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Raus aus dem Touristenrummel

Seit Ende Mai sind die Touristen zurück in Rom und mit ihnen der Massentourismus. Trotzdem gibt es im Süden der italienischen Hauptstadt ein Stadtviertel, das einigermaßen verschont bleibt.

„Das ist das wahre Rom“, meint ein Bekannter von mir, als er mir ganz begeistert von einem Stadtviertel berichtet, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Garbatella. Der Name klingt wie der Titel eines Films von Federico Fellini, aus Zeiten, als Cinecittà eine Traumfabrik war.

Die italienische Hauptstadt war für mich bisher jedes Mal eine Mischung aus Begeisterung und Enttäuschung. Im Zeitalter des Massentourismus gerät die Schönheit der römischen Sehenswürdigkeiten schnell in den Hintergrund. Fast beneide ich die Römer, die während der Coronakrise vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben die Fontana di Trevi, den größten Brunnen Roms, ohne diesen permanenten Ansturm von Besuchern bewundern konnten. Wie schön wäre denn die Piazza di Spagna, wäre sie menschenleer. Stattdessen werden Touristen mit der Trillerpfeife von den 135 Marmorstufen der Spanischen Treppe verscheucht, um zu verhindern, dass sie sich dort niederlassen. Einige Straßen entfernt, auf der Piazza del Popolo, hat jemand eine Tüte und Burger-Verpackungen mit dem gelben M eines bekannten Schnellrestaurants vor den 24 Meter hohen ägyptischen Obelisk geschmissen.

Es ist, als sei die Zeit irgendwo in den fünfziger Jahren stehen geblieben. Ist das „La Dolce Vita“?

Nein, ganz ehrlich, so hatte ich mir die Wunder Roms nicht vorgestellt. Umso mehr war ich also begeistert, als ich an einem Freitagabend, dank einer Bekanntschaft, in das sehr lebendige Stadtviertel Garbatella eintauchen durfte. Ein totaler Kulissenwechsel. Ein Arbeiterviertel mit vielen kleinen Gassen und vielen kleinen ockerbraunen Einfamilienhäusern, alle dicht aneinander geklebt. Es herrscht eine Dorfatmosphäre, mitten in der Stadt. Unglaublich. In den Straßen rennen Kinder einem abgenutzten Fußball hinterher, die Eltern sitzen samt Freunden und Nachbarn auf den roten Treppen dieser unnachahmlichen Arbeiterwohnungen. Es wird heiß diskutiert, natürlich mit den typischen Handbewegungen, während von Haus zu Haus, über die Gasse hängend, die Wäsche an einer Leine in der warmen Septembernacht trocknet.

Fontana di Trevi

Fontana di Trevi


Piazza di Spagna, mit der weltbekannten Spanischen Treppe und seinen 135 Marmorstufen.

Piazza di Spagna, mit der weltbekannten Spanischen Treppe und seinen 135 Marmorstufen.

Es ist, als sei die Zeit irgendwo in den fünfziger Jahren stehen geblieben. Ist das „La Dolce Vita“?, frage ich mich, während aus der Ferne Musik zu hören ist. Kaum zu glauben, dass dieser Vorort erst vor 100 Jahren entstanden ist. Am 18. Februar 1920 wurde der Grundstein von Garbatella gelegt, um den Bauarbeitern eine Unterkunft zu bieten. Ein populärer und lebendiger Stadtteil, der sich an britischen Gartenstädten inspiriert. Im Gegensatz zu anderen Vororten ist Garbatella von der Architektur her fast intakt geblieben und größtenteils leben hier immer noch Arbeiterfamilien oder deren Nachkommen.

Ein angenehmer Duft liegt in der Luft. Es ist der einer typisch römischen Spezialität, die einmal jährlich im September in Garbatella auf einem Art Abendmarkt mit zahlreichen Einwohnern gefeiert wird. Der „Roma Baccalà“, auf Deutsch der römische Bacalhau. Das „Filetti di baccalà“, eine römische Delikatesse, ist mit Sicherheit der beste Backfisch, den ich je gegessen habe. Schön kross. Mamma Mia!

Am 18. Februar 1920 wurde der Grundstein von Garbatella gelegt, um den Bauarbeitern eine Unterkunft zu bieten.

Am 18. Februar 1920 wurde der Grundstein von Garbatella gelegt, um den Bauarbeitern eine Unterkunft zu bieten.


Garbatella, ein Arbeiterviertel mit vielen kleinen Gassen und diesen typischen ockerbraunen Fassaden, alle dicht aneinander geklebt.

Garbatella, ein Arbeiterviertel mit vielen kleinen Gassen und diesen typischen ockerbraunen Fassaden, alle dicht aneinander geklebt.

Den Rest des Abends verbringen wir im „Al Ristoro degli Angeli“. Ein Restaurant neben dem „Teatro Palladium“, im Herzen des charmanten Vororts, das absolut empfehlenswert ist. Hier gibt es römische Klassiker ohne Schnickschnack und zu einem ganz erschwinglichen Preis. Zu empfehlen sind die hausgemachten Ravioli mit der Füllung des Tages oder den „Baccalà Al Forno Con Pomodorini Capperi E Olive“, ein gebackener Kabeljau mit Kirschtomaten, Kapern und Oliven, vorbereitet von Gastgeberin Elisabetta Girolami. Eine etwas exzentrische Nonna, mit grünem Haar, die alle im Stadtviertel kennen. Hier ist sie aufgewachsen, doch bekannt ist sie weit über die Grenzen von Garbatella. Mehrmals wurde ihr Lokal bereits vom renommierten „Guide Michelin“ mit einer positiven Wertung gekürt. Dieses Jahr wurde „Al Ristoro degli Angeli“ mit dem „Bib Gourmand“ des französischen Hotel- und Reiseführers ausgezeichnet, mit dem Vermerk gute Qualität und preiswerte Küche.

Das Viertel sollte man auf keinen Fall verlassen, ohne an der „Fontana della Carlotta“ vorbei zu schauen. Sie erfüllt angeblich die Wünsche aller Besucher, die auf der Suche nach der wahren Liebe sind. Sie brauchen nur drei Schlucke Wasser aus dem Brunnen zu trinken und schon steht einer großen Romanze nichts mehr im Weg.

Text: Jérôme Beck // Fotos: Pixabay, Unsplash, Aurelio Candido (flickr), A. Novelli © Galleria Borghese – Ministero della Cultura © Damien Hirst and Science Ltd. All rights reserved DACS 2021/SIAE 2021

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Mein ganz persönlicher Tipp

Es gibt zurzeit zwei ganz gute Gründe die „Galleria Borghese“ zu besuchen. Lassen Sie sich auf keinen Fall die neue Ausstellung vom britischen Designer Damien Hirst, dem „enfant terrible“ der zeitgenössischen Kunst, entgehen. „Archaeology Now“ ist eine bis dahin nie dagewesene Begegnung zwischen einem unnachahmlichen Ort, seinen antiken und barocken Meisterwerken und zeitgenössischen Werken, entstanden aus Hirsts wilden Fantasien. Es ist eine regelrechte Konfrontation zwischen Alt und Modern. Seine Werke sind größtenteils aus Bronze, Marmor oder Malachit und vermischen sich auf eine ganz unglaubliche Art und Weise mit den klassischen römischen Skulpturen und Kunstwerken der Renaissance, die zu Dauerausstellung der „Galleria Borghese“ gehören. Ein Mix, der perfekt gelungen ist, verbunden mit einem Hauch von Kitsch, aber immer maßvoll. Bei verschiedenen Kreationen könnte man annehmen, sie seien mehrere Jahrhunderte alt.

2_ARCHAEOLOGY-NOW_Damien-Hirst_Galleria-Borghese-KopieEin weiterer Grund, sich einen Besuch im römischen Kunstmuseum nicht entgehen zu lassen: Zurzeit müssen Sie sich das künstlerische Talent des Damien Hirst und seine Werke mit fast keinen anderen Besuchern teilen. Fast! Coronabedingt dürfen nur um die 200 Besucher die „Galleria Borghese“ zeitgleich besuchen. Das gibt dem Galeriegebäude und seinen Kunstwerken eine ganz neue Dimension und Sie können sie solange bewundern, wie Sie möchten. Und diese unbeschreibliche Stille. Ein Gefühl, als seien Sie ganz alleine auf Erden. Ein wunderschönes Alleinsein, das man sich öfters in einem Museum wünscht.

Denken Sie dran: Die „Galleria Borghese“ können Sie nur mit Reservierung besuchen. Sie müssen dementsprechend auch einen Impfnachweis, einen Genesungsnachweis oder einen negativen Test vorlegen. Im Museum gilt eine generelle Maskenpflicht.

„Archaeology Now“ noch bis zum 7. November – Galleria Borghese – 5, Piazzale Scipione Borghese, 00197 Rom.

Author: Philippe Reuter

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