 24 Jahre
„Ich denke, da gibt es einen klaren Unterschied zwischen Männer- und Frauenhandball. Bei uns Frauen kommt das relativ selten vor. Wenn überhaupt, dann entweder während eines Siebenmeters oder am Kreis. Ich persönlich habe allerdings noch keine Erfahrung damit gemacht. Bei den Männern weiß ich, dass deutlich mehr gesprochen wird und das auch ganz klar mit dem Ziel, den anderen aus dem Konzept zu bringen.“

Michel Erpelding

Boxen / 26 Jahre
„In den zehn Jahren, in denen ich jetzt boxe, habe ich noch nie Trash-Talking erfahren. Das ist etwas, was im Olympischen bzw. Amateur-Boxen einfach nicht gemacht wird, weder vor noch während des Kampfes. Würde jemand während des Kampfes etwas sagen, müsste der Schiedsrichter sogar eingreifen. Im Profi-Boxen ist das natürlich etwas anders. Da geht es dann allerdings vor allem darum, möglichst viel Show zu machen, um möglichst viele Tickets zu verkaufen.“

Bob Bertemes

Kugelstoßen / 28 Jahre
„Ich würde behaupten, dass im Kugelstoßen eher das Gegenteil von Trash-Talking passiert. Man verbringt sehr viel Zeit unter Konkurrenten, da kommt es dann eher vor, dass man dem anderen zu einem guten Stoß gratuliert. Dass jemand versucht hätte, seine Gegner zu verunsichern, habe ich jetzt noch nicht miterlebt.“

Lis Fautsch

Fechten / 34 Jahre
„Das Fechten eignet sich definitiv für Trash-Talking. Es geht darum, den Gegner einzuschüchtern und ihr oder ihm zu zeigen, wie gut der letzte Treffer war. Ich persönlich habe allerdings nie etwas erlebt, was über die Grenzen des Anstandes hinausging, weiß aber von einer Freundin, dass eine amerikanische Gegnerin ihr mal androhte: ‚Ich werde dich umbringen.‘ Nach den Kämpfen läuft aber alles wieder sehr kollegial ab.“

Jim Mayer

Darts / 27 Jahre
„Es gibt durchaus Trash-Talking im Darts. Vor allem aber auf professionellen Niveau. Auf unserem Level wird eher einmal im Hintergrund gehustet, um den Gegner zu stören. Es gibt aber auch einen Spieler hier in Luxemburg, der andauernd meckert, selbst wenn er gut spielt. Damit versucht er seinen Gegner aus der Fassung zu bringen.“

Fiona Steil

Schach / 32 Jahre
„Während einer Schachpartie gibt es kein Trash-Talking per se. Das Sprechen mit dem Gegner ist verboten. Es gibt allerdings Spieler, die mit ihrer Körpersprache spielen, entweder durch demonstratives Nachvornelehnen oder das Schneiden von Grimassen. Schneidet der Gegner nach einem Zug eine Grimasse, kann das einen zum Zweifeln bewegen. Etwas direkter ist das Trash-Talking drumherum. Vor allem auf Twitter gibt es regelmäßig Breitseiten von und für Schachspieler.“

Nicolas Wagner

Dressurreiten / 29 Jahre
„Der Dressursport ist sehr viel mit Diskretion verbunden. Daher sind die meisten Reiter auch eher darauf ausgelegt, ihr Ding zu machen. Die eigene Konzentration steht da eher im Vordergrund als der Versuch, irgendjemanden zu beeinflussen.“

Doch so sehr Trash-Talking zum Sport gehört, so wichtig sind Grenzen. „So lange die Anmerkungen oder Beleidigungen nicht auf persönlicher Ebene passieren, kann ich damit leben“, stellt Muller seine Sicht klar. Situationen, in denen die Gürtellinie unterschritten wurde, waren in Mullers Karriere rar. Doch beim Blick in die Profiligen ändert der Ton. Je höher der Einsatz, desto niedriger die Hemmschwelle. Der angesprochene Materazzi soll 2006 die Schwester und Mutter von Zidane aufs Übelste beleidigt haben. Basketball-Ikone Kevin Garnett soll während einer NBA-Partie 2010 einen Gegner, der unter Haarausfall litt, als „Krebspatienten“ bezeichnet haben. Beide Anekdoten zeigen, wie tief das Niveau sinken kann.

Man versucht unter die Haut des Gegners zu kommen und ihn aus dem Konzept zu bringen. In den Situationen muss man sich natürlich selbst unter Kontrolle haben. Mirko Mosr

Doch Trash-Talking ist nicht gleich Trash-Talking. Dessen Art und Rolle variiert nach Sportart. „Ich glaube schon, dass es Sportarten gibt, die sich besser für Trash-Talking eignen als andere“, spekuliert Muller. Kriterien für die Kompatibilität zwischen Sportart und Trash-Talking aufzustellen, ist allerdings schwierig: „Ich glaube, dass Sportarten mit direktem Gegnerkontakt und Spielunterbrechungen sich am besten eignen. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass im 100-Meter-Sprint viel Trash-Talking betrieben wird.“ Auch die Anzahl an Sportlern könnte eine Rolle spielen. Gerade in direkter Relation zur Anzahl an Unparteiischen. Immerhin gehört es zu deren Aufgaben, solche Konversationen zu unterbinden, und sind die Schiedsrichter in deutlicher Unterzahl, ist es einfach, mit Trash-Talking durchzukommen. Ein authentisches Bild darüber, wie es um Trash-Talking in den einzelnen Sportarten steht, haben jedoch nur die Sportler selbst. Und bei denen haben wir nachgefragt.

Text: Daniel Baltes // Fotos: Gerry Schmit, Luis Mangorrinha (2) (beide Editpress), LIHPS

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Author: Philippe Reuter

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